Eschweiler: Lehrstunde mit Werwölfen

Eschweiler : Lehrstunde mit Werwölfen

Wer das Reich der Finsternis betritt, wird nicht von Vampiren, Werwölfen oder kopflosen Reitern in Empfang genommen. Nur ein wedelnder Vierbeiner kuschelt sich einem an die Beine, wenn man das Zuhause des Sagenforschers und Vampirexperten Peter Kremer aufsucht.

Der Dürener hat jetzt sein erstes Buch veröffentlicht. „Wo das Grauen lauert” lautet der Titel der Sammlung von Sagen, die Kremer „mit einer Spur britischem Humor” nacherzählt hat.

Kein Stoff für Okkultisten und die Konsumenten blutrünstiger Horrorfilme, versichert der 50-Jährige, der im Hauptberuf Lehrer an der Bischöflichen Liebfrauenschule ist: „Die einzigen Vampire, an die ich glaube, sitzen in der Dürener Goethestraße.”

Lichtjahre entfernt

Von neuzeitlichen Errungenschaften wie dem Finanzamt sind die Geschehnisse in Kremers Geschichten Lichtjahre entfernt. Da tummeln sich Feuermänner, Blutsauger und Wiedergänger.

Dass die unheimlichen Wesen in den Köpfen der Menschen zwischen Jülich und der Eifel ihr Unwesen trieben, wissen nur wenige. Längst nicht nur die slawischen Länder waren Heimat der Untoten und Bestien: „Werwolfgeschichten waren besonders im Rheinland sehr verbreitet.”

Auch in Düren gab es genug Nahrung für dunkle Fantasien. Wie etwa die Hexenverbrennungen, traurige und gar nicht selten geübte Praxis im Düren des 16. Jahrhunderts.

Jenseits der Bismarckstraße

Begünstigt wurde der Volksglauben („Aberglauben finde ich zu abwertend”) durch die kaum besiedelte Umgebung Dürens. Auf der Höhe der heutigen Bismarckstraße endete die Stadt und begann das Ödland, in dem sich Räuber und andere finstere Gesellen tummelten. Die Felder Richtung Merzenich hießen „Stöppsböisch”, was Wald der Werwölfe bedeutet. Die Feldarbeiter berichteten damals von Wölfen, die ihre Blutlust an nichts ahnenden Mitmenschen stillten.

Nach der Sage sind Werwölfe Menschen, die sich durch einen Pakt mit dem Teufel in einen Wolf verwandeln. Ähnlich den Hexenprozessen gab es im 16. Jahrhundert auch Werwolfprozesse, bei denen die Beschuldigten oft so lange gefoltert wurden, bis sie gestanden. Um 1700 herum endeten die grausamen Tribunale, doch die Sagen lebten weiter.

Dunkle Gestalten

Erst die Industrialisierung des 19. und 20. Jahrhunderts trieb die dunklen Gestalten allmählich aus den Köpfen. Überbleibsel bestehen bis heute. In Teilen des Hohen Venns würden die Angehörigen ihre Toten noch immer nach bestimmten Regeln bestatten, berichtet Kremer: „Die Angst, dass Dämonen von den Leichen Besitz ergreifen könnten, ist unterschwellig immer noch vorhanden.”

Früher ließ die Angst vor Untoten die Menschen zu brachialen Methoden greifen: Sie wurden gefesselt und ihnen die Hände gebrochen, um jegliche Lust auf Untaten im Keim zu ersticken.

Kremers Erzählungen, die für 15,95 Euro über den Buchhandel zu beziehen sind, gehen auf Heinrich Hoffmann zurück, der gegen Ende des 19. Jahrhunderts Landbewohner in Dürens Umland nach den Sagen befragte und diese 1911 publizierte. Offenbar teilte der Autor nicht nur den Lehrerberuf mit Peter Kremer, sondern auch die Faszination für die dunkle Seite der Heimatgeschichte.