Eschweiler: Nächste Vorzeige-Siedlung von Faktor X in der Mache

Eschweiler : Nächste Vorzeige-Siedlung von Faktor X in der Mache

Faktor X — das hat sich zu einer Marke entwickelt, mit der auch die Stadt Eschweiler in der Region, ja bundesweit auf sich aufmerksam macht. In Dürwiß wurde unter diesem Schlagwort eine ganze Siedlung realisiert: „Neue Höfe“. Dahinter verbirgt sich eine Bauweise, die mit Baustoffen ressourcenschonend umgeht. Für Bürgermeister Rudi Bertram übernimmt Eschweiler darin eine „Vorreiterrolle“.

Jetzt soll dem Gebiet im Norden ein weiteres folgen: „Westlich Vöckelsberg“. Auf dem 3,1 Hektar großen Areal nördlich der Königsberger Straße sollen ab 2019 bis zu 50 neue Wohneinheiten entstehen. Die entsprechende Kooperationsvereinbarung der Projektpartner wurde am Mittwoch unterschrieben.

Ressourcen immer wichtiger

Mit im Boot sitzen die RWE Power, die Strukturfördergesellschaft der Stadt Eschweiler und die Faktor-x-Agentur der Entwicklungsgesellschaft Indeland. Deren Leiter Klaus Dosch war schon bei der Entstehen der Siedlung „Neue Höfe“ beteiligt, dem auch ein Architektenwettbewerb der Kathy-Beys-Stiftung vorausging. Er ist wie andere Fachleute auch davon überzeugt, dass die gesetzlichen Vorgaben des Bauens in Zukunft stärker die Ressourcen ins Auge fassen. „An dieser Stelle ist Eschweiler ganz weit vorne“, sagt er. Deswegen habe er sich sehr über den Nachhaltigkeitspreis für die Stadt gefreut, denn „den hat sie wirklich verdient“, sagt er.

Neben der Stadt Eschweiler ist die RWE-Power AG Grundstückseigentümerin der Fläche am zwischen Autobahn 4 und Königsberger Straße. Im September sollen die Gremien im Rathaus über das Baugebiet beraten und ein Bebauungsplanverfahren eingeleitet werden. Läuft alles nach Plan — und davon gehen alle Beteiligten aus — kann die Vermarktung ab Mitte kommenden Jahres beginnen. „Schon jetzt gibt er erste Anfragen“, teilt der Geschäftsführer der Strukturfördergesellschaft, Dieter Kamp, mit.

Was zunächst skeptische Blicke hervorrief, kann inzwischen in Dürwiß betrachtet werden. Auf dem Gelände der „Neuen Höfe“ stehen verschiedene Beispiele, ressourcenschonend zu bauen. Das klassische Beispiel ist das Holzständerhaus, das in Dürwiß auch als Mehrfamilienhaus entstanden ist. Es können auch Recycling-Baustoffe eingesetzt werden. Jüngstes Beispiel ist der wiederverwertete Beton, der laut Dosch „genauso hart und stabil ist wie herkömmlicher Beton“.

Der Clou: Das zerschredderte Material wird unter den Kies für neuen Beton gemischt und landet somit nicht mehr in den Haufen mit Bauschutt. „Damit verringere ich natürlich den Einsatz von Sand und anderen Materialien, die ich für eine Betondecke benötige“, berichtet Dosch. Bald werde jede Kellerdecke aus Recyclingbeton bestehen. Das Gebiet in Dürwiß habe gezeigt, dass diese Bauweise nicht wesentlich teurer sei.

Für Eschweiler entpuppt sich das Projekt noch als weiterer Glücksfall: Es entsteht ein neuer Unternehmenszweig. Bürgermeister Rudi Bertram berichtet, dass jemand sich in der Verwaltung gemeldet habe, der einen Firmenstandort sucht, um in Eschweiler Baumaterialien aufzubereiten. „Faktor x ist ein Teil des Strukturwandels in Eschweiler“, meint Bertram.

Auch aus diesem Grund ist RWE mit im Boot. In Inden-Altdorf erfolgt in der nächsten Woche der symbolische Spatenstich für eine weitere Faktor-x-Siedlung, das Baugebiet „Lützeler Hof“. Wie der Leiter von Liegenschaften RWE Power, Erik Schöddert, betont, sei die Nachfrage nach ressourcenschonendem Bauen steigend. Weitere Faktor-x-Siedlungen sind in Planung.

Nach wie vor hoher Bedarf

Auch in Eschweiler kann es weitere Siedlungen dieser Art geben, zumal sich auch Mehrfamilienhäuser so errichten lassen. „Wir weisen nach wie vor weitere Baugebiete aus, weil der Bedarf vor allem an bezahlbarem Wohnraum nach wie vor sehr hoch ist“, betont der Technische Beigeordnete der Stadt Eschweiler, Hermann Gödde.

Nicht nur westlich des Vöckelsbergs werden bald die Bagger anrücken, auch auf den ehemaligen Sportplätzen Indestadion und am Patternhof wird mit dem Bau der ersten Häuser begonnen. Zudem entsteht in Hücheln in Kooperation mit dem Land Nordrhein-Westfalen ein neues Gebiet, bei dem ein „erhebliche“ Anteil mit sozialem Wohnungsbau versehen werden soll.

In der neuen Faktor-x-Siedlungen sind viele Möglichkeiten offen. Gödde sieht auch Möglichkeiten für Mehrgenerationenhäuser und andere Formen des gemeinschaftlichen Wohnens, so wie sie auch in Dürwiß angedacht waren. „Letztlich richtet sich auch dieses Angebot nach der Nachfrage“, meint Gödde. Nicht mehr gefragt sind Siedlungen mit Blockheizkraftwerken. Es habe sich gezeigt, dass sich dies energetisch nicht mehr rechne, weil die Häuser inzwischen sehr gut gedämmt seien und die Energieverbräuche allgemein sinken würden, hieß es.

Beratend zur Seite

In der Faktor-x-Siedlung soll der „Einsatz von Rohstoffen, Material und Energie über den gesamten Lebenszyklus des Wohngebietes im Vergleich zu herkömmlichen Siedlungen mindestens um den Faktor 2“ verringert sein. Um dies zu erreichen, sollen nachwachsende oder recycelte Baustoffe verwandt werden. Die Faktor-x-Agentur der Indeland GmbH steht den Bauwilligen und Architekten beratend zur Seite. „Andere Städte erkundigen sich danach, wie wir das in Eschweiler gemacht haben“, schildert Gödde. Eschweiler als Vorreiter.

Mehr von Aachener Zeitung