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Medizinforum der Eschweiler Zeitung/Nachrichten im Talbahnhof

Medizinforum im Talbahnhof : Das Knie muss jede Menge mitmachen...

Als sich vor mehreren Millionen Jahren die Vorfahren des Homo sapiens aufmachten, den aufrechten Gang zu entwickeln, verschafften sie sich damit eine Unmenge von Vorteilen.

Den Beinen und vor allem den Kniegelenken legten sie jedoch eine extreme Bürde auf.

„Die Kniegelenke stellen nur eine ‚kleine Ecke’ innerhalb der Anatomie des Menschen dar. Doch sie müssen ein Leben lang nahezu das gesamte Gewicht des Körpers tragen“, begrüßte Dr. Eberhardt Schneider, Chefarzt der Klinik für fachübergreifende Frührehabilitation und Sportmedizin am St.-Antonius-Hospital, als Moderator des von dieser Zeitung präsentierten Medizinforums zahlreiche Gäste im sehr gut besuchten Talbahnhof.

„Eigentlich muss man sich wundern, dass dieses aus dem Kniescheibengelenk und dem Kniekehlengelenk zusammengesetze Gelenk nicht irgendwann grundsätzlich die Waffen streckt“, so der Arzt. Dies sei zum Glück nicht der Fall. Doch die ständige Hochbelastung sorge bei vielen Menschen in zunehmendem Alter für Probleme.

Der Frage, was die Medizin dem Verschleiß sowie Entzündungen und Verletzungen des Kniegelenks durch konservative Behandlungs- und Therapiemethoden, kleineren Operationen oder durch künstlichen Ersatz (Endoprothetik) entgegenzusetzen hat, gingen am Montagabend Dr. Markus Schlächter, der am 1. Juli des kommenden Jahres die Nachfolge von Dr. Eberhardt Schneider als Chefarzt antreten wird, der niedergelassene Orthopäde und Unfallchirurg Klaus Geller, Dr. Oliver Heiber, Chefarzt des Regionalen Traumazentrums, sowie Dr. Ture Wahner, Chefarzt des Endoprothetik-Zentrums Eschweiler, nach.

„Beweglichkeit spielt im Leben eine große Rolle“, eröffnete Dr. Markus Schlächter seinen Vortrag, während dem er die Zuhörer in die Anatomie und die Diagnostik des Kniegelenks einführte und seine Behauptung mit beeindruckenden Zahlen untermauerte. „Einem erwachsenen Menschen wird empfohlen, pro Tag 8000 Schritte zu tun. Gehen wir von lediglich 5000 Schritten im Durchschnitt aus und prognostizieren eine Lebensdauer von 77 Jahren, dann absolviert ein Mensch im Leben 140 Millionen Schritte, legt damit rund 100.000 Kilometer zurück und umrundet so zweieinhalb Mal die Erde“, so der Oberarzt, der darüber hinaus unterstrich, dass sich der die Gelenkflächen überziehende Knorpel von Gelenkflüssigkeit ernähre und bewegungsabhängig sei.

Die extrem hohe Beanspruchung der Kniegelenke führe häufig zu Verschleiß- und Abnutzungserscheinungen, die sich in der degenerativen Gelenkserkrankung Arthrose zeigten. Hinzu kämen häufig Sportverletzungen oder auch Gelenkentzündungen, deren Ursache nicht selten in Stoffwechselerkrankungen, zum Beispiel Gicht, zu suchen seien. Seltener seien Knochentumore, Fehlbildungen und Wachstumsstörungen zu diagnostizieren.

Nicht außer Acht gelassen werden dürfe aber, dass die Ursache von Knieschmerzen nicht zwangsläufig im Gelenk selbst lägen. „Verantwortlich kann durchaus auch ein Problem im Rücken sein“, erklärte Dr. Markus Schlächter, der die Bedeutung des Patientengesprächs verdeutlichte. „Einem gut informierten Patienten wird die Gelegenheit gegeben, aktiv an der Behandlung teilzunehmen“, so die Begründung. Der Anamnese folgten klinische Untersuchungen. Beim Verdacht einer Entzündung sei die Blutabnahme wichtig. Die Punktierung, das Erstellen eines Röntgenbildes zur Orientierung, die Computertomografie oder als Alternative die Kernspintomografie seine weitere Hilfsmittel, eine konkrete Diagnose zu stellen.

„Generell ist aber Vorbeugung möglich und wichtig. Dazu zählen eine ausgewogene Ernährung und bewusste Bewegung“, schloss Dr. Markus Schlächter und übergab das Wort an den Orthopäden Klaus Geller, der sich der häufigsten Kniegelenk-Erkrankung, der Gon-Arthrose (Schädigung der überknorpelten Gelenkflächen) widmete. Diese degenerative, meist irreversible Erkrankung, die durch den Verlust des hyalinen Knorpels und der Zerstörung des Collagenfasernetzes gekennzeichnet sei, führe zu Bewegungseinschränkungen und Schmerzen. „80 Prozent der über 70-Jährigen zeigen Anzeichen, wobei Frauen im Vergleich zu Männern doppelt so häufig betroffen sind“, erläuterte der Mediziner.

Neben dem Alter und dem Geschlecht gehörten Übergewicht, Achsfehlstellungen, Überbelastung (zum Beispiel bei Fliesenlegern) sowie die einseitige sportliche Belastung zu den Risikofaktoren. „Moderater Sport ist aber definitiv von Nutzen, schließlich ernährt sich der Knorpel über die Bewegung“, erteilte Klaus Geller Sport- und Bewegungsmuffeln eine Absage. Das Leitsymptom des Patienten, einen Arzt aufzusuchen, sei eindeutig der Schmerz.

Dessen Reduktion sowie der Erhalt der Mobilität stellten die Zielsetzungen der Therapie dar. „Klar muss dem Patienten jedoch sein, dass die Gon-Arthrose nach wie vor nicht heilbar, sondern das Fortschreiten der Erkrankung lediglich zu verlangsamen beziehungsweise im optimalen Fall aufzuhalten ist“, machte der Referent deutlich. Die Verringerung des Gewichts habe grundsätzlich einen positiven Effekt. „In dieser Hinsicht macht sich jedes Kilo bemerkbar!“ Zu vermeiden gelte es, extrem schwer zu tragen oder auch zu lange eine sitzende Haltung einzunehmen.

Aktive Therapiemöglichkeiten seien Nordic Walking und Aqua-Jogging. Weitere Alternativen seien Strom- und Kältetherapien sowie die Akupunktur, die bei 70 bis 80 Prozent der Patienten zu einer Linderung der Schmerzen führe. Auch die Blutegel-Therapie zeige oft gute Resultate. In Sachen Physiotherapie könnten auch Programme für die eigenen vier Wände, etwa mit Hilfe von Terra-Bändern, konzipiert werden. Als weitere Hilfsmittel stünden Orthesen, Bandagen oder Einlagen (bei Verformungen der Knie) zur Verfügung.

Sind aber alle konservativen Behandlungsmethoden gescheitert, rücken operative Eingriffe in den Blickpunkt. „Dabei muss individuell betrachtet werden, welcher Eingriff dem Patienten welchen Nutzen bringt“, so Dr. Oliver Heiber. Zu beachten sei, dass Schmerzen im Kniegelenk teilweise nicht auf einen Knorpelschaden, sondern auf Meniskusverletzungen hinwiesen, die minimal-invasiv per Arthroskopie mit der „Wegnahme“ des veränderten Gewebes zu therapieren seien.

Sei ein Knorpelschaden so weit fortgeschritten, dass einerseits konservative Behandlungen nicht mehr erfolgversprechend seien, andererseits die Notwendigkeit für eine Prothese noch nicht gegeben sei, so böte sich eine Arthroskopiemethode an, bei der der Knochen durchbohrt werde. „Aus den Löchern blutet es. Dies soll auch so sein, denn mit dem Blut kommen auch Stammzellen, die sich in Knorpel umwandeln“, erklärte der Chefarzt des Regionalen Traumazentrums.

Mit der „Ultima Ratio“, dem künstlichen Ersatz des Kniegelenks, befasste sich abschließend Dr. Ture Wahner. „Dieser kommt bei Gonarthrose im dritten oder vierten Stadium, kniegelenksnahen Knochenbrüchen, die das Gelenk zerstört haben, der Knochennekrose, etwa Morbus Ahlbäck, oder in seltenen Fällen bei Tumorleiden in Betracht.“

Der Zeitpunkt für einen so großen Eingriff sei erst gekommen, wenn eine eindeutige Einschränkung der Lebensqualität vorliege, eine gewisse Funktionalität des Kniegelenks aber noch vorhanden sei. „Unabdingbar ist, dass auf dem Röntgenbild objektive Arthrosezeichen zu sehen und die konservativen Maßnahmen ausgeschöpft sind“, unterstrich Dr. Ture Wahner.

Nach dem Eingriff sei eine möglichst schnelle Vitalisierung des Patienten mit einer Rehabilitations-Maßnahme als essentiellem Baustein erforderlich. „Das Ziel ist, eine schmerzfreie Belastbarkeit des Patienten herzustellen, was häufig, aber nicht immer gelingt“, räumte der Chefarzt des Endoprothetik-Zentrums Eschweiler ein.

„Knieschmerzen sind ein häufig auftretendes Problem. Doch der Patient kann in vielen Fällen aktiv etwas dagegen tun“, gab Moderator Dr. Eberhardt Schneider den Gästen des Medizinforums mit auf den Heimweg.