Sozialbericht in Eschweiler: Auf dem richtigen Weg, aber viel zu tun

Eschweiler Sozialbericht : Auf dem richtigen Weg, aber viel zu tun

Eschweiler gehört zu den ärmsten Städten in NRW. In West zum Beispiel ist jedes zweite Kind von Sozialhilfe abhängig. Der erste Sozialbericht der Stadt zeigt nun, wo der Schuh drückt.

Völlig überraschend sind die Ergebnisse des ersten Sozialberichts in Eschweiler nicht. Nimmt man das jährliche Durchschnittseinkommen der Menschen in der Stadt zugrunde, dann zählt die Stadt zu den ärmsten in Nordrhein-Westfalen. In der Städteregion lag es bei 19.652 Euro, Eschweiler schneidet mit 18.573 Euro sogar noch deutlich schlechter ab. „Eschweiler belegt insoweit Rang 367 von insgesamt 396 Rangplätzen in Nordrhein-Westfalen“, heißt es im Sozialbericht. Dies basiert allerdings auf Zahlen aus dem Jahre 2014. Die Unternehmen „Projektplan Consulting Aachen“ und „B-Plan Eschweiler“, die den Sozialbericht entwickelt haben, kommen dennoch zu dem Schluss, dass sich in dem niedrigen Durchschnittseinkommen die „wirtschaftliche und soziale Situation“ der Stadt spiegelt. 

Konkrete Zahlen

Im Eschweiler Rathaus bricht trotzdem niemand in Panik aus. In der täglichen Arbeit im Jugendamt oder auch Sozialamt erleben die Mitarbeiter der Verwaltung tagtäglich, wo der Schuh drückt. Dennoch waren sich alle einig, dass konkrete Zahlen an die Hand gegeben werden müssen, bevor man Perspektiven für die Stadt entwickelt. „Wir wollen keinen Zahlenfriedhof schaffen, sondern genau sehen, was zu tun ist, und wissen, ob das, was wir tun, richtig und ausreichend ist“, sagt der zuständige Dezernent, Stefan Kaever. Vielfach fühlt sich die Verwaltung in ihrer jetzigen Arbeit bestätigt. Dass das Quartier West eine besondere Unterstützung erfordert, war auch schon vor der Veröffentlichung des Sozialberichts bekannt. Dort werden seit einigen Jahren verschiedene Projekte angeboten. „Auch die Entscheidung, dort einen großen, modernen Kindergarten hinzusetzen, war eine ganz bewusste“, sagt Kaever.

Um Maßnahmen zielgerichtet planen zu können, unterteilte man Eschweiler in 15 sogenannte Sozialräume, die nicht zwingend geografisch vorgegeben sind, sondern sich „nach tatsächlichen Begebenheiten“ richten, wie es im Rathaus heißt. So endet Eschweiler-West nicht an der Odilienstraße, sondern bezieht auch Teile von Röthgen mit ein. Dies erleichtert den Zugang zu Fördertöpfen, da man Maßnahmen zielgerichteter begründen kann. „Zwar fanden auch in der Vergangenheit Erhebungen wie der Zensus 2011 statt, jedoch bezogen sich diese nicht auf Sozialräume und waren in manchen Teilen rudimentär“, schildert Dr. Wolfgang Joussen vom Eschweiler Büro „B-Plan“.

Viele Entwicklungen teilt Eschweiler mit anderen Städten. Nimmt man wieder das Durchschnittseinkommen als Bezugsgröße, dann leben in der Innenstadt die durchschnittlich ärmsten Menschen. Dies bestätigt auch die Statistik zu den Menschen, die von staatlicher und städtischer Unterstützung abhängig sind. Vor allem in den Sozialräumen 5 bis 9 sind die meisten Bedarfsgemeinschaften registriert, die Leistungen nach dem Sozialgesetzbuch 12 („Altersarmut“) und 2 („Hartz IV“) beziehen. Der Blick auf die Betroffenen in einem Alter von unter 15 Jahren offenbart, dass 24,69 Prozent der Kinder und Jugendlichen in einem Haushalt leben, der Sozialhilfe in Anspruch nimmt. Der Blick auf die Sozialräume zeigt, dass in Eschweiler-West sogar fast jedes zweite Kind (48,92 Prozent) betroffen ist. Im Gegensatz dazu wirkt der Anteil in anderen Gebieten wie St. Jöris, Kinzweiler und Hehlrath (6,97 Prozent), Waldsiedlung (7,83) und Dürwiß, Lohn, Fronhoven (9,94) gering.

Bildungsspirale

Die Experten kommen auch zu dem Schluss, „dass nach der in Deutschland gängigen leider schlechten sozialen Bildungsdurchlässigkeit Kinder aus Familien mit geringerem Bildungsniveau es schwerer haben werden, dieses Muster zu durchbrechen und höhere Bildungs- und Berufsabschlüsse zu erzielen als ihre Eltern“. In Zusammenarbeit mit verschiedenen anderen Trägern der Jugendhilfe will das Eschweiler Jugendamt diese Spirale durchbrechen. Das Prinzip sieht vor, ein durchgängiges Bildungsangebot bereitzuhalten. Dies startet mit den sogenannten „Frühen Hilfen“ über Förderungen im Kindergarten bis hin zur Schule. Begleitend dazu wird das Angebot der offenen Ganztagsbetreuung ständig ausgebaut. „Wir müssen den ganzen Lebenszyklus im Blick haben“, sagt der Jugendamtsleiter Jürgen Termath und spricht von einem „kommunalen Bildungskonzept“.

Die Bildungsbeteiligung ist ein zentraler Punkt im ersten Sozialbericht der Stadt. Dafür wurde auch die Situation der Betreuungsplätze der unter Sechsjährigen betrachtet. Zwar liegt die Betreuungsquote bei den U3-Kindern mit 38,13 Prozent und den Ü3-Kindern mit 95,16 Prozent im Vergleich zu anderen Städten hoch, allerdings bestehen auch zwischen den Sozialräumen deutliche Unterschiede. In Weisweiler steht laut Sozialbericht nur für 21,11 Prozent der U3-Kinder ein Betreuungsplatz zur Verfügung, auch die Quote der Ü3-Kinder ist mit 65,31 Prozent die geringste im Stadtgebiet.  „Dies haben wir im Blick“, betont Termath. So plant die Stadt eine weitere Kindertagesstätte in Weisweiler. Derzeit wird an der Wilhelmstraße eine Einrichtung gebaut. Den Schwerpunkt des Kita-Ausbaus hat man zunächst auf die Innenstadt gelegt.

Die Einführungsveranstaltung des Sozialberichts stand unter der Überschrift „Von Daten zu Taten“. Demzufolge gibt der Sozialbericht einige Handlungsempfehlungen an die Hand, die sozialraum-scharf beschrieben werden. „Armut ist in Eschweiler unterschiedlich verteilt, es gibt arme Sozialräume, die zugleich und zumeist auch Wohnorte vor allem der ausländischen Bevölkerung sind.“ Beides führe zu sozialer Ausgrenzung und mangelnder gesellschaftlicher Teilhabe, heißt es im Sozialbericht. Dem will man weiterhin mit Projekten begegnen, wie man sie zum Beispiel in Eschweiler-Ost umgesetzt hat. Auch die Quartiersarbeit in West soll fortgesetzt und verstärkt werden. Da auch dieses Angebot zum Teil mit Geld aus öffentlichen Fördertöpfen finanziert wird, wurde ein erneuter Förderantrag gestellt.

Auch die Stadtplaner können aus dem Sozialbericht wichtige Erkenntnisse ziehen: Es fehlen günstige und kleinere Wohnungen. Warum? Die Zahl der Alleinstehenden nimmt zu. Dies bezieht sich nicht nur auf alleinerziehende Mütter, sondern auch auf ältere Menschen. Der soziale Wohnungsbau erlebt derzeit nicht nur in Eschweiler eine Renaissance. Mit NRW.Urban entwickelt die Stadt ein Baugebiet in Hücheln, wo zum Teil auch öffentlich geförderte Wohnungen entstehen sollen. Auch das neue Baugebiet am Patternhof sieht sozialen Wohnungsbau vor.

Der Beigeordnete Stefan Kaever sieht den Sozialbericht als Auftakt eines langen Prozesses, der auch bei der Bewältigung des Strukturwandels helfen soll. Für die Erstellung des Werks wurden Sozialraumkonferenzen veranstaltet, deren Ergebnisse einflossen. In Zukunft will man weiterhin die Bürger mit einbeziehen. „Wir wissen aber auch, dass wir manche Dinge als Stadt nicht beeinflussen können“, sagt Kaever. Themen wie Mindestlohn und Rente würden sich zwar unmittelbar auf die Menschen auswirken, werden aber im Bund entschieden. Hinzu kommt, dass manche Prozesse einen langen Atem erfordern. „Ehe sich eine Veränderung im Bildungsprozess bemerkbar macht, vergehen 20 Jahre“, meint Dr. Wolfgang Joussen.

Mehr von Aachener Zeitung