Eschweiler: Stadtbücherei: Dampferfahrt auf dem Mississippi

Eschweiler: Stadtbücherei: Dampferfahrt auf dem Mississippi

Er hat zahlreiche Menschen, ob jung oder alt, verzaubert und tut dies immer noch. Mark Twain wuchs in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts im US-amerikanischen Süden auf und beschrieb in seinen Geschichten dessen alltäglichen Rassismus und die Verlogenheit der Gesellschaft im „Land der Freiheit“.

Einige seiner Helden, darunter natürlich Tom Sawyer und Huckleberry Finn, dürften wohl jedem Menschen, der sich ein wenig mit Literatur beschäftigt, ein Begriff sein. Häufig im Mittelpunkt seiner Erzählungen: der Mississippi, die Lebensader der Südstaaten.

Treffpunkt Bibliothek

An den Ufern des Flusses wurde Samuel Langhorne Clemens alias Mark Twain am 30. November 1835 im Städtchen Hannibal geboren. Und so lautete die Überschrift zur „literarisch musikalischen Dampferfahrt“, zu der Jörg Drescher und die Musiker der Gruppe „Frank & Friends“ mit Frank Carpentier (Piano), Heribert Sandmann (Klarinette), Bernd Kröger (Kontrabass) und Uwe Düppengießer (Schlagzeug) am Freitagabend im Rahmen der Aktion „Treffpunkt Bibliothek“ einluden.

„In unseren Breitengraden wird Mark Twain oft als Kinderbuchautor angesehen, was er eigentlich nicht war“, betonte Jörg Drescher zu Beginn seiner Ausführungen in der gut besuchten Stadtbücherei. Doch in seiner „wunderbaren“ Biographie „Live on Mississippi“ („Leben am Mississippi“) habe der Autor im Kapitel „Der Traum aller Jungen“ seinen Kindheitswunsch, nämlich Teil der Dampfschifffahrt zu werden, mit einfühlsamen Worten großartig beschrieben. Seinen Traum habe Mark Twain unbedingt verwirklichen wollen. „Er beabsichtigte, nach Südamerika zu trampen und schaffte es als blinder Passagier immerhin bis New Orleans“, so Jörg Drescher. Dort erlernte er beim legendären Mr. Bixby die Fähigkeiten, Tricks und Kniffe, die einen guten Lotsen ausmachen. In den Kapiteln „Rang und Würde des Lotsen“ und „Was von einem Lotsen verlangt wird“ schildert Twain die Lotsen als „Könige ohne Aufseher“, als „absolute Monarchen, die keine Befehle annehmen und durch Kühnheit, Erfahrung und Verantwortungsbewusstsein bestechen.“

Dann griff Jörg Drescher zu „dem“ Buch, das die Berühmtheit Mark Twains begründet habe: „Die Abenteuer und Fahrten des Huckleberry Finn“. „Ein gigantisches Panorama des amerikanischen Südens und definitiv kein Kinderbuch, denn es passieren einige wirklich schreckliche Dinge“, erklärte der Buchhändler. Damit habe sich der Autor in den USA des 19. Jahrhunderts allerdings nicht gerade viele Freunde gemacht. Ein Weißer, der einem entflohenen Sklaven helfe, habe damals nicht hoch im Kurs gestanden. „Das Buch transportiert die Werte der europäischen Aufklärung“, hob Jörg Drescher hervor.

Dass in dessen Büchern neben beißender Gesellschaftskritik auch der Humor nicht zu kurz kommt, unterstrich Jörg Drescher mit einigen Kostproben, etwa dem Kapitel, in dem Tom Sawyer, Huckleberry Finn und Freunde per „Bluteid“ eine Räuberbande gründen, die das Ziel verfolgen soll, „reiche Pinkel“ auszunehmen. Auch die legendäre Szene „Der glorreiche Anstreicher“, in der Tom Sawyer auf Anweisung von Tante Polly einen Bretterzaun anstreichen soll, dies aber auf listige Weise von anderen erledigen lässt und dabei auch noch „reich“ wird, fehlte in den Ausführungen Jörg Dreschers, die von dem Quartett „Frank & Friends“ immer wieder musikalisch untermalt wurden, nicht.

Mit einem konnte sich Mark Twain, der als erfolgreicher Autor Tourneen unternahm, die ihn nicht nur nach Europa, sondern auch nach Neuseeland führten, jedoch nicht anfreunden: nämlich der „schrecklichen deutschen Sprache“.

Den Schlusspunkt unter eine kurzweilige, humorvolle, abwechslungsreiche und nicht zuletzt lehrreiche Dampferfahrt setzten Jörg Drescher und die vier Musiker mit überlieferten Zitaten Twains, die auch und gerade heutzutage durchaus zum Nachdenken anregen: „Gott schuf den Menschen, weil er vom Affen enttäuscht war. Danach verzichtete er auf weitere Experimente“.

(ran)
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