Städtepartnerschaft zwischen Eschweiler und Sulzbach-Rosenberg

Städtepartnerschaft : Eschweiler mit dem „Ruhrgebiet des Mittelalters“ verbunden

Wenn es zwei Gesichter gibt, die die Städtepartnerschaft zwischen Eschweiler und Sulzbach-Rosenberg auf den Weg gebracht haben, dann sind es die von Stephan Lenzen und Hans-Werner Kuster. Die beiden verbinden Dinge, die einen das ganze Leben prägen.

Das ist heute der Karneval, sie gehören der KG Narrenzunft Pumpe-Stich an, Stephan Lenzen war 2011 Eschweiler Prinz. Viel wichtiger ist aber ihre berufliche Vergangenheit, denn beide haben in den EBV-Hütten beziehungsweise später bei den Eschweiler Röhrenwerken gearbeitet. Kuster von 1971 bis 2016, Lenzen von 1984 bis 2016, zuletzt war er Betriebsleiter in dem Werk, das zur Maxhütte gehörte, bis diese im September 1987 Konkurs anmelden musste. Und die hatte ihren Sitz eben in Sulzbach-Rosenberg in der Oberpfalz.

1985 ist eine Belegschaft aus Eschweiler das erste Mal in den Süden gereist, zum Fußballturnier, das jedes Jahr zum Rohrwerkfest stattfindet. „Wir haben das Finale 3:2 gegen das Werk aus Sulzbach gewonnen. Und zum Dank wurden wir im nächsten Jahr nicht mehr eingeladen“, erzählt Lenzen, der als Karnevalist weiß, wie man mit Ironie umgeht. Wo gewonnen wird, da wird gefeiert, und wo gefeiert wird, da wird verschlafen. Also verpassten fünf Eschweiler am nächsten Morgen die Abfahrt mit dem Bus und mussten spätnachmittags den Zug zurück nach Hause nehmen. Jenes Turnier und die lange Feier danach im Fahrradschuppen auf dem Werksgelände war die erste große Begegnung zwischen Eschweilern und Sulzbach-Rosenbergern, sagt Stephan Lenzen.

In der rund 20.000-Einwohner-Stadt wird nicht nur gefeiert, wenn Rohrwerkfest ist, dort lässt es sich auch niemand nehmen, beim legendären Altstadtfest die Krüge zu heben, auch nicht eine kleine Gruppe von Eschweilern. Denn dort finden sie neben gutem Bier auch die Faschingsgesellschaft Knappnesia, mit denen sie eng befreundet sind, obwohl Karneval dort Fasching heißt und dieses eine Wort ausgerufen wird, das nicht Alaaf ist. „Wir sind nach den ersten Kontakten in unregelmäßigen Abständen mit zehn, fünfzehn Mann von der Narrenzunft zum Altstadtfest gefahren. In den vergangenen 13 Jahren dann jedes Jahr“, sagt Lenzen, als er am vergangenen Wochenende im Brauereigasthof Sperber sitzt.

Eschweiler besiegelt neue Städtepartnerschaft

Vor jenem Wirtshaus saßen Lenzen und Hans-Werner Kuster auch vor drei Jahren mit Michael Göth. Göth ist seit sieben Jahren Bürgermeister der Stadt, in der Zeit hat er die Gäste aus Eschweiler schon so oft gesehen, dass man sich duzt. Jenes Gespräch vor dem Sperber war das erste über eine mögliche Städtepartnerschaft mit der ehemaligen Hauptstadt von Neu-Böhmen, die 65 Kilometer östlich von Nürnberg liegt.

Seit Samstag, 13. April 2019, 12.43 Uhr, ist diese nun urkundlich festgehalten. Rudi Bertram hat eine Städtepartnerschaft unterschrieben, von der er vor Jahren nicht erwartet habe, dass sie aus der Freundschaft von Privatleuten beider Städte erwächst. Der Eschweiler Bürgermeister sagte auch, dass die Verwaltung lange überlegt habe, ob Bertram überhaupt eine solche Unterschrift leisten soll, zumal auf deutschem Boden. Nun hat er es getan, und zwar aus guten Gründen, wie er betonte.

„Die Menschen selbst haben viel in diese Freundschaft investiert, und zwar über ihre Arbeit hinaus“, sagte Bertram im Festsaal des Rathauses. „Unsere Kanzlerin Angela Merkel kann noch so viele wichtige Treffen in Europa abhalten. Wenn wir als Menschen zusammenarbeiten, wie wir es hier tun, dann hält das Europa besser zusammen als alles andere.“ Sein Pendant Michael Göth betonte in seiner Ansprache, dass die große Distanz, die immerhin 517 Kilometern beträgt, die Bürger beider Städte nicht daran hindern werde, Freundschaften zu knüpfen und zu pflegen – „Glück auf!“

Kein Ausruf kann die geschichtliche Verbindung zwischen Eschweiler und Sulzbach-Rosenberg passender beschreiben als der der Bergleute. Ab dem 14. Jahrhundert sorgte der Bergbau „im Ruhrgebiet des Mittelalters“ für Arbeit und Reichtum, der sich vor allem ab den folgenden 200 Jahren mit dem Bau der katholischen Kirche und des Rathauses in der Altstadt bis heute bemerkbar macht. Drei Geschichten erzählen ganz besonders von der herausragenden Stellung des Eisenerzes. Die erste: Der Papst erlaubte es den Oberpfälzern, auch sonntags zu arbeiten. Die Bergleute durften also das Wasser aus den Schächten pumpen, damit montags der Betrieb regulär laufen konnte. Die zweite: Im Zweiten Weltkrieg zerbombten die Alliierten gezielt alle Transportwege raus aus Sulzbach-Rosenberg, weil die Stadt der beste und größte Zulieferer von Schienen war. Damit verknüpft ist auch die dritte Geschichte: Die Metro in New Yorker fährt noch immer auf Schienen mit der Gravur MH – das steht für die Maxhütte.

Das Stahlwerk war nach dem bayerischen König Maximilian II. benannt und ging 1863 in Betrieb. 2002 loderten die letzten Flammen im letzten von vier Hochöfen. Verglichen mit den Werken im Ruhrgebiet war die Hütte klein, aber genau das machte sie besonders, weil die Arbeiter nicht viel Platz hatten, um aus dem rohen Erz ein Endprodukt herzustellen, die Schienen.

Was von der Maxhütte noch steht, lässt sich vom Rosenberger Kriegerdenkmal überblicken. Von dort sieht man auch mindestens zwei gute Beispiele, wie die Stadt den Strukturwandel geschafft hat, und dass sich dort noch immer Firmen von Weltformat ansiedeln. Denn die Firma Kurz Prägefolien stellt unter anderem nichts Geringeres her als die Sicherheitsstreifen auf Geldscheinen. Rund 1000 Leute sind dort beschäftigt, daneben im Rohrwerk, das ebenfalls global agiert, etwa 400. Die Zahlen sind nicht zu vergleichen mit denen der Maxhütte, die 1965 den Rekordstand von 9371 Angestellten hatte. Aber heute liegt die Arbeitslosenquote der Stadt dennoch nur bei knapp mehr als zwei Prozent, in Fachkreisen redet man dabei schon von Vollbeschäftigung. Nach dem Ende der Maxhütte lag die Quote bei bis zu 18 Prozent.

Eine gute Beschäftigung gilt objektiv als ein gutes Zeichen dafür, dass das Leben in einer Stadt funktioniert. Ein anderes ist die kulturelle Vielfalt, für die in Sulzbach-Rosenberg rund 200 Vereine stehen, und Stephan Lenzen sagt ganz subjektiv, dass sich Eschweiler daran an Beispiel nehmen könne. Er wünscht sich nämlich von der offiziellen Städtepartnerschaft, dass sich noch viele andere aus seiner Heimatstadt „das Leben hier unten“ anschauen.

„Hier kann man viel lernen, wie die Vereine miteinander umgehen und zusammenarbeiten. Das beste Beispiel ist das Altstadtfest“, sagt Lenzen. Und dann wäre da noch ganz speziell die Musik, die für Sulzbach-Rosenberg mit der Berufsfachschule eine wichtige Rolle spielt. Lenzen hofft daher auf so manchen Austausch, weil Eschweiler „überragende“ Musiker habe. Wie etwa das Jugendtrompeterkorps Eefelkank. Das überzeugte beim offiziellen Festakt die Sulzbach-Rosenberger Amtsträger derart, dass es wohl 2020 beim Altstadtfest auftreten darf.

Es ist aber nicht so, dass der dortige Bürgermeister die junge Garde das erste Mal in seinem Rathaus angesehen habe. Am Abend zuvor zeigte das rund 30-köpfige Trompeterkorps schon im privaten Rahmen, welchen Stellenwert Freundschaft und Geselligkeit für die Musiker hat.

Und zwar in einem Wirtshaus namens Sperber.

Weitere Artikel über den Besuch der Eschweiler Delegation folgen.

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