Sieben Jahre nach Eschweiler Hüpfburg-Posse: Statt Hartz IV jetzt Doktor der Humanbiologie

Sieben Jahre nach Eschweiler Hüpfburg-Posse : Statt Hartz IV jetzt Doktor der Humanbiologie

Vor sieben Jahren geriet die Abiturientia des Städtischen Gymnasiums Eschweiler in die deutschlandweiten Schlagzeilen: Eine Verleihfirma von Hüpfburgen hatte dem Jahrgangsstufensprecher Maik Luu per Mail nicht nur eine Absage erteilt, sondern die Pennäler zudem beschimpft.

70 Prozent der Studenten würden in „Hartz IV“ landen, lautete die These. Der gesamte Mail-Dialog führte schließlich zu einem großen Shitstorm im Netz. Luu selbst hat nun auf seine Weise geantwortet, indem er nicht nur sein Studium an der Universität Marburg in Windeseile abschloss, sondern sich jetzt auch Doktor nennen darf.

„Mit nur 25 Jahren hat er seine Promotion im Fach Humanbiologie (Biomedical Science) am Fachbereich Medizin der Philipps-Universität mit Summa cum laude abgeschlossen – und das auch noch in Rekordzeit: nur zwei Jahre und vier Monate hat es bis zur erfolgreichen Verteidigung der Doktorarbeit gebraucht“, teilt die Universität Marburg mit. Schon bei seinem Abitur sei ihm klar gewesen, dass er Biomedizin studieren wolle, schildert Luu, nachdem er schon während der Schulzeit erste Erfahrungen im Programm „Studieren vor dem Abitur“ der RWTH Aachen gesammelt hatte.

Immer wieder denkt er an die Zeit vor sieben Jahren zurück, die er heute noch als „sehr intensiv und aufregend“ empfindet. Nachdem der Dialog zwischen dem Jahrgangsstufensprecher und der Verleihfirma zunächst in unserer Zeitung abgedruckt und der Artikel in sozialen Netzwerken gepostet worden war, stand das Telefon nicht mehr still. Die Geschichte verbreitete sich wie ein Lauffeuer im Internet: Bei Facebook wurde er innerhalb von vier Tagen 10.000 Mal geteilt. Dabei erhielten die Eschweiler Schüler Zuspruch aus der gesamten Republik. Sogar aus dem Ausland meldeten sich Menschen und kritisierten die Haltung des Unternehmens. „Das hat natürlich gut getan“, gesteht Luu. Eine Hüpfburg stand dennoch auf dem Schulhof beim Abiturscherz – gespendet von einer anderen Firma.

Wie Luu haben sich die Schüler der Jahrgangsstufe nicht von ihrem Weg abbringen lassen. Dennoch hat die Erfahrung Spuren hinterlassen. „Beim erneuten Lesen des Gesprächsverlaufs von damals zwischen Maik Luu und der Hüpfburgfirma ist mir wieder schlecht geworden“, sagt Kevin-Tobias Weiss. Ihn verschlug es nach dem Abitur zur Deutschen Marine, wo er den Rang eines Unteroffiziers im Signalbetrieb bekleidet. Seine Einsätze führten ihn unter anderem ins Mittelmeer, wo man sich an der Flüchtlingsrettung und an der Beseitigung von Altlasten und Kampfmitteln wie Minen, Bomben und Torpedos, bei denen es nicht zur Sprengung kommt, beteiligt.

Auch der Lebensweg von Miriam Engels entspricht nicht der Prognose der Verleihfirma. Sie arbeitet inzwischen im Forschungszentrum Jülich, nachdem sie ihr Biologiestudium mit dem Master abgeschlossen hat. Mehr noch: Sie hat im Jahr 2017 mit ihrer Promotion begonnen. Gut möglich, dass auch sie sich irgendwann einmal Doktorin nennen darf. Dabei erntete sie nach ihrem Abitur zunächst Absagen, ehe dann im September 2012 die Zusage der Universität in Düsseldorf kam. Ursprünglich wollte sie einen Ausbildungsberuf ergreifen. „Der Weg war so nie geplant, aber es sollte so sein, dass ich ein Studium nach meinem Abitur starte, um dort zu landen, wo ich nun aktuell stehe“, sagt sie heute.

Alle Lebenswege seiner ehemaligen Mitschüler kennt Maik Luu nicht. Seine Doktorarbeit trägt den vielsagenden Titel „Immunomodulatory effects of HDAC and proteasome inhibitors in inflammation and carcinogenesis“. Darin geht er der Frage nach, wie das Immunsystem auf unterschiedliche Bakterien der Darmflora und deren Stoffwechselprodukte reagiert. „Vielleicht können wir mit meiner Forschung einen Beitrag dazu leisten, chronische Darmentzündungen zu lindern“, hofft er. Für seine Forschung in Marburg erhielt er auch finanzielle Unterstützung: Die Von-Behring-Röntgen-Stiftung des Landes Hessen finanziert das Vorhaben mit etwa 100.000 Euro für ein Jahr.

Keine Hüpfburgen mehr

Der heutige Schulleiter des Städtischen Gymnasiums, Winfried Grunewald, war vor sieben Jahren Lehrer an der Schule. „Heute kann ich über die Aussagen des Unternehmens nur schmunzeln“, sagt er. Natürlich könne man nicht alle Lebensläufe der Schüler weiterverfolgen, eines ist für ihn jedoch sicher: „Die Aussage, dass 70 Prozent der Studenten letztlich Hartz IV beziehen würden, ist absurd.“

Zu der Verleihfirma hat Maik Luu keinen Kontakt mehr aufgenommen. Dort zeigte man sich vor sieben Jahren wenig einsichtig: In einer Anfrage bestätigte das Unternehmen seine per Mail geäußerte Meinung. Wenige Monate nach dem Vorfall rühmte sich der Verfasser der Firmenmail im Internet, dass der Shitstorm die „beste Werbung“ gewesen sei. Zumindest existiert das Unternehmen noch heute, Hüpfburgen stehen jedoch nicht mehr zum Verleih.

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