Eschweiler: Sozialer Wohnungsbau am Schlachthof?

Eschweiler : Sozialer Wohnungsbau am Schlachthof?

Seit Ende vergangenen Jahres ist er Geschichte. Im Eschweiler Schlachthof, in dem zu Spitzenzeiten Woche für Woche zu Spitzenzeiten über 250 Schweine und 50 Rinder geschlachtet wurden, wird 122 Jahre nach seiner Gründung kein einziges Tier mehr getötet. Und das wird wohl auch so bleiben.

Ende des Jahres war der Schlachthof an der Indestraße ins Visier der Tierschützer geraten, nachdem ein Vertreter der privaten Initiative „Soko Tierschutz“ dort undercover gearbeitet und angebliche Verstöße gegen Tierschutzbestimmungen gefilmt hatte.

Glückliche Rindviecher? Vom Schlachthof Eschweiler droht ihnen keine Gefahr mehr. Ob der Transport zu Großschlachtereien dem Tierschutz entgegenkommt, ist fraglich. Foto: R. Müller

Erhebliche Preissteigerung

Dasselbe hatte er zuvor im Schlachthof Düren getan. Doch während der — wie gestern berichtet — inzwischen zum „Vorzeigeschlachthof“ aufgemöbelt wurde, sehen Metzger für den Eschweiler Schlachthof keine Chance. Denn der Preis, den die Dürener Kollegen für ihren modernisierten Betrieb zahlen, ist hoch: Um die Kosten zu decken, so rechnet der Betreiber vor, müssen die Fleischpreise um 25 (!) Prozent steigen.

In Eschweiler ist das jedoch undenkbar. Die Schlachtmengen in diesem regionalen Kleinbetrieb sind zu gering, als dass sie die Kosten für die ständige Wartung modernster Geräte und die geforderte Einstellung eines zusätzlichen Veterinärs und eines zusätzlichen Tierschutzbeauftragten auffangen könnten.

„Schon seit Jahren hat kein einziger Eschweiler Metzger mehr hier im Schlachthof sein Fleisch gekauft. Der Preiskampf ist einfach zu hart. Die bekommen ihr Fleisch von Tönnies oder Westfleisch“, sagt einer, der bis zuletzt im Schlachthof aktiv war. Tönnies in Rheda-Wiedenbrück gehört mit 750 Tonnen SB-Fleisch täglich zu den weltgrößten Schlachtunternehmen; Westfleisch in Münster gehört ebenso zu den Marktführern.

Schon 2013 war der Eschweiler Schlachthof in die Kritik geraten. Daraufhin hatten die Fleischhändler, die ihn nutzten, massiv in eine Modernisierung investiert. „Düren bekommt jetzt den Standard, den wir schon lange hatten“, sagt einer der Fleischhändler.

Heute steht das gesamte, teils hochmoderne Gerät zum Verkauf. Motoren, Hebebühne, eine eigens konstruierte Schlachtbox, die von renommierten Firmen inzwischen kopiert wurde, und anderes mehr. Geräte, die nicht leicht an den Mann zu bringen sind: weil sie eben auf kleine, regionale Schlachthöfe ausgelegt sind. Und davon gibt es immer weniger.

Von den ursprünglich hier tätigen Fleischhändlern, so berichtet einer von ihnen, seien zwei in Ruhestand gegangen, einer habe den Standort gewechselt, zwei haben ihre Selbstständigkeit aufgegeben und seien ins Angestelltenverhältnis gewechselt.

„Die Investitionen tragen sich einfach nicht“, sagt der Mann, der tagtäglich damit zu tun hat. Arne Meyer kann das nur unterstreichen. Meyer ist Insolvenzverwalter der Ende 2016 pleitegegangenen Betreibergenossenschaft. „Wir haben ein Jahr lang rumgehampelt und versucht, genug Kunden zu finden, um den Schlachthof wirtschaftlich betreiben zu können“, sagt der Aachener Fachanwalt. „Ich persönlich war vom Konzept des Schlachthofs überzeugt: Die Tiere herbringen, sie auf der Weide hinter dem Schlachthof einen Tag in Ruhe lassen und dann erst zu schlachten. Das bedeutet: keine Stresshormome, besseres Fleisch. Aber das hat nicht funktioniert. Es waren keine weiteren Metzger zu finden, die mitgemacht hätten. Hinzu kamen permanente Querschüsse und Vorwürfe wegen Tierschutzverstößen. Ich kann mir nicht vorstellen, dass da jemals wieder etwas draus wird.“

Bereits von Juni 2013 bis Januar 2016 gab es wegen „gravierender Mängel an der ,Rindertötebucht‘ und bei der Betäubung von Schweinen in Eschweiler keine Rinder- und Schweineschlachtungen. Die Anlage war vorübergehend geschlossen worden, die EU-Zulassung war widerrufen und erst Ende 2015 erneut erteilt worden.

Generell sei während der Schlachtungen immer ein Tierarzt vor Ort, zudem würden die Bereiche permanent videoüberwacht, sagte Behördensprecher Detlef Funken. Allein 2016 sei der Betrieb 138-mal überprüft worden. „Angesichts dieser engen Überwachung gibt es eine Reihe von Erkenntnissen. Missstände wurden jedoch sowohl in eigener Zuständigkeit als auch in enger Zusammenarbeit mit dem Landesumweltamt konsequent aufgedeckt“, hieß es damals seitens der Städteregion. Bis Ende 2018 sollte der Schlachthof saniert werden. Unter anderem stand eine Dachsanierung an. Das Landesamt für Natur, Umwelt und Verbraucherschutz Nordrhein-Westfalen (Lanuv) einigte sich mit dem Insolvenzverwalter auf einen entsprechenden Plan. Umgesetzt wurde er nicht mehr.

Bestimmungen kaum zu erfüllen

Mit dem Eschweiler Schlachthof starb einer der wenigen kleineren Betrieben in Nordrhein-Westfalen. Dabei verabschiedete der Landtag noch im vergangenen Jahr eine Initiative, kleinere und mittlere Schlachthöfe zu stärken. „Grundsätzlich ist es unter Nachhaltigkeitsaspekten zu begrüßen, wenn die Tiere und später das Fleisch nicht lange transportiert werden müssen“, kommentierte das Lanuv-Sprecher Peter Schütz. Allerdings falle es kleineren Betrieben nicht immer leicht, alle Bestimmungen jederzeit zu erfüllen.

Er behielt recht. Die erheblichen Investitionen rechneten sich nicht.

Werksverkauf etabliert

Ganz leblos ist der Eschweiler Schlachthof derzeit dennoch nicht. Von den geschätzt 1500 Quadratmetern Gesamtfläche hat ein Fleischhändler 300 Quadratmeter von der Genossenschaft gemietet. Geschlachtet wird hier zwar nicht („das passiert je nach Herkunft meiner Tiere ortsnah in Moresnet oder Heinsberg“), aber zerlegt.

Sieben Mitarbeiter beschäftigt seine Firma in den Eschweiler Schlachthofgebäuden — Bürokräfte eingeschlossen. Genehmigen muss diesen Zerlegebetrieb die Städteregion; das Verfahren ist in der Mache, noch fehlt allerdings die Endabnahme. Im Eschweiler Rathaus (Schlachthofgelände und -gebäude gehören der Stadt) geht man allerdings davon aus, dass die Genehmigung erteilt wird. Die hat dann eine Gültigkeit von einem Jahr.

„Was dann wird, weiß ich nicht, sagt der Fleischhändler, der sich am Schlachthof mit einem Direktverkauf-Wagen für regionale Fleischerzeugnisse ein zweites Standbein geschaffen hat. Er hofft, ein bis anderthalb Jahre hier bleiben zu können, um sich in dieser Zeit Alternativen suchen zu können: „Ich will auf jeden Fall in der Region bleiben!“

Insolvenzverwalter Arne Meyer allerdings kündigt an, den Mietvertrag der Genossenschaft mit der Stadt zeitnah kündigen zu wollen. „Dann muss die Stadt gegebenenfalls mit der Firma einen neuen Vertrag schließen.“

Klar ist allerdings, dass der derzeitige Zustand kein dauerhafter sein kann. Immerhin ist das Gelände an der Indestraße in städteplanerischer Hinsicht fast so etwas wie ein Filetstück. Anstelle des maroden Schlachthofs, so überlegt man im Rathaus, könnten hier zeitgemäße soziale Wohnungsbauten, gemischt mit Gewerbeflächen, entstehen.

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