Eschweiler: Pianist József Ács begeistert Zuhörer im Kulturzentrum Talbahnhof

Eschweiler: Pianist József Ács begeistert Zuhörer im Kulturzentrum Talbahnhof

Mit stürmischer Begeisterung bedankten sich am Samstagabend die Zuhörer im voll besetzten Saal des Talbahnhofs für ein außergewöhnliches Konzert. Der Eschweiler Pianist József Ács und der Musikkenner Siegfried Tschinkel stellten dort Leben und Werke der beiden bekanntesten Klavier-Virtuosen des 19. Jahrhunderts vor, Frédéric Chopin und Franz Liszt.

Das Fazit dieser ebenso unterhaltsamen wie hochklassigen Veranstaltung: Das schreit geradezu nach einer Fortsetzung.

Das Kulturzentrum Talbahnhof ist eher als Bühne für Kabarett und Comedy bekannt, klassische Musik hingegen findet in Eschweiler meist in Kirchen statt. Entsprechend weihevoll ist dann oft die Atmosphäre. Es ist das Verdienst von Ács und Tschinkel — und auch von Talbahnhof-Wirt Walter Danz als Veranstalter — mit diesem Konzert „Chopin trifft Liszt — Höhepunkte der klassischen Romantik“ gezeigt zu haben, das hoch virtuose und auch extrem schwierige klassische Klassik zugleich unterhaltsam sein kann.

Chopin und Liszt waren so etwas wie die Popstars des 19. Jahrhunderts, und etwas von dieser enthusiastischen Stimmung der damaligen Zeit, der Zeit der Pariser Salons und der „Lisztomanie“, schien über die Kluft der rund 180 Jahre hinweg direkt in den Talbahnhof zu schwappen. Dazu trug auch bei, dass József Ács ganz à la Liszt bekleidet war. Er trug einen weit geschnittenen schwarzen Gehrock mit roten Knöpfen. Ganz so habe sich Franz Liszt bei seinen Konzertauftritten gekleidet, versicherte Tschinkel.

„Willkommen im Salon ,La Gare de Vallee‘“, hatte Siegfried Tschinkel das Publikum am Samstagabend begrüßt, das im französischen „Salon Talbahnhof“ kaum Platz an den Tischen gefunden hatte; es waren noch zusätzliche Stuhlreihen aufgestellt worden, um dem Andrang der Besucher Herr zu werden. Tschinkel führte als Moderator durch das Programm des Abends, berichtete von der Freundschaft der beiden Klavier-Heroen Chopin und Liszt, erzählte Anekdoten über die Wirkung ihrer Auftritte und erläuterte die Werke, die József Ács dann interpretierte.

Wenn man zum Beispiel als Zuhörer erfährt, wie der Name „Regentropfen-Prélude“ für Chopins Prélude Nr. 15 Des-Dur entstanden ist, kann man die Ostinati, also etwa die monotone Wiederholung des gis-Tons, so hören, wie sie damals im Winter 1838/39 in Mallorca George Sand vernommen hatte, die Lebensgefährtin Chopins. Aber man kann dann auch besser verstehen, dass diese musikalischen Regentropfen kein sanfter Frühlingsregen sind, sondern Ausdruck von Lebensangst und Bedrängnis. „Chopin war damals sehr krank“, berichtete Tschinkel. Und er habe der Deutung durch George Sand auch stets widersprochen. Das Prélude Nr. 15 sei eher ein Schicksals-Prélude.

Für die Zuhörer war dieses Zusammenspiel von virtuoser Musik und kenntnisreicher Plauderei ein Genuss. Das enorme Können von József Ács, der das gesamte Konzertprogramm auswendig ohne Notenmaterial spielte, machte die kompliziertesten musikalischen Figuren leicht durchhörbar. Das wurde vor allem in Chopins Ballade Nr. 1 g-moll deutlich, die Ács rhythmisch herrlich strukturierte und über deren immense pianistische Schwierigkeiten er geradezu hinweg flog.

Spätestens hier wurde auch Zuhörern, die Ács bisher noch nie gehört hatten, deutlich, dass der frühere Kantor der Pfarrgemeinde St. Peter und Paul es als Klaviervirtuose auch mit berühmteren Namen aufnehmen kann. „Vorige Woche hat Ács noch drei Konzerte in Budapest gegeben, heute erfreut er uns alle“, strahlte Siegfried Tschinkel.

Im ersten Teil des Konzerts spielte Ács Werke von Chopin, im zweiten standen drei Stücke von Franz Liszt auf dem Programmzettel. Als Zugabe gab es dann noch den „Liebestraum“, die wohl bekannteste Melodie des ungarischen Komponisten. Dass Ács, der ebenfalls aus Ungarn stammt, ein Faible für Liszt hat, ist bekannt; schließlich ist er Gründer und Musikalischer Leiter der Franz-Liszt-Gesellschaft. Wie seht er in der Musik dieses Komponisten lebt, sich hinein fühlt, machten die Werke deutlich, die er am Samstag interpretierte. Siegfried Tschinkel hatte zuvor die Anekdote berichtet, der Pianist und Dirigent Daniel Barenboim habe sich mit dem Üben einer vereinfachten Version eines Liszt-Werkes wochenlang abgequält: „Um das zu spielen muss man 20 Finger haben!“ Nun, Ács hatte offenbar alle diese 20 Finger zur Verfügung.

Dabei wurde die Ungarische Rhapsodie Nr. 2 in cis-moll zum Höhepunkt des Abends. Von den wuchtigen Schlägen der linken Hand in den Anfangstakten des Werkes hinein in die mal dramatischen, mal lyrischen Zigeunermelodien im ersten Teil dieser Rhapsodie und dann, mit Leichtigkeit und geradezu Ausgelassenheit interpretiert, die jahrmarkthaft-turbulente Melodie des zweiten Teils — das war ebenso mitreißend wie meisterhaft. Am Übergang zu diesem 2. Teil hatte Ács wie nachdenkend einen Finger an die Nase gelegt, bevor sich seine Hände wieder auf die Tasten senkten. Das war dann wirklich der Moment, wo man den Eindruck hatte, nun sitze Liszt selber am Flügel und überlege, mit welcher virtuosen Wendung er als nächstes überraschen könne.

Von Stück zu Stück hatte sich der Beifall des Publikums im Talbahnhof gesteigert. Am Schluss gab es Bravo-Rufe und anhaltenden Beifall im Stehen. Und den Vorschlag, im plaudernden Gespräch von Besuchern geäußert, dass man eine solche Art, klassische Musik zu vermitteln, doch öfter anbieten möge: „Das schreit geradezu nach einer Fortsetzung!“

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