Eschweiler: Nüchterne Zahlen, aber auch menschliche Nähe

Eschweiler : Nüchterne Zahlen, aber auch menschliche Nähe

30 Jahre lang war er das Gesicht der Raiffeisen-Bank Eschweiler, zum 1. Juni geht Johannes Gastreich in den Ruhestand. Im Interview blickt er zurück, spricht aber auch über seine Pläne für die Zukunft, schließlich will er sich weiter engagieren.

30 Jahre im Vorstand der Raiffeisen-Bank Eschweiler sind eine lange Zeit. Hätten Sie am Anfang gedacht, dass dies einmal Ihre letzte berufliche Station wird?

Gastreich: Das konnte ich mir Anfang 1986 gar nicht vorstellen. Es war damals eine ganz besondere Situation, in der ich nach Eschweiler kam. Es gab einen kompletten Wechsel im Vorstand. Und aufgrund dieser Tatsache hat mich der Genossenschaftsverband Rheinland damals gebeten, die Aufgabe in Eschweiler zu übernehmen. Und so kam ich hierhin — eher unter dem Aspekt einer Interimsaufgabe. Dass sich dies dann zu einer so langen Verbindung entwickeln würde, war für die damaligen Beteiligten nicht absehbar.

Wann war denn klar, dass die Aufgabe in Eschweiler in eine längerfristige Verbindung mündet?

Gastreich: Das ergab sich relativ schnell. Vor dem Hintergrund der damaligen strukturellen Veränderungen bei den genossenschaftlichen Banken war nach wenigen Monaten erkennbar, dass die Raiffeisen-Bank Eschweiler eine Chance hatte, eine sehr gute Entwicklung nehmen zu können. Dies hat sich auch bestätigt.

Woran wurde der in Ihren Augen positive Trend deutlich?

Gastreich: Die Raiffeisen-Bank führte 1986 noch ein Warengeschäft am Römerberg in Röhe. Dieses Geschäft war zwar durchaus von Bedeutung, aber aus der Führungsriege kristallisierte sich niemand heraus, der sich diesem speziellen Geschäft intensiv widmen konnte. Deshalb hatten wir der Vertreterversammlung vorgeschlagen, dieses Warengeschäft zu veräußern, was uns auch gelang. So konnten wir uns erfolgreich auf das genossenschaftliche Bankgeschäft ohne Warenverkehr konzentrieren.

Blicken wir auf Ihre beruflichen Anfänge: Ihre Ausbildung machten Sie in Olpe, Ihrer Heimatstadt…

Gastreich: Ja, bei der dortigen Sparkasse. Nach meiner Ausbildung sprach mich der damalige Vorstand der benachbarten Spar- und Darlehenskasse Wenden an, ob ich nicht interessiert sei, dort tätig zu werden. Das war schon überraschend, denn bis dahin hatte ich meine Zukunft im öffentlich-rechtlichen Sparkassensektor gesehen. Im Nachhinein betrachtet, war es eine gute Entscheidung, dass ich dem Angebot gefolgt bin.

Hatten Sie schon als Schüler eine Affinität zu Zahlen?

Gastreich: Die hatte ich, aber es war nicht erkennbar, dass dies in den Bankensektor mündet. Aber Mathematik und Physik waren für mich immer interessant.

Gab es denn nach der Schulzeit auch Alternativen zur Bankkarriere?

Gastreich: Ursprünglich hatte ich auch überlegt, mich über eine Karriere in der öffentlichen Verwaltung, bei der damaligen Deutschen Bundesbahn, zu informieren, aber die Zukunft erschien mir dort weniger verheißungsvoll als im Bankensektor.

Hat die Familie die Entscheidung beeinflusst?

Gastreich: Meine Eltern haben mich erst auf die Sparkasse aufmerksam gemacht. Dafür bin ich ihnen dankbar, denn bis dahin hatte mich das Finanzwesen noch nicht so interessiert.

Vom Sauerland in den rheinischen Westzipfel — provozierte der Umzug nicht einen Kulturschock?

Gastreich: Als wir 1986 nach Eschweiler kamen, vermuteten wir schon, dass wir Parallelen entdecken würden zu dem, was wir einige Jahre zuvor in Köln erlebt hatten. Ich bin 1981 im Alter von 29 Jahren Vorstandsmitglied der Spar- und Darlehenskasse Köln-Merkenich geworden und hatte von dort schon enge Berührungen mit dem Rheinischen Karneval, der natürlich schon einen anderen Stellenwert hat als in meiner sauerländischen Heimat.

Dort ist das Schützenwesen sehr ausgeprägt. Aber Karneval und Eschweiler haben wir schnell kennen und schätzen gelernt. Es kam dazu, dass ich mich im Prinzenwahlausschuss für Karl Velden wiederfand. Der Komiteepräsident Jupp Carduck hatte mich damals angesprochen.

Waren Sie überrascht von diesem Angebot, Mitglied im Prinzenwahlausschuss zu sein?

Gastreich: Ich habe den Karneval in Eschweiler bei einem Empfang in der Schalterhalle unserer Bank 1986 kennen gelernt. Ich bin mir sicher, dass dies Weiberfastnacht war. Das war ein positives Erlebnis. Da haben sich die ersten Verbindungen ergeben, über den Prinzenwahlausschuss ist die Verbindung zum Karneval dann weiter gewachsen.

Sie engagieren sich für kulturelle Angebote, unterstützen unter anderem die Franz-Liszt-Gesellschaft. Ist dies der private Ausgleich vom fordernden beruflichen Alltag?

Gastreich: Kulturelle Veranstaltungen sind für meine Frau und mich schon etwas Besonders, denn sie verbinden die Liebe für Kunst, Kultur und Musik mit meinen beruflichen Aufgaben. Für mich war einer der größten emotionalen Momente in meiner beruflichen Zeit, als ich mit meiner Ehefrau nach der Uraufführung in St. Peter und Paul im Jahr 2007 die Missa Solemnis von Franz Liszt drei Jahre später auch im Petersdom zu Rom erleben durfte. Domkapitular Peter Müllenborn zelebrierte die Heilige Messe unter Mitwirkung von Jozsef Acs an der Orgel und des Franz-Liszt-Regio-Kammerchors.

Die Partitur der Missa Solemnis konnte nur aufgelegt werden, weil die Gruppe der Deutschen Volks- und Raiffeisenbanken Pate gestanden hat. Jozsef Acs, der musikalische Leiter der Franz-Liszt-Gesellschaft Eschweiler, hat in einer öffentlichen Audienz auf dem Petersplatz in Rom Papst Benedikt XVI. eine Prunkausgabe persönlich überreicht. Diese liegt nun mit unserem Grußwort in den Archiven des Vatikans. Darauf bin ich sehr stolz.

Dem Papst räumlich so nah zu sein — welche Emotionen verbinden Sie mit diesem Moment?

Gastreich: Es ist ohnegleichen und eindrucksvoll, das Oberhaupt der katholischen Kirche aus so geringer Entfernung zu erleben.

Sie sind ein gläubiger Mensch?

Gastreich: Ich bin überzeugter Katholik, ja.

Viele Genossenschaftsbanken sind in den vergangenen Jahren fusioniert, die Raiffeisen-Bank Eschweiler blieb aber selbstständig. Hätten Sie dies vor 20 Jahren so erwartet?

Gastreich: Ich war immer zuversichtlich, dass wir am Markt eine gute Chance haben, wenn wir uns um unsere Mitglieder und Kunden im positiven Sinne bemühen und wenn wir unser Geschäftsmodell pflegen. Dies ist nämlich nicht ausgelegt auf Gewinnmaximierung, sondern auf Beratung und Begleitung in finanziellen Fragen. Darin unterscheiden wir uns von Global Playern.

War es auch rückblickend der richtige Schritt, sich an keiner Fusion zu beteiligen?

Gastreich: Es war in jedem Fall der richtige Schritt. Sicherlich gab es in den 80er Jahren die eine oder andere Überlegung, die beiden Eschweiler Genossenschaftsbanken aneinander heranzuführen. Aber diese sind dann nicht weiter verfolgt worden. Die Fusionen anderer Genossenschaftsbanken haben ihre Gründe gehabt und waren für sich gesehen bestimmt richtig, aber wir sind nach wie vor der Meinung, dass die Entscheidung, alleine zu bleiben, im Interesse unserer Eigentümer richtig war.

Dass in diesen Phasen, in denen den Banken der Wind ins Gesicht bläst, so wie jetzt in der Niedrigzinsphase, immer neue Herausforderungen warten, ist selbstverständlich. Aber solange sie betriebswirtschaftlich in einem guten Umfang bewältigt werden, gibt es keinen wichtigen Grund, in einer Verschmelzung mit einem anderen Institut die Autonomie aufzugeben.

Wie viel Menschlichkeit lässt das strenge Bankengeschäft heute noch zu?

Gastreich: Bank muss immer menschlich sein. Wir entscheiden nach dem Genossenschaftsprinzip. Somit ist es bei uns ein sehr persönliches und menschliches Geschäft. Anders wäre es für uns auch nicht erfolgreich.

Gibt es rückblickend einen sehr emotionalen Moment, an den Sie sich als Bankvorstand erinnern?

Gastreich: Ja, positives Feedback ist wichtig, da gibt es manche Momente. Ich erinnere mich an eine Begebenheit, die schon länger zurückliegt. Da gab es Schwierigkeiten bei einem größeren Unternehmen mit einer anderen Bank, viele Arbeitsplätze waren in Gefahr. Es gab Probleme, den Mitarbeitern den verdienten Lohn und das Gehalt auszuzahlen. Wir haben es dann doch geschafft, dass die Mitarbeiter im Lohnbüro ihr Geld bar ausbezahlt bekamen. Das geht einem nahe.

Wie viel Freizeit bleibt einem Bankvorstand?

Gastreich: Besondere Hobbys hatten einen geringeren Stellenwert, da ich in meinem Beruf aufgegangen bin. Mein Beruf war mein Hobby. Das hat dazu geführt, dass manche Dinge doch etwas in den Hintergrund treten mussten. Meine Kinder und meine Ehefrau haben mein berufliches Engagement stets mitgetragen. Mir wurde der enorme zeitliche Aufwand erst bewusst, als meine Kinder plötzlich erwachsen waren.

Die Freizeit wird mit der Verabschiedung als Vorstandsvorsitzender zunehmen. Gibt es konkrete Pläne?

Gastreich: Es wird zunächst eine kleine Phase der Erholung geben. Aber dann werde ich mich verstärkt sportlichen Aktivitäten widmen. Ich werde mit meiner Frau und Freunden eine längere Radtour an der Donau entlang unternehmen. Anschließend wollen wir in den Bergen wandern. Ich werde im Wald an meiner Fitness arbeiten.

Geplant habe ich auch, mich ehrenamtlich einzubringen, als Betreuer für Menschen, die einer Betreuung bedürfen. Mir ist bekannt, dass diese Funktionen gesucht werden. Die Funktionen im Haus- und Grundeigentümerverein Eschweiler sowie im Vorstand des Landesverbandes Haus und Grund Rheinland möchte ich zunächst beibehalten. Meine beiden Enkelinnen freuen sich natürlich auch darauf, ihren Opa nun häufiger zu sehen.

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