Eschweiler: Respekt im Gedenken an Pogromnacht

Eschweiler: Respekt im Gedenken an Pogromnacht

Respekt! Ein eigentlich unspektakuläres Wort. Doch vor 78 Jahren wurde auch in Eschweiler auf grausamste Art und Weise deutlich, zu welchen Schreckenstaten Menschen fähig sind, die den Respekt vor anderen Menschen vollkommen verloren haben.

Gestern Nachmittag gedachten zahlreiche Vertreter der verschiedensten Institutionen in der evangelischen Dreieinigkeitskirche der furchtbaren Geschehnisse der Nacht zum 9. November 1938, der sogenannten Reichspogromnacht, in der im gesamten Deutschen Reich unzählige Synagogen Opfer der Flammen und zahlreiche jüdische Menschen Opfer der nationalsozialistischen Terrorherrschaft wurden.

„Wenn Opfern von Gewalt nicht gedacht wird, dann tötet man sie ein zweites Mal“, schrieb Pfarrer Dieter Sommer vor allem den zahlreichen Konfirmanden ins Stammbuch. Doch leider ist der Verlust von Respekt, den Dieter Sommer in den Mittelpunkt seiner Ansprache stellte, auch ein Merkmal der Gegenwart geworden. „Aber sollten nicht Respekt und der liebevolle Umgang miteinander uns Menschen und gerade uns Christen auszeichnen?“, so seine Frage, die er auch im Hinblick auf die Wahl Donald Trumps zum US-Präsidenten stellte. „Man könnte sagen: Jetzt haben wir den Salat! Aber verlieren wir nicht den Mut und vergessen wir nicht diejenigen, die Opfer geworden sind. Und bemühen wir uns, dazu beizutragen, dass nicht noch mehr Menschen Opfer dieser Welt werden“, lautete der Appell des Geistlichen.

Dabei beäugte er als evangelischer Christ die Taten des Reformators Martin Luther kritisch. Dieser nannte nämlich den jüdischen Rechtsgelehrten Josel von Rosheim seinen Freund, weigerte sich aber, diesem die Bitte zu erfüllen, beim sächsischen Kurfürsten, der im Jahr 1536 per Edikt die Ausweisung aller Juden aus seinem Herrschaftsgebiet veranlasst hatte, ein gutes Wort für ihn und seine Glaubensbrüder und -schwestern einzulegen und seinen Einfluss in die Waagschale zu werfen. Stattdessen schrieb Luther ihm einen Brief voller Vorwürfe.

„Liest man dies, wird die Verbitterung eines Reformators deutlich, der seine Worte und Taten vor sich selbst rechtfertigt. Wenn Josel von Rosheim der Freund Luthers war, warum konnte er diesem dann keinen Freundesdienst leisten? Vielleicht, weil Luther oft den Eindruck hatte, nur gebraucht zu werden, um anderen Vorteile zu verschaffen. Deshalb ist dieser Brief womöglich menschlich verständlich, theologisch aber eine Katastrophe, denn Luther zeigt in ihm keine Empathie“, so Pfarrer Dieter Sommer. Im Hinblick auf das gerade begonnene Luther-Jahr gelte es, ein wachsames Auge auf einen Reformator zu werfen, der fehlbar gewesen sei, der Zorn empfunden und sich von diesem habe leiten lassen.

„Genauso, wie sich Menschen auch heute von ihrem Zorn und ihrer absoluten Gegnerschaft leiten lassen. Und dabei nicht mehr wissen, was sie tun. Heute sind wir hier, damit Taten wie in der Reichspogromnacht nie mehr geschehen. Deshalb die Mahnung: Lasst euch nicht vom Zorn, sondern von der Vergebung leiten. Das Unrecht darf in Deutschland nie wieder Fuss fassen“, schloss der Pfarrer seine Ansprache ab.

Musikalisch gestaltet wurde die Feierstunde von Bärbel Ehlert (Geige, Gitarre und Gesang) und Friedhelm Lutzer (Akkordeon), die traditionelle Klezmer-Musik hören ließen.

(ran)