Eschweiler: Stück „Engel mit nur einem Flügel“ fesselt Eschweiler Publikum

Eschweiler : Stück „Engel mit nur einem Flügel“ fesselt Eschweiler Publikum

„Ich bin Jude. Das war im Jahr 1942 der entscheidende Unterschied zwischen anderen Kindern und mir!“ Ein einfacher Satz, der das daraus folgende Grauen höchstens andeutet, es aber dennoch spürbar macht. Am Samstagnachmittag erklang er auf der Bühne der gut besuchten Aula des Städtischen Gymnasiums aus dem Mund von Puppenspieler Ralf Kiekhöfer, der seine jungen und auch älteren Zuhörer fesselte.

In seinem Stück wandelt Kiekhöfer auf den Spuren der Erinnerungen des jüdischen Jungen Robert Goldstein. Der Darsteller war im Rahmen der von der Kulturinitiative Städtisches Gymnasium Eschweiler präsentierten Reihe „Nixx wie hin! — Kinderkultur in Eschweiler“ mit dem Theater Töfte aus dem westfälischen Halle zu Gast, um das vielfach ausgezeichnete Stück „Engel mit nur einem Flügel“ zu präsentieren.

Drastische Veränderungen

Robert ist ein im besten Sinne ganz normaler Junge, der seine Eltern sowie Schwester Sara liebt und gerne die Abenteuer von Baron Münchhausen mit seinen besten Freunden Anna und Joshua nachspielt. Doch die Umwelt von Robert verändert sich drastisch: In den Zeitungen liest er immer häufiger die Worte „Juden raus!“. Sein Vater schrubbt beinahe täglich Schmierereien von der Hauswand. Und Robert muss wie viele andere auch einen gelben Stern tragen.

„Kleiner, schreiender Mann“

Als Joshua eines Tages nicht zur Schule kommt, streicht der Lehrer Dr. Lehmann seinen Namen einfach aus der Schülerliste. „Jetzt haben wir mehr Luft zum Atmen“, lautet der Kommentar des „Pädagogen“, der „spuckt und sabbert“, wenn er vom Krieg spricht und Adolf Hitler und den Soldaten dankt, „wenn über der deutschen Heimat wieder die Sonne aufgegangen ist“. Überhaupt Adolf Hitler! „Ein kleiner, schreiender Mann, der die Juden hasst“, weiß Robert. „Aber ich mag ihn auch nicht“, zahlt er es ihm in Gedanken heim. Doch was ist eigentlich ein Jude? „Hat etwas mit dem Glauben zu tun. Aber an den lieben Gott glauben wir doch eigentlich alle. Vielleicht beten wir Juden etwas anders?“, ist Robert ziemlich ratlos, warum die Juden „an allem“ Schuld sein sollen. Doch die Zeiten werden immer schlechter. Der nicht sehr helle, aber starke „dicke Wilhelm“ droht Robert, ihm die „Judennase“ abzureißen. „Wir wollen nicht, dass ein Judenbengel mit einem deutschen Mädel spielt“, erklärt er. Es kommt, wie es kommen muss: Annas Vater verbietet seiner Tochter, mit Robert zu spielen.

Das „Zuhause“

Eines Tages wird Roberts Familie aus ihrer schönen Wohnung geworfen. Das neue „Zuhause“ ist ein Kellerraum mit wenig Licht, aus dessen Fenster man nur Schuhe, häufig schwarze Stiefel, erkennen kann. Den Mut verlieren Robert und Vater Aaron aber noch nicht. Zum Heinz Rühmann-Song „So ein Regenwurm hat‘s gut“ tanzen sie durch ihren Kellerraum. Dann geht alles ganz schnell. Auch der Keller wird geräumt. Fünf Minuten haben die Goldsteins Zeit, ihr Hab und Gut zusammenzuraufen. Der Weg führt zum Bahnhof, wo ein Zug mit dem Zielort Theresienstadt steht.

„Mit freundlichen Augen“

Vater Aaron weiß, was die Stunde geschlagen hat, bewahrt Robert gegenüber aber die Ruhe und ergreift Mitten in Frankreich die Gelegenheit, wenigstens seinen Sohn zu retten. Als der Viehwaggon hält und Aaron mit dem Bauern Pierre „einen Fremden mit freundlichen Augen“ entdeckt, zwängt er seinen Sohn durch eine Lücke der Bretterwand. Pierre und seine Frau Madelaine nehmen Robert auf und verstecken ihn. Eines Tages lautet im Radio die Nachricht „La guerre c´est fini“, der Krieg ist beendet. Inzwischen hat Robert einen Brief an den lieben Gott geschrieben, mit der Bitte, ihm seine Familie zu schicken. Er möchte auf den Eiffelturm steigen und sie von dort losschicken. Einige Jahre später, Robert arbeitet inzwischen in Paris im Restaurant von Francois, dem Bruder von Bäuerin Madelaine, trifft er durch eine glückliche Fügung seinen Vater wieder. Dieser zeigt ihm seinen Arm, auf dem die Nummer B624537 prangt und eröffnet ihm, dass Mutter und Schwester Sara nicht mehr leben. „Jede hat nun ihren eigenen Stern. Auch Tante Esther und Onkel Ephraim“, ist Robert sicher.

Von unschätzbarem Wert

Langanhaltender Applaus der spürbar bewegten Zuschauer folgte. Ein bemerkenswertes Theaterstück, das schreckliche Ereignisse auf eine Art und Weise thematisiert, die es auch sehr jungen Menschen möglich macht, sich mit der Vergangenheit und der Zeit des Nazi-Terrors auseinanderzusetzen. Ein Theaterstück von unschätzbarem Wert, schließlich darf diese Vergangenheit unter keinen Umständen noch einmal Gegenwart werden.

„Die Stromer“

Am Samstag, 3. März, folgt Teil vier der Kinderkultur in Eschweiler. Dann ist ab 16 Uhr das Theater „Die Stromer“ aus Darmstadt in der Aula des Städtischen Gymnasiums mit „SPOG“, dem „Spiel ohne Grenzen“ zu Gast.

Karten zum Preis von fünf Euro gibt es in der Buchhandlung Oelrich & Drescher, Neustraße 10, sowie im Sekretariat des Hauptgebäudes des Städtischen Gymnasiums, Peter-Paul-Straße 13. Weitere Informationen sind im Internet unter www.nixxwiehin.de zu erhalten.

(ran)
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