Mutmaßliche Hochstaplerin : Kommt „Anna Delvey“ dank schicker Klamotten zum Freispruch?

Mutmaßliche Hochstaplerin : Kommt „Anna Delvey“ dank schicker Klamotten zum Freispruch?

Geschenke, Reisen, Restaurantbesuche und viele Millionen Kredit: Die Vorwürfe gegen die mutmaßliche Hochstaplerin Anna S. aus Eschweiler halten der gutgläubigen New Yorker Upper Class den Spiegel vor. In der geplanten Verfilmung will die Deutsche von Jennifer Lawrence gespielt werden.

Wenn Reporter über einen Gerichtsprozess berichten, dann rücken sie normalerweise nicht unbedingt die modisch hochwertige Kleiderwahl der Angeklagten in den Mittelpunkt. Andererseits: Was war schon normal an der Verhandlung gegen die mutmaßliche Hochstaplerin Anna S., die am Dienstag zu Ende ging? Nun steht das Urteil an.

Da ist zuallererst der hohe Glamour-Faktor: Statt unter richtigem Namen soll die in Russland geborene und später in Eschweiler bei Köln lebende Frau in den USA eine Identität als „Anna Delvey“ erfunden haben. Über Jahre soll sie erzählt haben, eine Erbin mit deutschem Millionenvermögen im Rücken zu sein, die während ihrer Abenteuer mit superreichen Freunden angeblich immer nur mal gerade eben kein Geld dabei hat oder auf die nächste Überweisung von daheim wartet.

Egal ob Restaurantbesuche, Hotelzimmer, Flüge oder extravagante Geschenke: Die Freunde sprangen verlässlich ein, so dass es am Ende vor Gericht um Erschlichenes im Wert von 275.000 Dollar (248.000 Euro) ging, die sich die 28-Jährige Deutsche in der New Yorker High Society erschlichen haben soll. Zur Debatte steht außerdem, ob Delvey wirklich den edlen New Yorker Privatclub plante, für den sie Kredite in Höhe von insgesamt 22 Millionen Dollar eingesammelt hat.

Anna S. und ihr Anwalt Todd Spodek während des Prozesses im New York State Supreme Court. Foto: dpa/Richard Drew

Zum Zweiten umgibt den Fall die typische Häme gegen die gutgläubigen, oft superreichen Opfer. Wie ein weiblicher Robin Hood für das Instagram-Zeitalter soll Delvey nur von den Reichen und Schönen der New Yorker High Society genommen haben. Als das „New York Magazine“ im Mai 2018 ausgiebig den Fall aufrollt, ist darin die Rede von 7000-Dollar-Übernachtungen mit Privatbutler in Marokko oder Strähnchen für 800 Dollar – eine Welt, für die sich das Mitgefühl vieler in Grenzen hält. Vor Gericht geht es an einer Stelle um eine Minibar-Rechnung von 675 Dollar. „Das sind verdammt viele M&Ms“, sagte Anklägerin Catherine McCaw dazu laut „Rolling Stone“ trocken.

Dann ist da zum Dritten die Dreistigkeit, mit der S. und ihr Anwalt Todd Spodek vor Gericht auftraten. Er argumentierte zum Abschluss am Dienstag, dass sich die junge Frau von Anfang an eigentlich nur habe Zeit kaufen wollen. Dass sie immer beabsichtigt habe, ihre astronomischen Schulden bald zurückzuzahlen. Sie sei dabei auch von einem „System befähigt worden, das Leute mit Geld oder dem Anschein von Geld begünstigt“, meinte Spodek.

Und überhaupt, letztlich sei sie ohnehin nur so vorgegangen, wie einst in „New York, New York“ besungen. „Sinatra hat in New York einen brandneuen Start hingelegt, genauso wie Miss S.“, sagte er laut „New York Post“. Die Anklage sieht das anders und betont, dass die junge Frau über Monate hinweg nicht nur eine andere Identität angenommen, sondern ganz gezielt mehrfach gelogen und angebliche Überweisungen erfunden haben soll.

Und schließlich ist da noch ihr ständig zur Schau getragenes schillerndes Selbstbewusstsein. Das mündete eben nicht nur in der eindrucksvollen Kleidung, die immer auch ein Signal gesendet hat – beispielsweise durch den unschuldigen weißen Stoff am letzten Verhandlungstag – und die sogar dazu führte, dass Witzbolde den Instagram-Account „annadelveycourtlooks“ mit Bildern ihrer Kleider starteten.

Ihr Anwalt befürchtete, dass die üblichen braungrauen Overalls des berüchtigten Rikers-Gefängnisses im Norden New Yorks sie schuldig aussehen ließen, berichtete das Modemagazin „GQ“. Die über dem Knie endenden Kleider in Schlangenmuster und weißen Hemden zur schwarzen Capri-Hose stünden für ein Kalkül, das bei Männern, die im Anzug vor Gericht erscheinen, auch oft aufgehe.

Nein, auch die Nachricht, dass der Streamingdienst Netflix sich die Rechte an ihrem Fall gesichert hat, sorgte bei der Betroffenen für eine eher unbescheidene Reaktion. Sie sprudelte aus dem Gefängnis heraus einige Besetzungsideen: Entweder Oscar-Preisträgerin Jennifer Lawrence oder Shootingstar Margot Robbie könne sie sich gut in der Hauptrolle vorstellen.

Welches Ende der Film nehmen wird, ist dagegen noch unklar. Die Verhandlung ist nun vorüber, aber wie lange die Geschworenen für ein Urteil brauchen, war diese Woche nicht in Erfahrung zu bringen. Bei einer Verurteilung drohen Anna S. mehrere gänzlich unspektakuläre Jahre in Haft und unabhängig davon die Abschiebung nach Deutschland – ihr 90-tägiges Besuchervisum in den USA ist schon lange abgelaufen.

(dpa)
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