Eschweiler-Nothberg: Krötenwanderung: Mit Taschenlampe und Eimer helfen

Eschweiler-Nothberg: Krötenwanderung: Mit Taschenlampe und Eimer helfen

Berührungsängste hat Finia nicht. Behutsam, aber energisch hebt die Elfjährige die Erdkröte vom Boden auf und legt sie in einen schwarzen Eimer. Die Kröte gibt einen kurzen Laut von sich, fügt sich aber ihrem Schicksal. Jetzt ist sie erstmal in Sicherheit. Eine Taschenlampe und ein Eimer — mehr braucht man nicht, um Amphibien am Straßenrand zu schützen. Denn die Krötenwanderung ist in vollem Gange.

Millionen Amphibien, darunter Kröten, Frösche und Molche, wandern aktuell von ihren Winterquartieren zu den Laichgewässern. Dabei wird ihnen das immer dichter werdende Straßennetz zum Verhängnis. In der ganzen Region haben deshalb ehrenamtliche Helfer Fangnetze und temporäre Zäune aufgebaut. Diese sollen die Tiere davon abhalten, ungeschützt auf die Straßen zu laufen — und dort unweigerlich den Kampf Tier gegen Auto zu verlieren.

Mit Taschenlampe und Eimer ausgerüstet: Reiner Leusch hilft Kröten dabei, sicher in die Laichgewässer zu gelangen. Foto: Annika Kasties

200 Meter lang

Auch an der Cäcilienstraße in Nothberg schlängelt sich ein schwarzer Kunststoffzaun am Waldrand entlang. Seit rund 20 Jahren kümmert sich Reiner Leusch in Zusammenarbeit mit dem Arbeitskreis Naturschutz Stolberg um den 200 Meter langen Krötenzaun.

Der pensionierte Lehrer engagiert sich beim BUND (Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland) für den Tierschutz und ist für diesen als Ansprechpartner für das Stadtgebiet Eschweiler tätig. Seit Anfang März kann man ihn und seine Mitstreiter immer häufiger mit flackernden Lichtkegeln in der Dämmerung beobachten, den Blick stets konzentriert auf den Boden gerichtet.

Zwar landen einige Kröten in den Eimern, die die Tierschützer entlang des Zauns in den Boden eingelassen haben. Die restlichen Tiere werden von den ehrenamtlichen Helfern aber aktiv eingesammelt. Strömender Regen und Temperaturen um die zehn Grad sind bei den Kröten besonders beliebt — „also genau dann, wenn der Mensch nicht raus will“, sagt der Tierschützer und lacht kurz auf.

Vom schlechten Wetter lassen sich Leusch und seine Mitstreiter jedoch nicht abhalten — jeden Morgen und jeden Abend versuchen sie am Krötenzaun nach dem Rechten zu sehen. „Da ist ja noch eine“, ruft Finia begeistert und setzt ein Kröte, die sich ihren Weg über den Rasen bahnt, zu ihren Artgenossen in den Eimer.

Dass Finia mit Reiner Leusch, ihrem Vater und einer weiteren Helferin den Abend damit verbringt, Amphibien einzusammeln, ist dem Zufall geschuldet. „Wir haben eines Abends einen Mann mit einer Taschenlampe am Straßenrand entlanglaufen sehen“, erzählt die Schülerin. Dass es sich dabei um Reiner Leusch, damals noch Mathe- und Biologielehrer an ihrer Schule, der Liebfrauenschule, handelte, erfuhr sie erst später.

Seit vergangenem Jahr ist sie selbst mit Eimer und Taschenlampe an der Cäcilien-straße unterwegs — und um rechtzeitig zu den Kröten zu kommen, habe man schon auf Finias Drängen hin das Abendessen abbrechen müssen, sagt ihr Vater Christoph Moll. Die Erklärung seiner Tochter für ihr ehrenamtliches Engagement ist simpel: „Mir macht das einfach Spaß und ich mag die Tiere.“

Mit in den Unterricht

Ebenjene kindliche Begeisterung für den Tierschutz versucht Leusch seit Jahren bei Kindern und Jugendlichen zu wecken. Als er noch als Lehrer tätig war, habe er häufig Amphibien, die er auf seiner morgendlichen Route entlang des Schutzzauns aufgesammelt hatte, in den Unterricht mitgebracht und seine Schüler dazu animiert, abends die Kröten bei ihrer Wanderung zu unterstützen.

„Das ist eine einfache Möglichkeit, Kinder für den Naturschutz zu begeistern“, sagt der 64-Jährige. An Nachwuchs mangelt es den ehrenamtlichen Krötenhelfern leider trotzdem. „Mehr als eine Handvoll sind wir nicht“, bedauert Leusch.

Mittlerweile tummeln sich 14 Erdkröten in den großen Plastikeimern. Leusch, Finia und ihre Mitstreiter überqueren die Straße und setzen sie an einem Zaun ab. Die letzten 200 bis 300 Meter müssen die Erdkröten zu ihrem Laichgewässer nun selbst laufen.

Auch danach sind die Tiere weitestgehend auf sich selbst gestellt. Die Rückwanderung können die Tierschützer an der Cäcilienstraße aufgrund der Bebauung nicht sichern, erklärt Leusch. Zumal sich diese Wanderbewegung über ein halbes Jahr hinziehen könne.

Bis die Kröten bereit für ihren Weg zurück ins Winterquartier sind, haben die Helfer noch einiges zu tun. Die Temperaturen entscheiden, wie lange die Tiere noch die Cäcilienstraße überqueren wollen. Bis Ende April könnten somit Finia, Leusch und ihre Mitstreiter am Straßenrand mit ihren Taschenlampen leuchten.