Eschweiler: „Nachdenken über Europa“: Winfried Böttcher stellt sein neues Buch vor

Eschweiler: „Nachdenken über Europa“: Winfried Böttcher stellt sein neues Buch vor

Flüchtlings-, Finanz- und Systemkrise, Terrorgefahr, Rechtspopulisten in zahlreichen Ländern, darunter Deutschland, auf dem Vormarsch, Brexit, eine Schere zwischen Arm und Reich, die immer weiter auseinander geht, Uneinigkeit über das Verhältnis zu Russland und der Türkei, viele zutiefst verunsicherte Menschen: Winfried Böttcher behandelt in seinem neuen Buch viele Probleme der heutigen Zeit.

Skepsis bis Ablehnung in Sachen „Europäische Einigung“ sind hochmodern. Immer mehr Politiker reden von der einfach(st)en Lösung „Abschottung“ und treffen in nicht geringen Teilen ihrer Bevölkerungen auf fruchtbaren Boden. In diesen Zeiten gegen den Strom zu schwimmen und „mehr Europa und mehr Demokratie“ sowie „weniger Nationalstaat“ zu fordern, erfordert Mut und Überzeugung. Und ein überzeugter Europäer ist Winfried Böttcher, emeritierter Professor für Politische Wissenschaften an der RWTH Aachen mit den Schwerpunkten Internationale Politik, Europa- und Friedenspolitik, seit jeher.

Dies zeigt einmal mehr sein kürzlich erschienenes Buch „Nachdenken über Europa“, das 19 Beiträge des Autors aus den zurückliegenden vier Jahrzehnten umfasst, in denen sich Winfried Böttcher mit Europa, den Kernproblemen des Kontinents und vor allem mit Lösungsansätzen befasst hat. Auf Einladung des Europavereins „Gesellschaftspolitische Bildungsgemeinschaft“ (GPB), in dem Winfried Böttcher unter anderem als wissenschaftlicher Berater fungiert, und der Stadt Eschweiler stellten nun Professor Max Kerner sowie der Aachener Politologe Jürgen Lauer, Herausgeber des Buches, das Werk in der Stadtbücherei vor. Anschließend standen die beiden Redner und der Autor selbst für Fragen der zahlreichen Gäste zur Verfügung.

„Das Buch von Winfried Böttcher ist ein Geschenk zur rechten Zeit“, erklärte Professor Max Kerner zu Beginn seiner Ausführungen. Obwohl einige der Beiträge aus den 70er und 80er Jahren stammten, seien sie hochaktuell. Die Leitgedanken drehten sich um die Frage, was erreicht worden sei, nämlich unter anderem die längste Friedensperiode in der Geschichte des Kontinents, und wie die Zukunft aussehen solle. „Hier fordert Winfried Böttcher eine föderale politische Union, die ihren Schwerpunkt auf ein Europa der Regionen legt und sich vor allem an der Kultur orientiert.“

Doch wie konnte aus dem „Jahrhundertwerk“ Europäische Union eigentlich eine verhasste „Eurokratie“ werden? „Polen befindet sich in der Hand katholischer Fundamentalisten. Frankreich ist als auch auf Grund des Terrors zutiefst verunsichertes Land womöglich auf dem Weg zum Polizeistaat. Und in Deutschland sehen Populisten das Volk in Gefahr“, nahm Professor Max Kerner eine Bestandsaufnahme der Situation Europas vor.

Um diesen Zustand wieder verändern zu können, seien „dringend europäische Persönlichkeiten vonnöten“, die den Menschen deutlich machten, dass Europa kein Projekt einer abgehobenen Elite, sondern eben für alle Menschen von Nutzen sei. In seinem Ausblick benenne Winfried Böttcher seinen „Kategorischen Imperativ“, der „mehr Europa, mehr Demokratie, weniger Nationalstaat“ laute.

Herausgeber Jürgen Lauer unterstrich, dass die europäische Krise für Winfried Böttcher vor allem durch eine Entsolidarisierung gekennzeichnet sei. Werte würden einem kurzfristigen politischen Kalkül geopfert. „Statt Rechte, Werte und Kompromisse in den Vordergrund zu stellen, stehen das Abwehren und Verteidigen im Fokus“, so der Politologe. Der Autor mache in seinem Buch „Nachdenken über Europa“ deutlich, dass Europa eben aus mehr bestehe als aus Wirtschaftsstatistiken und einer Anhäufung von Institutionen. Die Begriffe Würde, Freiheit, Rechtsstaatlichkeit und Solidarität, die Verständigung mit Russland sowie Verantwortung für die Dritte Welt seien für Winfried Böttcher mehr als hohle Phrasen.

„Für ihn müssen die Menschen dort abgeholt werden, wo sie leben. Also in ihren Regionen!“ Der Nationalstaat sei für den Politikwissenschaftler nicht die Lösung aller Probleme, sondern das Problem selbst. „Europa kann nicht liefern, weil die Nationalstaaten dies nicht zulassen“, zitierte Jürgen Lauer Joschka Fischer und sieht den ehemaligen Außenminister damit auf einer Linie mit Winfried Böttcher, der seit 40 Jahren das Modell eines „Europa der Regionen“ favorisiere, in dem Außen- und Sicherheitspolitik auf europäischer Ebene, zahlreiche andere politische Felder aber vor Ort, und zwar autonom, geregelt würden.

Abschließend skizzierte Winfried Böttcher seine Sicht der Dinge kurz unter den Fragestellungen „Was wurde erreicht?“, „Wo stehen wir?“ und „Wohin wollen wir?“: Als vielleicht größte Friedensinitiative der Geschichte sei der Europäische Einigungsprozess nicht hoch genug einzuschätzen. Darüber hinaus habe die Schaffung des größten Binnenmarktes der Welt Wohlstand für viele, allerdings nicht für alle gebracht.

Doch nach dem „Brexit“ stehe das von der Flüchtlings-, der nicht ausgestandenen Finanz- sowie der Systemkrise der EU gebeutelte Europa endgültig am Scheideweg. „Die Frage nach der Zukunft ist deshalb schwierig zu beantworten. Meiner Meinung nach hat der Nationalstaat seine unbestritten wichtige historische Funktion erfüllt. Heute ist er nun nur noch ein Störenfried. Wir brauchen in Zukunft mehr Demokratie durch größere Bürgernähe. Wir brauchen mehr Europa, weil weniger Europa den Verlust von Lebensqualität nach sich ziehen würde“, schloss Winfried Böttcher seine Ausführungen und veranschlagte auf Nachfrage einen Zeitraum von 30 bis 50 Jahren für die Umsetzung seines Modells.

„Allzu theoretisch“

Weitere Anmerkungen aus dem Publikum setzten sich kritisch mit den laut Fragesteller „allzu theoretischen Ausführungen“ der drei Redner auseinander. Einigkeit herrschte darüber, dass in Zukunft die Bedürfnisse der Menschen das zentrale Thema darstellen müssen. Doch (mindestens) eine Frage blieb im Raum stehen: „Wo sind die von Europa begeisterten Politiker?“

(ran)