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Traumapädagogik: Mit Hilfe von Stute Girly zurück in ein selbstbestimmtes Leben

Traumapädagogik : Mit Hilfe von Stute Girly zurück in ein selbstbestimmtes Leben

Hans Tirtey hat vieles versucht, um sein Kriegstrauma aus den 1990er Jahren zu bewältigen. Erst die Arbeit mit Stute Girly hat nachhaltigen Erfolg gebracht. Eine besondere Geschichte von Vertrauen, Fortschritt und Selbstkontrolle.

Wenn Hans Tirtey vom Kriegseinsatz aus seiner Bundeswehrzeit erzählt, bewegt das nicht nur die Menschen, die ihm zuhören, sondern vor allem ihn selbst. Rund 30 Jahre sind die Ereignisse inzwischen her, aber bei den Erinnerungen daran steigen ihm immer noch Tränen in die Augen. Das Trauma aus dieser Zeit ist geblieben.

Lange Zeit hatte es erhebliche Auswirkungen auf seinen Alltag. „Immer wenn bestimmte Situationen auftauchten, bin ich in eine Starre gefallen und konnte nicht mit diesen Konflikten umgehen. Ich habe mich wie damals handlungsunfähig gefühlt.“ Dass der 54-Jährige inzwischen die Vergangenheitsform wählt, ist kein Zufall. Denn mithilfe von pferdegestützter Traumapädagogik hat er es nach eigener Aussage geschafft, einen Weg aus der Sackgasse zu finden. „Heute bin ich deutlich entspannter und zudem frei von Medikamenten“, berichtet Tirtey und fügt hinzu: „Außerdem kann ich seit einigen Wochen wieder in meinem Job als Bundespolizist arbeiten.“

Seit 2019 am Lohner Hof

Der Prozess war allerdings kein leichter. Nach verschiedenen Klinikaufenthalten und psychotherapeutischen Behandlungen hat Tirtey im Dezember 2019 den Weg zum Reit- und Therapiezentrum Lohner Hof in Eschweiler gefunden. In der sogenannten traumazentrierten Fachberatung hat er Girly kennengelernt – eine gescheckte Stute, die von diesem Moment an seine Partnerin werden sollte. „Es war hochinteressant, mit dem Pferd zu arbeiten und dabei sehr schnell an meine Grenzen zu kommen. Die Reaktionen auf mein Verhalten waren einfach nur genial“, sagt Hans Tirtey, und zum ersten Mal während des Gesprächs umspielt ein Lächeln seine Lippen.

Wie diese „genialen Reaktionen“ zustande kommen, kann Claudia Schönborn erklären, die den Lohner Hof leitet und dort seit vielen Jahren mit traumatisierten Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen arbeitet – seit 2020 auch offiziell als Traumapädagogin zertifiziert. „Pferde reagieren auf Körpersprache sowie emotionale Verhaltensweisen und spiegeln diese. Aber immer ehrlich und spontan“, weiß Schönborn. Auf diese Weise würden sie dazu beitragen, dass die traumatisierten Menschen sich selbst und ihre Gefühle wieder wahrnehmen und eine Beziehung aufbauen, die ihnen häufig fehle. In diesem ganzen Prozess kommen sie außerdem wortwörtlich in Bewegung. „Das unterscheidet die pferdegestützte Traumabewältigung von anderen Angeboten“, ist sie überzeugt.

Bei ihrer Arbeit geht Schönborn davon aus, dass alle Reaktionen und Verhaltensweisen, die ein Mensch zeigt, in seiner Lebensgeschichte begründet sind. „Gute wie schlechte Erlebnisse haben wir mit all unseren Sinnen abgespeichert, aber bei einer Traumatisierung ist es genau umgekehrt. Sie ist nicht abgespeichert und vor allem nicht verarbeitet, sondern schwimmt irgendwo in unserem Körper herum, bis uns etwas triggert“, erläutert Schönborn. Dann würden gewisse Verhaltensweisen ausgelöst, die mit dem traumatischen Erlebnis zusammenhängen. Diese ließen sich in drei Kategorien einteilen: flüchten, kämpfen oder erstarren.

„In der Regel ist es so, dass ein traumatisierter Mensch erstarrt. Denn das hat in diesem Moment eine Überlebensfunktion“, sagt die Traumapädagogin und weist darauf hin, dass solche Prozesse unterbewusst ablaufen. Diese Erfahrungen führten dazu, dass Betroffene sich zurückziehen, ihre sozialen Kontakte verlieren und sich in der Gesellschaft nicht mehr zugehörig fühlen. „Wir möchten mithilfe der Arbeit mit den Pferden dazu beitragen, dass die Menschen den Zugang zu ihren Gefühlen zurückerlangen, sich besser verstehen und ihre Verhaltensweisen kanalisieren können.“

Für Hans Tirtey ist dieses Konzept aufgegangen – in verschiedensten Situationen, die er gemeinsam mit Girly bewältigen musste. Unter anderem berichtet er von einem Parcours, „den ich bestimmt 17 Mal nicht geschafft habe, bis es irgendwann geklappt hat“, und einer Aufgabe, bei der die Stute mit ihm durch flatternde Bänder gehen sollte. „Ich musste mir das Vertrauen des Pferdes erst erarbeiten. Aber nach einiger Zeit habe ich es geschafft, mit meiner Körperhaltung und -spannung die richtige Sicherheit auszustrahlen, so dass sie mir durch die Bänder gefolgt ist.“ Dabei habe der 54-Jährige auch versucht, sich selbst zu reflektieren und darüber nachzudenken, was das Pferd brauchen könnte. „Dazu gehört dann auch Empathie.“

Verfahrene Situationen lösen

Erfolgserlebnisse wie diese bringen Claudia Schönborn zum Lächeln. Denn es bestätigt, was sie ihren Klienten immer wieder zu vermitteln versucht: „Häufig ist die Lösung ganz einfach, aber liegt gleichzeitig so fern, weil man einfach in seinem System verhaftet ist.“ Dieses Umdenken könnten die Teilnehmer später auf ihren Alltag übertragen, in dem sich mit einer Richtungsänderung scheinbar verfahrene Situationen lösen ließen.

Darüber hinaus gibt die Leiterin des Lohner Hofs ihnen verschiedene Methoden an die Hand, die im Zweifelsfall bei der Fokussierung auf sich selbst und bei der Kontrolle der eigenen Gefühle helfen sollen. „Welche besonders gut funktioniert, ist sehr individuell. Aber jeder Teilnehmer findet die beste für sich und kann so ganz gezielt üben, den Alltag in den Griff zu kriegen und wieder am gesellschaftlichen Leben teilzunehmen“, ist Schönborn überzeugt.

 Cornelia Schmid (l.) und Claudia Schönborn bieten am Lohner Hof die Traumapädagogik an.
Cornelia Schmid (l.) und Claudia Schönborn bieten am Lohner Hof die Traumapädagogik an. Foto: MHA/Caroline Niehus

Bei Hans Tirtey ist es die sogenannte „5-4-3-2-1“-Methode, mit deren Hilfe er zunächst zum Beispiel fünf Farben, fünf Geräusche und fünf Gerüche aus seiner Umgebung bewusst wahrnimmt. Dann zählt er gedanklich vier auf, dann drei, und so weiter. „Es ist unheimlich schwer, sich in Stresssituationen an diese Methode zu erinnern, aber mithilfe dieser Konzentrationsübung schaffe ich es, die Kontrolle zurückzuerlangen“, berichtet er.

„Wieder agieren und handeln zu können, tut mir sehr gut. Ich falle nicht mehr in meine Starre“, bilanziert er nach knapp drei Jahren in der Traumapädagogik am Lohner Hof. Zurzeit hat Tirtey diese ausgesetzt, da er in seinem Job wieder gut klarkommt. Wenn es zeitlich passt, möchte er aber dennoch in unregelmäßigen Abständen zurückkommen. „Ohne die Arbeit mit dem Pferd wäre ich nicht ansatzweise so weit wie heute. Das waren mindestens 70 Prozent von dem, was ich geschafft habe“, ist der 54-Jährige sicher.