Eschweiler: Religion spielt keine Rolle: Gemeinschaft steht im Vordergrund

Eschweiler: Religion spielt keine Rolle: Gemeinschaft steht im Vordergrund

Stellen Sie sich vor, Sie erwarten St. Nikolaus — und statt seiner erscheint St. Bürokratius. Anstelle des gutmütigen Heiligen Mannes aus dem türkischen Myra klopft ein unwirscher Bote aus dem Eschweiler Rathaus an die Tür. Und verweist St. Nikolaus des Hauses.

So ähnlich ging es zu, als Brigitte Averdung und ihre Mitstreiter gemeinsam mit den Bewohnern des Flüchtlingsheims an der Severinstraße eine Nikolausfeier auf die Beine stellen wollen. Und sich prompt ein rigides Verbot seitens der Stadt einhandelten: Der Aufenthaltsraum, den die Ehrenamtlern gemeinsam mit Flüchtlingen im Untergeschoss der ehemaligen Schule her- und eingerichtet hatten und der auch als Küche dient, „erfüllt nicht die formalen Voraussetzungen zur sicheren Durchführung einer solchen Veranstaltung“, heißt es in einem Schreiben der Stadt.

Vorschriften sind dazu da, befolgt zu werden. Und Feste, gefeiert zu werden: Brigitte Averdung-Häfner kontaktierte Dietmar Krauthausen, der nicht nur Vorsitzender des SPD-Ortsvereins Weisweiler, sondern auch musikalischer Leiter des „Trompetensounds Die Weisweiler“ ist — und der besorgte zwei Festzelte mit Platz für bis zu 100 Personen, die auf dem früheren Schulhof errichtet wurden. Renée Graafen ist nicht nur Vorsitzende der Frauen-Union der CDU, sondern auch höchst engagierte Mitstreiterin in Brigitte Averdung-Häfners Ehrenamtler-Team. Sie sorgte dafür, dass für alle Flüchtlinge — weit über 80 Frauen, Männer, Kinder — kleine Geschenke bereitstanden.

Immer etwas los in der gemütlichen Küche des Severin-Heims: Links backen Manfred Brockhagen, Bjorni und Lilly Doda Plätzchen. Aber auch sonst ist hier Gemeinschaftsarbeit angesagt. Da packen auch die Männer an.

Und so wurde — auch dank dem in persona Ferdi Küsek (vom Integrationsrat) anwesenden Nikolaus — doch noch munter gefeiert. Was auch daran lag, dass John Bull aus Nigeria, im doppelten Sinne begleitet von Christoph Häfner an der Gitarre, von Zimmer zu Zimmer zog, Weihnachtslieder sang und so eine bunte, fröhliche Weihnachtspolonaise anführte. Brigitte Averdung-Häfner ist bis heute begeistert: „Die Zusammenarbeit von SPD und CDU in Weisweiler hat so blendend funktioniert, dass die nun auch in Zukunft gemeinsame Projekte angehen wollen.“ Wofür St. Bürokratius nicht alles gut ist.

Ein Heim macht sich

Seit sie Anfang des Jahres hier das Heft in die Hand genommen hat, ist die alte Schule kaum noch wiederzuerkennen: Aus der tristen, heruntergekommenen Flüchtlingsunterkunft an der Severinstraße ist dank Brigitte Averdung-Häfner und Dutzender ehrenamtlicher Helfer ein wohnliches Heim geworden. Mit frisch gestrichenen Wänden, brauchbaren Möbeln, sauberen Küchen. Und dazu haben nicht zuletzt die Bewohner selbst beigetragen: „Ich schnapp mir jeden!“, verspricht Brigitte, und bringt in der Tat jeden der Bewohner dazu, selbst mit Hand anzulegen, das Haus zu verschönern und sauber zu halten.

„Dreiviertel aller Zimmer sind schon neu gestrichen — in Eigenleistung der jeweiligen Bewohner. Im Frühjahr/Sommer wollen wir auch die Fassade streichen. Und im Keller haben wir einige Wände eingerissen und aus dem früheren Mülllager einen großen Aufenthaltsraum mit Kochzeile gemacht. Samt komplett selbst gefliestem Boden. Nebenan steht nun eine Reihe von Waschmaschinen.“

Brigitte wäre nicht Brigitte, wenn sie auf das „Aufenthaltsraum-Feierverbot“ der Stadt nicht eine Antwort hätte: „Das Wort ,Aufenthaltsraum‘ nimmt hier keiner mehr in den Mund. Der Raum heißt nun einfach ,Soul Kitchen‘.“ Gleich zwei bunt glitzernde Weihnachtsbäume schmücken den Raum — einen hat Brigitte Averdung-Häfner gestiftet, den anderen die CDU. Die Möbel in der „Soul Kitchen“ sind eine Spende des St.-Antonius-Hospitals: gemütliche blaue Sitzgruppen — Tische, Sessel, Bänke.

„Für die Anpassung der Elektrik und für neue Lampen hat die Stadt gesorgt“, berichtet Brigitte. „Die will nun übrigens auch dafür sorgen, dass hier W-Lan eingerichtet wird.“ Damit die Menschen, die auf der Flucht nur Krieg, Terror und Hunger hier gestrandet sind, Kontakt zu ihren Familien halten können, die teils in der Heimat geblieben, teils in der Welt verstreut sind. Stichwort Kontakt: „Der wird nicht nur unter den Flüchtlingen selbst immer besser“, bilanziert Brigitte Averdung-Häfner. „Auch das Verhältnis der Menschen hier zu den Anwohnern wird immer offener.“

Vor kurzem erst erhielt Averdungs „Aufräum- und Sensibilisierungsgruppe“ einen mit 2000 Euro dotierten Preis für ihre beispielhaftes Engagement. Geld, das bis zum 28. Dezember ausgegeben sein muss. Ein Skatclub stiftete weitere 500 Euro. Die Gruppe spendiert dem Wohnheim dafür eine Satellitenanlage. Mit weiteren Spenden soll in Kürze die Küche im Nebenhaus des Wohnheims auf Vordermann gebracht werden.

Wie vertrauensvoll Ehrenamtler und Flüchtlinge hier miteinander umgehen, zeigt das Beispiel der Spendendose. Die ist für jedermann zugänglich. Nicht nur, um etwas hineinzutun, sondern auch, um etwas herauszunehmen. „Wer Geld braucht, nimmt es sich und legt dafür die Quittung über das, was er gekauft hat, hinein.“ Schlechte Erfahrungen habe man bislang nicht gemacht.

Wohl aber bittere. Feisula Selmanowski aus Mazedonien, der einige Monate an der Severinstraße lebte, sprach acht Sprachen, war Brigitte und ihren Helfern ein wertvoller Dolmetscher in ungezählten Unterhaltungen. Jetzt, wenige Tage vor Weihnachten, wurde er abgeschoben. „Morgens um halb sieben standen drei Polizisten vor seiner Tür. Feisula wurde zum Flughafen verfrachtet, und dann ging‘s ab nach Mazedonien.“ Dort, so weiß Brigitte Averdung-Häfner aus telefonischen Kontakten, lebt Feisula, der für seine Flucht nach Deutschland alles aufgegeben hatte, nun bei einem Vetter. Seine Berichte sind Schilderungen katastrophalster Armut.

Vor Ort in Weisweiler kümmern sich Brigittes ehrenamtliche Helfer um nötigen Schriftverkehr, um Behördengänge, um Nachhilfestunden, um Patenschaften. Schon zehn Wohnungen außerhalb des Wohnheims haben sie für ihre Betreuten eingerichtet. Und die packen selbst mit an: transportieren Möbel, bauen Schränke und Betten zusammen.

Zu viele unnötige Bedenken

Auf Weihnachten freuen sie sich alle. „Zuhause in Albanien spielt es keine Rolle, ob du Christ oder Moslem bist: Weihnachten feiern wir alle gemeinsam!“, lacht Gramoz Shabonja, der in Eschweiler das Berufskolleg besucht und Mechaniker werden möchte.

Der 35-jährige Seyed Mosa war in Afghanistan Lkw-Fahrer. Weihnachten ist ihm ebenso fremd wie seinem gleichaltrigen Berufskollegen Haidayy Ebrahim. Tahiri Kamaludin (27), der nach der High School in der Landwirtschaft arbeitete, erläutert: „In Afghanistan feiern nur sehr wenige Leute Weihnachten. Die Taliban lassen das nicht zu. Aber hier feiern wir gerne mit!“ Spazierengehen, zusammensitzen, gemeinsam singen — so stellt sich auch Möbeltischler Yosfi Moohamad (27), der in Afghanistan, wo Nauroz, das zeitgleiche Neujahrs- und Frühlingsfest das bedeutendste aller Feste ist, Weihnachten vor. „Die Menschen hier würden sich freuen, wenn sie zu den Feiertagen in deutsche Familien eingeladen würden. Aber viel zu viele Deutsche haben viel zu viele Bedenken, irgendetwas falsch zu machen“, sagt Brigitte Averdung Häfner.

Bjorni Doda (9) aus Albanien war schon mit Brigitte auf dem Weihnachtsmarkt. Und hat zwei große Wünsche. Der erste ist eine Gitarre. Und der zweite: „Ich möchte gern ein deutscher Junge sein!“

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