Eschweiler: Pflegebedürftig — und was kommt nun?

Eschweiler: Pflegebedürftig — und was kommt nun?

Brigitte Wieneke kommt von einem kurzen Einkauf zurück. Dank der fest installierten Rampe stellen die zwei Treppenstufen vor ihrer Haustür kein Problem für die Rollstuhlfahrerin dar. Der Weg in die 4. Etage klappt mit dem Aufzug problemlos, und auch in der Wohnung selbst kann sich Wieneke uneingeschränkt bewegen — die Türen sind breit genug, keine Stufen behindern sie.

Vor zwei Jahren sah das noch ganz anders aus: Nach einem Schlaganfall ist die linke Körperhälfte von Brigitte Wieneke gelähmt. Ihre damalige Wohnung wird für Wieneke von einem Tag auf den anderen unbewohnbar. Das Badezimmer? Unerreichbar. Denn mit ihrem Rollstuhl passt Wieneke nicht durch die Tür.

Hilfe im Antragsdschungel: Wohnberater Stephan Löhmann (r.) berät Maria Ohligschläger. Ihr Antrag auf eine höhere Pflegestufe für Ehemann Peter (l.) wurde abgelehnt. Nun hilft Löhmann beim Widerspruch.

Der Pflegedienst befördert sie mit Hilfskonstruktionen — ein Drehstuhl dient als Rollstuhlersatz — durch die Tür. Ist sie alleine, muss sie mit einem Toilettenstuhl auskommen — und dem Waschbecken in der Küche. Ohne Hilfe kommt sie aus der Wohnung nicht mehr heraus — die Treppenstufen stellen ein unüberwindbares Hindernis dar.

Irgendwann ist der 61-Jährigen klar: So geht es nicht weiter. Von einer Nachbarin bekommt sie die Telefonnummer von Stephan Löhmann von der Pflege- und Wohnberatung der Städteregion. Der Diplom-Sozialarbeiter kommt am nächsten Tag zu einem Beratungstermin in ihre Wohnung und zum ersten Mal wird der Eschweilerin bewusst, dass sie sich mit der Situation nicht abfinden muss — und dass es Hilfe von außen gibt.

Hausbesuche bei pflegebedürftigen Menschen und ihren Angehörigen und telefonische Beratungen zählen zu den Hauptaufgaben von Stephan Löhmann und seinen Kollegen von der städteregionalen Pflege- und Wohnberatung. „Wir beraten Menschen, die sich vorsorglich informieren, weil sie merken, dass ihr Hilfebedarf immer höher wird“, sagt der Pflegeberater. „Genauso haben wir Fälle, in denen schnell gehandelt werden muss, etwa wenn jemand aus dem Krankenhaus entlassen wird und nun pflegebedürftig ist.“

Wie beantrage ich eine Pflegestufe? Wie läuft das Verfahren zur Einstufung ab? Gibt es Möglichkeiten der Entlastung für meine pflegenden Angehörigen? Löhmann hilft durch den Antrags- und Paragraphendschungel. Er berät, klärt auf und zeigt Auswege auf. Ist die Wohnung für den Pflegefall plötzlich ungeeignet, kommen Wohnberaterin Yvonne Berg und ihre Kollegen — dazu zählt auch eine Architektin — zum Einsatz.

Das Angebot der Pflegeberatung ist kostenlos. Denn im Landespflegegesetz steht festgeschrieben, dass Kreise und kreisfreie Städte verpflichtet sind, Pflegebedürftige und deren Angehörige zu beraten und über Hilfsmöglichkeiten zu informieren. Und der Bedarf ist groß: 20451 Pflegebedürftige — die Zahl ist aus dem Jahr 2011 — gibt es in der Städteregion. 75 Prozent von ihnen werden zu Hause gepflegt — meist von Angehörigen oder Nachbarn.

2422 Gesamtkontakte hatte die Pflege- und Wohnberatung der Städteregion im zurückliegenden Jahr — dazu zählen Menschen, die die Pflegeberatung über Vorträge erreicht hat genauso wie persönliche Beratungskontakte wie der zu Brigitte Wieneke.

Auch heute sind Stephan Löhmann und Wohnberaterin Yvonne Berg bei der Eschweilerin zu Besuch. Regelmäßige Kontakte über Monate hinweg gehören zu ihrer Arbeit — auch wenn es bei Brigitte Wieneke derzeit kaum noch etwas zu tun gibt. Die Rampe — den Antrag stellte die Wohnberatung, Pflegekasse und die Eingliederungshilfe für Menschen mit Behinderung übernahmen die Kosten — ermöglicht ihr den Weg aus der Wohnung. Die Arbeitsplatte in der Küche ist unterfahrbar, so dass Brigitte Wieneke dort Essen zubereiten kann. Mit dem Badewannenlift wird ihr Sohn entlastet, der seine Mutter pflegt. Einzig die Badezimmertür macht noch Probleme, da Brigitte Wieneke diese nicht schließen kann. Nun denkt sie über den Einbau einer Schiebetür nach. Doch das eilt nicht.

Wieneke ist zufrieden: „Ich habe mich durch die neue Wohnung wirklich verändert. Heute bin ich selbstständiger und auch freier“, sagt sie. Und: „Mir war es wichtig, noch eine Weile selbstständig zu leben und nicht direkt den Stempel ‚Betreutes Wohnen‘ aufgedrückt zu bekommen.“

Für Yvonne Berg und Stephan Löhmann geht es nun weiter nach Röhe. Dort wartet bereits Maria Ohligschläger. Im Jahr 2005 hatte die 81-Jährige das erste Mal Kontakt zur Pflege- und Wohnberatung der Städteregion. „Als Laie weiß man überhaupt nicht, was man für Rechte und Möglichkeiten hat und kann sich dann auch dementsprechend schlecht durchsetzen“, sagt Maria Ohligschläger. Die Wohnberatung unterstützte das Ehepaar bei der Planung der Umbauarbeiten im Badezimmer, Stephan Löhmann half bei der Antragsstellung.

Vor wenigen Wochen hat Maria Ohligschläger erneut zum Hörer gegriffen und die Nummer von Stephan Löhmann gewählt. „Meinem Mann geht es mittlerweile deutlich schlechter und ich wollte eine höhere Pflegestufe für ihn beantragen“, erzählt die Seniorin, die die Pflege gemeinsam mit ihrem Sohn stemmt. Der Antrag wurde abgelehnt — nun haben die Ohligschlägers Widerspruch eingelegt, mit Hilfe von Stephan Löhmann.

Heute liegt Post von der Pflegekasse im Briefkasten des Ehepaars. Maria Ohligschläger ist aufgeregt. Hat der zweite Gutachter der Einstufung in Pflegestufe II zugestimmt? Stephan Löhmann öffnet den Umschlag. Darin ist nicht der erhoffte Bescheid, sondern ein weiteres seitenlanges Formular, das nun ausgefüllt werden muss. Auch dabei wird ihr Stephan Löhmann helfen.

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