Eschweiler: Musical „Nacht am See“: Mal Lebensfreude, mal Zukunftsangst

Eschweiler : Musical „Nacht am See“: Mal Lebensfreude, mal Zukunftsangst

Maya (Juliana Langen) hat einen Traum: Sie möchte Autorin werden. Eine Vorstellung, die ihrer Mutter (Carlotta Kuper) förmlich den Angstschweiß auf die Stirn treibt. Diese ist beim Versuch, sich ihren Berufswunsch zu erfüllen, unsanft auf dem Boden der Tatsachen gelandet und drängt ihre Tochter, die kurz vor den Abiturprüfungen steht, „Sicherheit statt brotlose Kunst“ anzustreben.

„Warum nicht BWL oder Jura?“, lautet ihre Frage. „Weil Sicherheit keinen Raum für Träume bietet“, antwortet Maya. Deren beste Freundin Chris (Jeanne Jansen) ist in Sachen Zukunft noch relativ planlos, blickt aber dennoch mit Optimismus nach vorne.

Ihr Bekannter Basti (Robin Schroif), den Chris aus dem Schwimmverein kennt und zu dem sie eine freundschaftliche Beziehung aufgebaut hat, hat derweil gemeinsam mit seinem Zwillingsbruder Alex (Mats Heisterüber) ein Maschinenbau-Studium an der RWTH Aachen begonnen. Während Alex („Maschinenbauer wollte ich schon immer werden und werde ich werden“) offenbar unbeirrt seinen Weg geht, kommen Basti Zweifel.

Er „schmeißt“ sein Studium und weiß nun zumindest, was er im Leben nicht tun möchte. Halt findet er bei seinen Großeltern Tatjana (Beverley Hilgers) und Erich (Joshua Behrens), die auf Grund ihrer Lebenserfahrung und -klugheit so schnell nicht aus dem Gleichgeweicht zu bringen sind. Als Chris ihre von Zukunftsängsten geplagte Freundin Maya endlich einmal auf andere Gedanken bringen möchte, kommt sie auf die Idee, sie mit Unterstützung von Basti und Alex zu „entführen“ und zu viert eine „Nacht am See“ zu verbringen, während der womöglich „augenöffnende“ und zukunftsweisende Gespräche stattfinden und die Freundschaft von Maya und Chris auf die Probe gestellt wird.

Vier junge Menschen auf der Suche nach ihrem Platz im Leben, das ist die Ausgangsposition des Musicals „Die Nacht am See“, das von der Indestädterin Tabea Naeven, die vor drei Jahren ihr Abitur am Städtischen Gymnasium baute und nun in Münster Musik und Mathematik studiert, geschrieben und komponiert wurde und nun seine Uraufführung (einen Tag später folgte die zweite Darbietung) auf der Bühne der Schulaula am „Städti“ erlebte.

Aktueller denn je

Aktuelle und inzwischen ehemalige Oberstufenschüler, die vor einer guten Woche ihre Abiturzeugnisse erhielten, initiierten das Werk, das aus Sicht der Mitwirkenden also kaum aktueller hätte sein können, nahezu im Alleingang, brillierten sowohl gesanglich als auch schauspielerisch und vollführten den Spagat zwischen Lebensfreude und Zukunftsangst glaubwürdig und mitreißend. Die spürbar ergriffenen Zuschauer und -hörer erhoben sich nach dem Verklingen des letzten Tons von ihren Sitzen und spendeten neben „Bravo“-Rufen langanhaltenden Applaus.

„Alles ist auf einmal anders. Plötzlich stehen Entscheidungen statt Pläne an!“, muss selbst die lebensfrohe und fast immer optimistische Chris konstatieren, bevor die „Nacht am See“ anbricht. Maya sieht die Lage wesentlich dramatischer: Sie ist überzeugt, als Autorin „gut“ zu sein. „Ich mache doch nicht einfach irgendwas“, erklärt sie entschlossen. Doch reicht dies, um als Autorin (über-)leben zu können? Der „ultrarealistische“ Alex rät ihr desillusionierend, sich vom Gedanken, „Geschichte zu schreiben“ zu verabschieden. Während Maya darauf beharrt, „den Sinn zu kennen“, ist Alex absolut überzeugt, dass es keinen Sinn gibt. Von Zukunftsangst getrieben, wirft Maya schließlich ihrer besten Freundin Chris deren „Vorzeigefamilie“ vor, die bedingungslose Unterstützung garantiere, während Mayas alleinerziehende Mutter täglich kämpfen müsse und deshalb kaum Halt bieten könne.

„Vielleicht kommt es dir so vor, als wäre das Leben fair? Ist es aber nicht und war es nie!“ In den Tagen nach der „Nacht am See“ gehen sich die beiden aus dem Weg, bis Chris sich entschließt, eine der vielen Fragen, die Maya ihr am See stellte, zu beantworten: „Warum bin ich immer so fröhlich? Ich habe vor einigen Jahren einen Menschen, den ich geliebt habe, an den Tod verloren. Doch das Leben ist nunmal für die Lebenden gemacht. Es muss also weitergehen!“, berichtet sie Maya von einer sehr persönlichen Erfahrung. Die Freundschaft zwischen Chris und Maya hat einen Sturm überstanden und ist noch tiefer geworden.

Bei einem Reste-Abendessen bei den Großeltern Tatjana und Erich wird schließlich deutlich, wie die nahe Zukunft des Quartetts aussehen soll: Alex nimmt über die Abschlüsse Bachelor und Master Kurs auf den Doktortitel, sieht jedoch immerhin ein, dass „Teilaspekte meiner im Grunde richtigen Handlungen womöglich optimierbar sind“. Maya möchte ihren Traum keinesfalls aufgeben. „Ich bleibe fürs Erste hier. Die Zeit, die ich brauche, nehme ich mir. Irgendwann, irgendwo, ab und zu, nein immerzu...“, will sie weiterkämpfen. Chris „hat keine Ahnung und sieht das Ausland zunächst in Planung“, um sich auf Sinnsuche zu begeben.

Und Basti? Der schließt sich in seiner Ahnungslosigkeit Chris im Geiste an und vertraut auf seine Familie, die ihm zur Seite steht. Keine endgültige Antwort also für die vier jungen Menschen, die sich zwischen Lockerheit und Sicherheit, dem Wunsch, fliegen zu können und der Notwendigkeit des Austestens bewegen. Leben eben!

(ran)