Eschweiler: Klassik humorvoll aus „Erhabenheit” geholt

Eschweiler: Klassik humorvoll aus „Erhabenheit” geholt

Wahre Kunst: Das ist Emotion pur. Vor allem die Musik rüttelt immer wieder auf, erschüttert scheinbar Festgefügtes auch in unserem Innern. Das war bei Meister Mozart so, der zu seiner Zeit ein umschwärmter wie umstrittener Pop-Musiker war.

Selbst der als „Papa Haydn” verharmloste Komponist mit Vornamen Joseph sorgte für Furore. Die Ur-Aufführung seines Oratoriums „Die Schöpfung” in Wien musste mehrmals wegen spontanem Beifall des Publikums unterbrochen werden. Dieser revolutionäre Impuls der Kunst wird heute vielfach vergessen.

Werke des inzwischen klassischen Kanons von Mozart und Co. werden fast andächtig im Konzertsaal goutiert. Wer an der falschen Stelle Begeisterung oder Unmut äußert, erntet Missfallensblicke wie die Besucher im Museum oder Gottesdienst.

Für entgegengesetzte Entstaubungen sorgte jetzt das Duo „pro:c-dur” bei seinem Auftritt im Talbahnhof. Der klassische Pianist Timm Beckmann und der von der Rockmusik herkommende E-Gitarrist Tobias Janssen sorgten für einen anderen und durchaus gangbaren Weg, Klassik populär darzubringen und Verbindungen zwischen großer Musik von damals und heute freizulegen. Das gelang in den meisten Fällen humorvoll und ausgezeichnet, zum Ende der zweieinhalbstündigen Show auch einen Touch zu bemüht modern und beifallheischend. Der Musikgeschmack und die gesellschaftlichen Etikette ändern sich.

Die Grundemotionen der Menschen bleiben aber in ihrer Ausschlägen zu allen Zeiten bemerkenswert konstant - und äußern sich in Musik. So stellten Timm Becker mit Beethovens „Mondscheinsonate” und Tobias Janssen mit Ravels „Bolero” zwei Werke erotischer Nachtstimmungen gegenüber. Auch Papagenos Arie aus Mozarts „Zauberflöte” und Lady Gagas „Powerface” sind musikalisch wohl nicht so weit auseinander, wie man allgemein vermutet: Worte und Rhythmen dienten und dienen als ergriffenes Stammeln, um Gefühle auszudrücken.

Überraschung herrschte, als die Klaviertöne von Bachs berühmter Toccata d-moll in den Gitarren-Cluster von „The Final Countdown” der Gruppe Europe übergingen - gewürzt mit einem Gag von Timm Beckmann: „Bachs Toccata wird oft bei der Hochzeit gespielt und der Text des Songs von Europe passt ebenfalls perfekt zur einer Eheschließung”.

Ja, auch die Gags und Wortspiele gehörten zum „Ping-pong”-Spiel des Pianisten und Gitarristen, wobei sich in Geistvoll-Humoriges auch Grenzwertiges einnistete („Warum schrieb Schubert immer so Trauriges? Kein Wunder, dass er keine abbekam”). Der Melancholiker Frdric Chopin musste sich nach der Interpretation seiner Revolutions-Etüde in die Reihe berühmter „Looser” einordnen lassen. Timm Beckmann: „Eigentlich war der Komponist Pole. Er hätte Chopinski heißen müssen. Alle Männer mit dieser Endung waren oder sind aber irgendwie traurige Gestalten: Tucholsky, Polanski und Podolski.” Witziger dann aber die Wortspiele um den „Hummelflug”-Komponisten Rimsky-Korsakoff, der als vormaliger KGB-Agent, als Erfinder der Corsage und der von ihm geliebten Ferieninsel Korsika „geoutet” wurde. Um dann gleich seine Komposition so langsam an Klavier und E-Gitarre zu spielen, dass dazu eine Hummel wirklich hätte fliegen und tanzen können.

Apropos Tanz.... Sonst wohl mehr im Blut der Frauen steckend, wie Timm Beckmann betonte, legten die beiden kabarettistischen Musiker einen solchen aufs Parkett. Zuletzt ließ sogar der irische „River Dance” grüßen. Eine spritzige Performance mit ausgefallenen und die Klassik aus ihrer erhabenen Sphäre herunterholenden Nummern fand ein temperamentvolles Ende.

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