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Eschweiler: Neue Spuren von Eschweiler Opfern der Nazi-Zeit entdeckt

Eschweiler : Neue Spuren von Eschweiler Opfern der Nazi-Zeit entdeckt

57 Stolpersteine erinnern in Eschweiler an Menschen, die im Dritten Reich dem Nazi-Terror zum Opfer fielen. Im nächsten Jahr könnten noch einige hinzu kommen. Die Recherchegruppe des Arbeitskreises „Stolpersteine gegen das Vergessen“ klärte jetzt die Schicksale von fünf weiteren NS-Opfern.

Seit 2008 wurden bei bisher vier Terminen durch den Kölner Künstler Gunter Demnig Stolpersteine in Eschweiler verlegt. Die kleinen Gedenksteine, Betonwürfel mit einer zehn mal zehn Zentimeter großen Messingplatte, liegen in Bürgersteigen vor den letzten Wohnplätzen von Menschen, die in der NS-Zeit ermordet wurden. Überwiegend sind es Juden, an die erinnert wird, aber es gibt auch Gewerkschaftsfunktionäre, Sozialdemokraten, einen Zwangsarbeiter und einen Pfarrer darunter.

Im Juli 2015, nachdem Gunter Demnig zum bisher letzten Mal 15 Steine in Eschweiler verlegt hatte, hieß es im städtischen Arbeitskreis: „Mehr Opfer werden wir wohl nicht mehr finden“. Der Arbeitskreis wurde daraufhin ruhend gestellt. Jetzt, drei Jahre später, kann er seine Arbeit wieder aufnehmen, denn durch Archiv-Recherchen und den Kontakt zu Nachfahren Eschweiler Juden wurden weitere Lebenswege bekannt.

Michael Müller

Am längsten dauerte die Recherche bei dem Weisweiler Arbeiter Michael Müller. Schon vor zehn Jahren sollte mit einem Stolperstein an ihn erinnert werden. Der Arbeitskreis wusste damals bereits, dass Müller als Regimegegner verhaftet worden war und dass er im KZ Buchenwald ums Leben kam. Doch trotz großer Mühen war nicht einmal sein Geburtsdatum zu finden. Das weiß man inzwischen, und einiges mehr.

Am 4. Oktober 1944 verhaftete die Geheime Staatspolizei (Gestapo) eine Gruppe von Männern aus Eschweiler und Weisweiler, die dem Widerstand gegen Hitler zugerechnet wurden. Alle arbeiteten bei der BIAG Zukunft, der späteren Rheinbraun. Die acht Männer wurden am Arbeitsplatz verhaftet. Als der Lastwagen mit den Gefangenen das Betriebsgelände verließ, kam ihm Michael Müller auf dem Fahrrad entgegen. Er wurde von den Gestapo-Leuten vom Fleck weg ebenfalls verhaftet und mitgenommen.

Michael Müller war in Weisweiler als Gegner der Nazis bekannt. Bis 1932 war er Mitglied der kommunistischen Partei. Man kannte ihn aber auch als Musiker, er spielte Akkordeon und leitete die Weisweiler Schalmeienkapelle. Zusammen mit den anderen Verhafteten wurde er ins Kölner Gefängnis Klingelpütz gebracht, später ins Konzentrationslager Buchenwald. Dort starb er im Frühjahr 1945 durch Hunger und Zwangsarbeit. Er hinterließ seine Frau Agnes, seinen Sohn Georg und einen Enkel.

Leo Heumann

Leo Heumann, geboren 1903, hatte von seinen Eltern eine kleine Ziegen-Metzgerei am Langwahn geerbt. In Eschweiler kannte man ihn vor allem als Feldhandballer und Schiedsrichter, er war — bis er als Jude aus seinem Verein rausgeworfen wurde — Handballobmann für den Bezirk Mittelrhein. 1936 heiratete er Thekla Kaufmann aus Schiefbahn bei Krefeld, ihr Sohn Herbert Philipp kam im Dezember 1937 in Eschweiler zur Welt.

Vier Monate später starb Leo Heumann in den Niederlanden. Er hatte seine Metzgerei unter dem Druck der Nazis aufgeben müssen und war nach Maastricht emigriert. Dort lebte er illegal. Als man ihn wieder nach Deutschland abschieben wollte, beging er voller Verzweiflung Selbstmord. Seine Leiche wurde in der Maas gefunden. Heumanns Frau zog mit ihrem Baby zu ihren Eltern nach Schiefbahn zurück. Beide wurden 1942 im Vernichtungslager Kulmhof ermordet. Vor ihrem Elternhaus in Schiefbahn erinnern Stolpersteine an beide. Für Leo Heumann gibt es noch keinen solchen Stein.

Regina Höflich

Vor dem Haus Uferstraße 30 liegt seit 2008 ein Stolperstein für den ermordeten jüdischen Metzger und Lebensmittelhändler Sally Höflich. Aber was aus seiner Frau Regina geworden war und der Tochter Karola, war nicht herauszufinden. Man wusste nur, dass sich beide 1938 nach Siersdorf abgemeldet hatten. Dort verlor sich ihre Spur. Jetzt gibt es Kontakt zu einem Nachkommen von Karola Höflich. Die junge Frau aus Eschweiler hat in einem Versteck in Holland die NS-Zeit überlebt. Nach dem Krieg heiratete sie einen Schicksalsgenossen, der später ein bekannter Wissenschaftler wurde. Ihre Mutter hat das nicht erlebt. Regina Höflich geborene Elkan hielt sich während der Nazi-Zeit in Brüssel verborgen. In ihrem Versteck starb sie an einem Herzinfarkt.

Das Ehepaar Nathan

Auch die letzten Lebensjahre von Luise und Hermann Nathan lassen sich jetzt rekonstruieren. Ob für sie Stolpersteine verlegt werden, ist noch ungewiss, denn beide haben die NS-Zeit überlebt. Hermann Nathan war Inhaber einer der damals zwei Pferdemetzgereien an der Kochsgasse. Er und seine Frau waren vor den Nazis nach Belgien geflüchtet, sie hielten sich in Brüssel versteckt. Nathan wurde zweimal entdeckt, festgenommen und in französische Internierungs- und Arbeitslager gesperrt. Beide Male konnte er fliehen.

Nach dem Ende des Dritten Reichs kehrten die Nathans nach Eschweiler zurück. Ihnen blieben nur noch wenige Lebensjahre. Hermann Nathan war während der Haft an Typhus erkrankt, auch ein Lungenemphysem und eine Herzerkrankung führten Ärzte auf die Haft- und Verfolgungszeit zurück. Seine Frau Luise, geborene Kaufmann, war ebenfalls durch die Entbehrungen in der Zeit der Illegalität schwer krank. Sie starb am 11. Dezember 1950, 50 Jahre alt. Ihr Mann überlebte sie nur kurz. „Vier Wochen nach dem Tod seiner lieben Frau, nach langem schweren Leiden“, so steht es in seiner Todesanzeige, starb am 9. Januar 1951 Hermann Nathan im Alter von 52 Jahren. Das Grab der beiden ist auf dem jüdischen Friedhof in Düren.