Eschweiler: Schauschwimmen brachte die hohe Geistlichkeit in Rage

Eschweiler: Schauschwimmen brachte die hohe Geistlichkeit in Rage

Vielleicht wäre der ganze Schlamassel ja nicht passiert, wenn der Eschweiler Turnverein auch jemanden von der hohen Geistlichkeit eingeladen hätte in den Ehrenausschuss, der sich zur Jubiläumsfeier gebildet hatte, damals, im Jahr 1927.

Der ETV feierte seinerzeit das 60-jährige Bestehen mit einem Festabend, einem Bezirksturnfest und Schau-Darbietungen. Und einem anschließenden Krach mit der katholischen Kirche.

Ansonsten nämlich war im Festausschuss alles vertreten, was in Eschweiler und darüber hinaus Rang und Namen hatte: der Regierungspräsident, der Landrat, der Bürgermeister, diverse Schulräte und Schuldirektoren, Fabrikanten, Amtsgerichtsräte, Direktoren und Generaldirektoren. Aber kein Geistlicher.

Die Jubelfeier — so hieß sie auch offiziell — war ein enormer Erfolg. Auch in den Lokalzeitungen wurde sie heftig bejubelt. Sechs Tage später allerdings meldete sich die katholische Geistlichkeit der Stadt Eschweiler zu Wort. Nach den „am vorigen Sonntag abgehaltenen turnerischen Veranstaltungen“, so schrieben die Geistlichen in kühlem Ton, habe man Veranlassung, „nachdrücklichst auf die katholischen Leitsätze der deutschen Bischöfe zu modernen Sittlichkeitsfragen hinzuweisen“.

Die wurden dann auch ausführlich zitiert. Denn nach den Leitlinien der deutschen Bischöfe war das, was der Eschweiler Turnverein da geboten habe, völlig indiskutabel. Geturnt werden dürfe nur nach Geschlechtern getrennt. Mädchenturnen dürfe nur in Hallen oder auf Plätzen veranstaltet werden, wo die Öffentlichkeit ausgeschlossen ist. Sollte doch jemand zuschauen, müsse man sich auf Turnübungen beschränken, „die in einem gewöhnlichen Kleid ausführbar sind“. Schauturnen und Wettkämpfe der Mädchen und Frauen seien gänzlich abzulehnen, selbst vereinsintern.

Für öffentliches Baden und Schwimmen gelte das alles in noch erhöhtem Maße. Die Eschweiler Geistlichkeit wies „mit allem Ernste“ darauf hin, dass „die Befolgung dieser Leitsätze für jeden Katholiken im Gewissen bindend“ sei. Man erwarte, dass die Eschweiler Vereine „auf die Gefühle ihrer katholischer Vereinsmitglieder geziemende Rücksicht nehmen“.

Der Eschweiler Turnverein verhielt sich mucksmäuschenstill, jedenfalls öffentlich, aber Hans Grafen, der Bezirksgeschäftsführer der Dachorganisation Deutsche Turnerschaft, nahm den Handschuh auf. Die Deutsche Turnerschaft (D.T.), so versicherte Grafen, sei streng bemüht, die Leitsätze der Bischöfe zu befolgen — „nach Möglichkeit“. Allerdings „mit Ausnahme von Schauturnen und Wettkämpfen der Turnerinnen“. So, wie die Turnerinnen bei der Jubiläumsveranstaltung des Eschweiler Vereins gekleidet waren, könne „kein Mensch die Sittlichkeit gefährdet sehen“, schrieb der Geschäftsführer: „Gerade die sittsame Kleidung unserer Turnerinnen ist bei unserem Bezirksfest allenthalben, auch von den meisten Tageszeitungen, anerkannt worden“.

Die Forderung der Bischöfe nach einem Mädchenturnen in „gewöhnlichem Kleide“ wies Grafen als weltfremd zurück: Wenn etwas gegen die Sittlichkeit verstoßen würde, dann seien das ja wohl Turnübungen, die in einem gewöhnlichen Kleid ausgeführt werden. Und überhaupt verwahre man sich gegen Angriffe von einer Seite, „wo man deutsches Turnen nicht kennt oder nicht kennen will“.

Das war der katholischen Geistlichkeit — ihre Namen nannten die Briefschreiber nicht — dann doch zu stark. Die Pfarrer wurden nun deutlich. Sie griffen jetzt den ETV direkt an und kritisierten Zustände, die sie für indiskutabel hielten. Die Lokalzeitung griff zur Sperrschrift, um die Empörung der Geistlichen angemessen wieder zu geben: Erstens stehe die Riege der Turnerinnen dieses Eschweiler Vereins unter männlicher Leitung! Zweitens habe der Verein mehrmals ein öffentliches Damen-Schauschwimmen veranstaltet.

Das Schlimmste aber war wohl, dass „noch am vergangenen Sonntag bei einer Bezirksveranstaltung gemeinsame Schwimmübungen beider Geschlechter, dazu noch von Jugendlichen, in einem öffentlichen Weiher stattgefunden haben“. Kommentar der Geistlichen: „Man darf wohl von einem Bezirksgeschäftsführer der D. T. in einer überwiegend katholischen Stadt erwarten, dass er wenigstens die Leitsätze der Bischöfe so weit kennt...“.

Und, ach ja, das mit dem unsittlichen Turnen im gewöhnlichen Kleide sei eine „Ungeheuerlichkeit“: „Selbst geprüfte Turnlehrerinnen haben uns versichert, dass es sehr wohl Turnübungen gebe, die in gewöhnlichem Kleid ausführbar sind“. Die Turnerschaft werde jedenfalls „einen Erfolg auf sittlichem Gebiete nie haben, wenn sie ihre Grundsätze nicht mit den Leitsätzen der Bischöfe in Einklang bringt“. Man erwarte, dass nicht nur der D.T., sondern auch alle anderen Sportvereinigungen in Eschweiler „auf die Gewissenspflicht und die Gefühle der katholischen Bürgerschaft Rücksicht nehmen“.

Der Streit mit in der Zeitung abgedruckten Stellungnahmen ging noch ein wenig weiter, geeinigt haben sich die beiden Seiten damals allerdings nicht. Den Schlusspunkt setzte die Redaktion des Boten an der Inde auf eine eher ungewöhnliche Art. Sie druckte, offenbar inhaltlich zustimmend, einen Artikel „Über das Frauenturnen“ nach, der zuvor in der „Kirchenzeitung für das Dekanat Eschweiler“ gestanden hatte. In dem Artikel wurde beklagt, wie unweiblich der Sport für Frauen geworden sei: „Wenn beim Staffellauf so ein kleines weißgrünes Geschöpf angerast kommt, mit verzerrtem Gesicht und weit aufgerissenen Augen, (…) um dann hinzuschlagen, ohnmächtig, weiß am ganzen Leib...“

Zwar sei Bewegung in frischer Luft prinzipiell gut und richtig, aber „auch für die Frau gilt die Devise: Im gesunden Körper ein gesunder Geist. Zum gesunden Geist der Frau gehört aber das klare Verständnis für ihr eigenes weibliches Wesen, Diskretion gegen sich selbst, Takt und Rücksichtnahme gegen andere und die Wahrung der Zurückhaltung gegenüber aller Öffentlichkeit.“

Was der Eschweiler Turnverein damals über diesen deutlichen Wink der Lokalzeitung in Sachen weiblicher Zurückhaltung gedacht hat, ist allerdings nicht überliefert.

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