Eschweiler: Knechtschaft im Steinbruch

Eschweiler: Knechtschaft im Steinbruch

Es waren Bilder, die einem den Atem verschlugen. Nicht nur wegen der Steinstaubwolken, in denen die von Herbert Kaefer fotografierten Jungen arbeiteten - oft ohne Mundschutz.

Mit Dutzenden von Fotos berichtete der katholische Priester, seit acht Jahren ehrenamtlich für Misereor weltweit unterwegs, von dem, was er in indischen Steinbrüchen erlebte. Und von den unfassbaren Umständen, unter denen Kinder dort Schwerstarbeit leisten müssen.

Dr. Herbert Kaefer, bis 2003 Pfarrer in Haaren, gab seinen eindringlichen Bericht im Haus Lersch auf Einladung des Lions-Clubs Eschweiler Ascvilare. Der hat es sich auf die Fahnen geschrieben, dazu beizutragen, zumindest einigen der tausenden von Kindern in den Steinbrüchen von Bangalore und Rajasthan eine menschenwürdige Zukunft zu ermöglichen.

Bangalore ist Indiens Boomtown. Eine topmoderne Gartenstadt, die sich mit demn Titel schmückt, Indiens Silicon Valley zu sein. Eine Stadt, in der Luft- und Raumfahrttechnik ebenso zuhause sind wie Vertretungen aller weltweit führenden Unternehmen. Nur 20 Kilometer außerhalb dominieren Zeltstädte das Bild rund um Dutzende von Steinbrüchen. Hier herrscht bitterste Armut.

In den eingezäunten, streng bewachten Arealen zerschlagen Kinder mit Hammer und Meißel große Granitblöcke. In den Marmorbrüchen helfen ihnen Presslufthämmer. Die aber sind mit 45 Kilogramm so schwer, dass kein einzelner 13-Jähriger sie halten kann. Immer wieder kommt es zu Unfällen. Mit und ohne Presslufthämmer: Da gibt es von schweren Vorschlaghämmern zerschlagene Gliedmaßen, da gibt es Verbrennungen bei Sprengungen. Wer die Arbeit in praller Sonne, barfuß und ungeschützt, unfallfrei übersteht, der leidet an Rückgratverkrümmungen und Staublunge. „Wer von Kindesalter an im Steinbruch arbeitet, wird nicht älter als 35 Jahre”, weiß Kaefer.

30 Cent ist der Tageslohn für ein Kind im Steinbruch. Ein Erwachsener erhält den Gegenwert eines Euros. Das Perfide: Wer den Krankenhausaufenthalt eines Familienmitglieds zu zahlen hat, der hat keine Wahl, als sich bei den Steinbruchbetreibern Geld zu leihen. Zinssatz: bis zu 20 Prozent - pro Monat. „Versuchen Sie mal, mit einem Tageseinkommen von einem Euro unter diesen Umständen 500 Euro zurückzuzahlen”, sagt Herbert Kaefer. Was zur Folge hat, dass immer mehr Familienmitglieder - auch Kinder - in Schuldknechtschaft in die Steinbrüche ziehen.

Die Kleinkinder, die von ihren arbeitenden Müttern in den Steinbrüchen Stunden über Stunden in einer Art Hängematte unter provisorischen Sonnenschutzdächern zurückgelassen werden, schreien nur wenig: Die Steinbruchbetreiber stellen sie ruhig: mit Bonbons, denen Opium beigemischt ist.

Eigentlich sind Kinderarbeit und Schuldknechtschaft verboten. Auch in Indien. Doch die Betroffenen sind Analphabeten, kennen weder die Gesetze noch hätten sie die Möglichkeit, einen Anwalt mit deren Durchsetzung zu beauftragen. Seit das in Aachen ansässige Hilfswerk Misereor vor acht Jahren begonnen hat, sich mit Hilfe ortsansässiger Organisationen einzumischen, sehen viele der Kinder in indischen Steinbrüchen einen Silberstreif am Horizont.

Mit Misereor-Mitteln entstanden einfache Häuser, in denen Kleinkinder betreut werden, in denen Kinder - oft in Abendschulen nach zwölf Stunden Knochenarbeit im Steinbruch - Grundsätzliches in Sachen Lesen, Schreiben, Rechnen lernen. Frauengruppen besuchen hier Kurse in Gesundheit, Hygiene, Ernährung, Textilarbeit, und immer mehr Jugendliche werden in Ausbildungen vermittelt. Zudem drängen die Misereor-Partner auf den Bau staatlicher Schulen und die tatsächliche Abschaffung von Kinderarbeit und Schuldknechtschaft. „Das Ziel”, so betont Herbert Kaefer, „ist eine menschenwürdige Zukunft: für alle!”