Eschweiler: Lokalpolitiker Peter Kendziora: „Wer schreit, hat nicht unbedingt Recht“

Eschweiler : Lokalpolitiker Peter Kendziora: „Wer schreit, hat nicht unbedingt Recht“

Zu den politischen Urkräften Eschweilers gehört mit Sicherheit das langjährige Ratsmitglied Peter Kendziora. Er erlebte alle Höhen und Tiefen der heutigen Eschweiler Röhrenwerke, versteht sich als Familienmensch im besten Sinne und gilt als Mensch mit Ordnungssinn.

Paul Santosi sprach mit ihm unter anderem über die berufliche Erwartungshaltung junger Menschen, über Gemeinschaft und die Kraft, die bekanntlich in der Ruhe liegt.

Herr Kendziora, es steht ein runder Geburtstag an, stimmt’s?

Kendziora: Ja, der Siebzigste. Ein stolzes Alter, aber ich fühle mich sehr gut dabei. Die Gesundheit stimmt, da ich fast täglich Sport treibe. Und bis auf eine Grippe bin ich auch Gott sei Dank von Schlimmerem verschont geblieben. Hier gilt auch meiner Ehefrau ein Dank für die gute Pflege (lacht).

Sie gelten als ausgesprochener Familienmensch. Gibt es etwas Wichtigeres?

Kendziora: Eigentlich nicht. Mein Enkelsohn ist sieben Jahre alt. Um den kümmern wir uns hin und wieder. Ich hätte gerne auch mehr Kinder gehabt, da ich selbst, wie meine Frau auch, aus einer Großfamilie stamme. Wir waren damals zu siebt daheim. Ohne Kinder? Ein Gedanke, den ich mir heute kaum vorstellen kann. Mein Enkel hält uns jung, den nehmen wir auch schon mal mit in den Urlaub. Das hält dann auch schon mal auf Trab.

Sind sie darüber hinaus auch ein original Eschweiler Gewächs?

Kendziora: Natürlich. Im St.-Antonius-Hospital zur Welt gekommen, in der Phönixstraße aufgewachsen, dann über die Zwischenstation Pützlohn hierher in die Waldsiedlung. Ich kann zwar „Platt“ sprechen, aber die Erziehung lief damals darauf hinaus, dass Platt als unfein galt. In der Schule gab das keine Probleme, wohl aber im Betrieb. Die Arbeitskollegen haben dann schon ein wenig seltsam dreingeschaut. So kam ich etwas später als manch anderer zur lokalen Mundart.

Auch beruflich sind sie der Inde-stadt eng verbunden?

Kendziora: Bereits mein Vater hat beim Eschweiler Bergwerksverein EBV gearbeitet. Da hab ich dann auch angefangen und zunächst eine Lehre als Dreher absolviert. Ein Beruf, den ich heute noch schätze und liebe. Nach einer Zeit als Vorarbeiter habe ich an der Abendschule meine Meisterprüfung abgelegt. Das war keine so einfache Zeit. Bis 1989 arbeitete ich dann als Leiter der mechanischen Werkstatt. Als ein Ausbildungsleiter gesucht wurde, wechselte ich in diese Abteilung und fand mich dann als ehemals Geprüfter plötzlich auf der anderen Schreibtischseite bei den Prüfern wieder. Zum Ende meiner beruflichen Laufbahn hin kümmerte ich mich dann auch um Themen wie Arbeitssicherung und Umweltschutz. Vor fünf Jahren hab ich dann einen Schlusspunkt gesetzt, obwohl ich sprichwörtlich bis zum letzten Tag mein Arbeitsleben ausgekostet habe. Das waren dann 51 Jahre und zwei Monate bei EBV, später Maxhütte und schließlich ESW Röhrenwerke.

Das waren sicher bewegte Zeiten, denn die heutigen Röhrenwerke haben einige Veränderungen mitgemacht.

Kendziora: Ja. Leicht war das nicht. Da schlichen sich auch schon mal Zukunftsängste ein. Wir versuchten, unsere Existenz mit dem Bau unseres Hauses auf sicheren Boden zu stellen, während die Firma bekanntlich einige Höhen und Tiefen durchmachte. Aber wir haben das hinbekommen.

Was bleibt aus einem solch langen Berufsleben im Gedächtnis?

Kendziora: Vor allem die Situation in der Ausbildung. Verständnis transportieren, Wissen weitergeben finde ich sehr wichtig. In den letzten Jahren wurde es immer schwerer, überhaupt Auszubildende zu finden, die ein bestimmtes Niveau hatten. Wir haben ausgebildet, damit wir unseren eigenen Nachwuchs selbst heranziehen konnten. Das ging in den letzten Jahren leider gar nicht mehr.

Was hat sich verändert in Sachen Handwerk und industrielle Ausbildung? Jugendliche finden offensichtlich nichts Attraktives mehr in diesem Feld.

Kendziora: Die Erwartungshaltung. Unsere Azubis in der Elektrik waren überrascht, wenn sie plötzlich mal einen „Blaumann“ anziehen und sich bei der Arbeit im Betrieb auch mal die Hände schmutzig machen mussten. Die Meisten hegten die Vorstellung einer „sauberen“ Computer-Tätigkeit. Richtig mit anpacken scheint aus der Mode gekommen zu sein. Es kommen bereits im Vorfeld der schulischen Ausbildung dicke Probleme hinzu. Lehrer sind oft überfordert, Klassen oft zu groß. Handwerkliches bietet offensichtlich nichts, was die jungen Leute reizt.

Dabei werden Fachleute heute doch in allen Betrieben händeringend gesucht, oder?

Kendziora: Natürlich. Wenn man sich die Entwicklung mal anschaut: Von ursprünglich nahezu 2500 Beschäftigten bei uns sind vielleicht noch rund 280 übriggeblieben. Der Fachkräftemangel ist mehr als deutlich spürbar.

Sprechen wir über einige ihrer persönlichen Eigenschaften. In der eigenen Familie gelten sie als jemand, der Genauigkeit schätzt.

Kendziora: Vielleicht ist da etwas angeboren. Ich weiß es nicht genau. Ein Mindestmaß an Ordnung am Arbeitsplatz erleichtert aber jede Tätigkeit. Wenn wir jetzt einen Blick auf meinen Schreibtisch mit meiner politischen Arbeit werfen würden, dann gibt es da zwar auch ein paar Stapel, aber Aufräumen ist schon ganz sinnvoll. Arbeiten, die im Haus anfallen, erledige ich natürlich am liebsten selbst. Ich behaupte mal, genauso präzise und korrekt zu arbeiten wie jeder professionelle Handwerkskollege. Fliesen? Tapezieren? Da brauche ich mich nicht zu verstecken.

Sie sind allgemein schwer aus der Ruhe zu bringen, oder?

Kendziora: Nun, vor allem kann ich gut zuhören. In der Ruhe liegt tatsächlich die Kraft. Wer schreit hat nicht unbedingt immer Recht. Wer laut wird, gibt zu, dass er keine Argumente mehr hat. Zu dieser Sorte gehöre ich bestimmt nicht. Allgemein tue ich gerne meinen Job und überlasse anderen die Rolle im Vordergrund.

Keine Spuren von Ehrgeiz?

Kendziora: Wenn ich ein Ziel habe, dann verfolge ich das meist auch akribisch.

Schlagen wir ein wichtiges Kapitel in ihrem Leben auf: Peter Kendziora und die SPD.

Kendziora: 1971 bin ich SPD-Mitglied geworden. Eigentlich komme ich ja aus einem christdemokratischen Elternhaus. Und ich bin erst langsam in die Politik hineingewachsen. 1983 im Ortsverein West ging es dann ernsthaft los. Ein Jahr später war ich zunächst sachkundiger Bürger im Planungsausschuss und dann Vorstandsmitglied. Seit 1989 habe ich meinen Wahlkreis immer direkt geholt. Heute bin ich, gemessen an Dienstjahren, das dienstälteste Ratsmitglied. Aktuell bin ich schon etwas besorgt, was mit meiner Partei auf Bundesebene passiert. Die SPD hat viel Gutes bewirkt, es aber leider nach außen nicht immer gut verkauft. Auf lokaler Ebene treten wir immer recht geschlossen auf. Damit kommen wir bei den Leuten gut an. Nähe suchen, das Gespräch suchen. Das ist wichtig.

Zu den „Grünen“ pflegen sie angeblich auch ein gutes Verhältnis ?

Kendziora: (Lacht) Ah, sie meinen meine Schwäche für Benedictine? Das ist hin und wieder ein leckeres Tröpfchen, das auch bei Erkältungskrankheiten bestens wirkt. Ansonsten halte ich es auch hier mit den „Roten“, nämlich den Rotweinen.

Sind sie Karnevalist?

Kendziora: Zu 90 Prozent ja. Meine närrischen Anfänge begannen im Männerballett der Narrenzunft. Mitglied bin ich zudem bei der Lustigen Reserve, den Trammebülle und bei der Ulk. Die „Grünen Funken“ haben auch schon angefragt. Man kann ja leider nicht zu jeder Sitzung. Den traditionellen Karneval in den Vororten aber mag ich sehr, den unterstütze ich auch.