Eschweiler: Städtische Musikgesellschaft: Jeder Akkord trifft die Zuhörer ins Herz

Eschweiler: Städtische Musikgesellschaft: Jeder Akkord trifft die Zuhörer ins Herz

Das war ein Top-Ereignis für viele Musik liebende Eschweiler: St. Peter und Paul, die große Kirche am Markt, war fast bis zum letzten Platz gefüllt, als Maestro Jeremy Hulin dort den Taktstock hob und zusammen mit Chor und Orchester der Städtischen Musikgesellschaft sowie anderen Mitwirkenden eines der bedeutendsten Werke des Barock aufzuführen.

Es schlägt bis heute die Freunde gepflegter Klänge in seinen Bann — die am Karfreitag 1729 in Leipzig urausgeführte Matthäus-Passion von Johann Sebastian Bach. Und tatsächlich gelang es dem englischen Dirigenten und seinen Mitstreitern, die Aufführung so zu gestalten, dass jeder Akkord die Zuhörer im Herzen berührte.

Was Hulin und die große, große Schar der Mitwirkenden(zu den Mitgliedern des etatmäßigen Orchesters noch Gastkollegen hinzu engagiert worden) da über fast drei Stunden lang zu Gehör brachten, war alles andere als ein Stück aus dem Museum, sondern lebendiges, bewegtes Theater von Akkorden und Noten, aufgeladen mit christlicher Bedeutung — und vor allem mit zeitloser Emotionalität. Denn das machte die Aufführung in Eschweiler über die Zahl der Ausführenden hinaus und den Eindruck, den die physische Präsenz von so vielen Menschen nun mal auch und gerade in einem geweihten Raum macht, zum Erlebnis: Sie war aufgeladen mit dem persönlichen Einsatz aller Beteiligten. Nicht nur dass jeder Ton saß und sich zusammen mit Dutzenden von anderen zu einer stimmigen Melodie fügte — in den Arien, Rezitativen und Chorälen steckte so spürbar viel starkes Gefühl, dass es die Zuhörer über den rein körperlichen Akt des Hören hinaus in der Seele berührte.

Dass dieser künstlerische Kraftakt ein so intensives Erlebnis war, lag mit an einer kleinen Schar: Obwohl sie einen nur Minuten kurzen Auftritt hatten: Unter der Leitung ihrer Lehrerin Annette Zumbroich lieferten Natalja Anders, Zoe Eckers, Caroline Göbbels, Alix Hillmann, Meredith Laurs, Simon Lingemann, Anna und Nicola Katzenbach sowie Mascha und Johann Wunsch vom Städtischen Gymnasium als so genannter Ripienochor trotz zarter Stimmen einen eindrucksvollen Beitrag, den die Pädagogin aus der ersten Bank sitzend mit sparsamen Gebärden formte.

Nachgerade tänzerisch und beschwörend wirkten die Zeichen von Jeremy Hulin, bei dem die Gesamtleitung lag. Dass er die Cembalobegleitung nicht auf einem Originalinstrument, sondern auf einem modernen Synthesizer spielte: Das konnte nur mitbekommen, wer rechtzeitig gekommen war und einen Platz in den vorderen Reihen ergattert hatte.

An zig Details der Passion war klar erkennbar, dass Chor- und Orchestermitgliedern die professionelle Probenarbeit mit dem Briten, ehemals Erster Kapellmeister am Theater Aachen, wohlgetan hatte. Dabei ging es nicht um gesangs- und spieltechnische Selbstverständlichkeiten. An jedem Einsatz oder anderen Detail war zu spüren, dass Sänger und Instrumentalisten einander so gut zuhörten, dass es nicht den kleinsten Fehler oder andere Reibungsverluste gab. Vor allem aber haben sich der künstlerische Leiter und die Seinen Bachs speziellen musikalischen Dialekt so gründlich erarbeitet, dass jeder Ton und jeder in Klänge gehüllte Affekt so wirkte als sei er erst neulich aufs Notenpapier gesetzt worden. So war es mit Bach wie mit Elvis, dem König des Rock’n’Roll: Er lebt, und seine Musik tanzte mit einer Vitalität durch die Hallen von St. Peter und Paul, dass es noch draußen auf dem Markt zu spüren war.

Dass das so war, gehört natürlich auch zu den Verdiensten der vier Solisten Toos van der Wal (Alt), Mami van Mulken-Kamezaki (Sopran), Luke Mitchell (Tenor) und Chanho Lee (Bass): Ihre Beiträgen leuchteten nur so vor dramatischer Kraft und trugen maßgeblich mit zum Erfolg bei.

Dass die Klassikfans aus der Inde-stadt und darüber hinaus den Akteuren begeistert Beifall spendeten und alle Mitwirkenden feierten — wen kann das da noch ernsthaft wundern.

Mehr von Aachener Zeitung