Eschweiler: Misshandlungen im Kinderheim: Der Orden bittet um Verzeihung

Eschweiler: Misshandlungen im Kinderheim: Der Orden bittet um Verzeihung

Seit 1992 wird das Kinderheim St. Josef, das zur Katholischen Pfarrgemeinde St. Peter und Paul gehört, nicht mehr von den „Dernbacher Schwestern” geleitet. Als um 2002 herum erstmals Vorwürfe laut wurden, dass in den 50er und 60er Jahren dort Kinder schwer misshandelt und sexuell missbraucht wurden, hat der neue Heimleiter Wolfgang Gerhards es lange nicht glauben wollen.

Schon mal eine Tracht Prügel, ja, das galt früher als normales Erziehungsmittel. Aber jahrelange systematische Quälereien bis aufs Blut? „Wir haben lange gegen die heftigen Vorwürfe reflexhaft Gegenargumente rausgeholt”, berichtet er.

Auch die Pfarrgemeinde St. Peter und Paul wollte es nicht wahrhaben. Sie beteiligte sich an einer Strafanzeige, die von den „Dernbacher Schwestern” gegen elf ehemalige Heimkinder gestellt wurde. In einer Pressekonferenz in den Räumen des Bistums Aachen breiteten Anwälte des Ordens und der Eschweiler Pfarrgemeinde den Verdacht aus, die ehemaligen Heimkinder wollten den Staat um Opferentschädigungen betrügen.

Inzwischen hält es Wolfgang Gerhards für möglich: „Es gab körperliche Züchtigungen, die auch mit dem damaligen pädagogischen Zeitgeist nicht in Einklang zu bringen sind.”

Mit dem, was Mario Baltes jetzt erzählt, wollen der Heimleiter und Pfarrer Dr. Andreas Frick von St. Peter und Paul jedenfalls seelsorgerisch offen umgehen, ohne vorab zu werten, ob die Fakten nun stimmen. Dr. Frick: „Ich meine, dass derjenige, der sich betroffen weiß, darüber auch reden darf - das ist ein Grundrecht.” Und: „Für mich ist die erste Frage: Wie kriegt man so etwas aufgearbeitet?”

Mario Baltes möchte nach Eschweiler kommen. Er ist auf der Suche nach seinen Wurzeln. Er möchte wissen, wer seine Eltern sind und ob er Geschwister hat. Dass es Geschwister gibt, weiß er nur vom Hörensagen aus seiner Kindheit. Seine Mutter hieß Hildegard Baltes, sein Vater soll Heinrich geheißen haben. Und er will auch die alte Schule Hehlrather Straße und das Kinderheim St. Josef noch einmal sehen und mit den Menschen sprechen, die heute das Heim führen. Heimleiter Wolfgang Gerhards hat sofort zugesagt.

Der Orden der Armen Dienstmägde Jesu Christi stand jahrelang auf dem Standpunkt, „dass die Unterstellung, in den Heimen der Dernbacher Schwestern seien Grausamkeiten und Misshandlungen als Erziehungsmethode eingesetzt worden, nicht den Tatsachen entspricht.” Die in den vergangenen Jahren von ehemaligen Heimkindern erhobenen Vorwürfe seien „nach unseren Recherchen falsch und ehrverletzend” gewesen, heißt es in einer Stellungnahme vom 29. März. Deshalb habe man damals auch Strafanzeige gestellt. Sollten sich, so fügt Provinzoberin Simone Weber an, künftig Missbrauchsvorwürfe bewahrheiten, werde man den Opfern jedoch „menschlichen, pastoralen und therapeutischen Beistand zukommen lassen”.

Wenige Tage nach dieser schriftlichen Auskunft bittet die Provinzoberin auf der Internetseite des Ordens ehemalige Heimkinder um Verzeihung: „An unsere früheren Heimkinder: Sollten Sie in den von uns geführten Heimen menschenunwürdige Behandlung erfahren haben, so bitten wir um Vergebung und Entschuldigung. Es tut uns zutiefst leid ...”