Eschweiler: Kinder werden Teil des Märchens

Eschweiler: Kinder werden Teil des Märchens

Ihr Besuch in Eschweiler war wohldurchdacht und gut vorbereitet, denn für den frischen Herbstmorgen hatte Tiziana Fidelia Rigoletta Furiosa ein bisschen Schnee gezaubert. Eine knappe Stunde lang tauchten die Kinder der Klassen 3a und 3b der Bergrather Grundschule in die Welt der kleinen Hexe mit dem langen Namen und ihres Raben Friedwart ein.

Der Vater der witzigen Geschichte, Guido Kasmann, ging am bundesweiten Vorlesetag mit den Kindern in der Stadtbücherei auf eine spannende Reise durch seinen Roman „Hexenmüll”.

Mit der Gitarre

Kasmann hat bis zum vergangenen Jahr noch als Grundschullehrer und Fachleiter in der Lehrerausbildung am Niederrhein gearbeitet. Seitdem reist der heute 51-Jährige kreuz und quer durch die Republik und liest, erzählt und musiziert Gitarre spielend mit seinen jungen Zuhörern zu Themen aus seinen Büchern, die im BVK-Buchverlag Kempen erschienen sind. „Schuld” am Geschichten erzählen und schreiben, sagt er, sind seine eigenen Kinder; dafür sei er ihnen außerordentlich dankbar.

Dieses Glück teilte Guido Kasmann auch mit den 52 Schülern aus Bergrath und deren Klassenlehrerinnen Christina Schmidt und Nadine Krichel, die eine höchst vergnügliche Unterrichtsstunde der etwas anderen Art erlebten. Guido Kasmann liest nicht einfach vor, nein, er lässt die Figuren aus seinen Romanen vor den Augen der Kinder lebendig werden. Er gibt jedem seiner Protagonisten eine eigene, unverwechselbare Stimme, fuchtelt manchmal wie wild mit den Händen, scheut auch den Slapstick nicht, wird plötzlich laut und dann ganz leise, schneidet Grimassen und ist unvermittelt auch kurz der Lehrer, der Aufmerksamkeit einfordert. Vor allem aber ist er eines: urkomisch.

Die Kinder quietschten vor Vergnügen, und ein ums andre Mal lachten auch die Erwachsenen im Raum herzhaft mit: die beiden Lehrerinnen, Bibliotheksleiterin Christine Rohe und ihre Stellvertreterin Michaele Schmülling-Kosel. Der Mann kann einen aber auch fesseln, und das mit Bedacht: Kann man bei Kindern Lust auf Lesen besser wecken als mit Spaß bei der Sache? Den hatten die Bergrather Schüler allemal, schließlich waren sie nicht nur Zuhörer, sondern fanden sich plötzlich mittendrin wieder im Geschehen: Kasmann hatte nummerierte Karten mit kurzen Texten verteilt und ließ Kinder die Rollen selber sprechen, indem er Kärtchen mit entsprechenden Zahlen abwechselnd in die Höhe hielt. In die Höhe schnellten an diesem Morgen auch regelmäßig viele, viele Finger, denn der Erzähler fragte immer wieder in die Runde, wie die Geschichte wohl weitergehen werde oder was nun zu tun sei. Um Antworten waren die Kinder weiß Gott nicht verlegen und brachten Guido Kasmann selbst mehr als einmal zum Schmunzeln. An einer Stelle schlüpfte der Autor in die Rolle der kleinen Hexe Tiziana, indem er sich einen bunten Zauberhut aufsetzte und so einen Dialog mit dem Raben Friedwart begann, der als große Handpuppe krächzend Antwort gab.

So erzählte Kasmann die Geschichte der beiden seltsamen Gestalten: Sie sind nach Mützendorf gekommen, um den Müll, den die Menschen in ihrem Wald einfach liegengelassen haben, dahin zurückzubringen, wo er hergekommen ist: in die Menschenwelt. Doch dies erweist sich als äußerst schwieriges Unterfangen, denn wer nimmt schon gerne Müll zurück? Nach vielen Abenteuern und so manchen Begegnungen beschließt die kleine Hexe, bei den Menschen zu bleiben, sich künftig zu waschen und zur Schule zu gehen. Doch als sie das Müllproblem angehen will, kommt es zu „fehlklängigen Zauberschwingungen”. Wie geht die Geschichte denn nun aus? Das verriet der Autor den Kindern am Freitag nicht - steht ja schließlich im Buch.

Der Vormittag in der Stadtbücherei wird den Kindern aus Bergrath noch lange in Erinnerung bleiben. Guido Kasmann gab jeder Klasse ein signiertes „Hexenmüll”-Poster mit und den Text des Liedes, das alle zuvor gemeinsam gesungen hatten und dessen Refrain die Kinder im Nu konnten: „Ja, wenn man hexen kann und man glaubt daran, ja, dann macht das Hexen Spaß.”

Workshop

Dass Vorlesen durchaus ein wenig Hexerei ist, erfuhren im Anschluss zwölf Lesepaten der Stadtbücherei, die einen zweistündigen Workshop mit Guido Kasmann erlebten. Der Autor wies zunächst darauf hin, dass Vorlesen die Lust aufs Lesen ebenso fördere wie die Entwicklung der (kreativen) Intelligenz. Die Grundlagen hierfür würden in Kindergarten und Schule gelegt. Kasmann trennt klar zwischen dem Lesen zum Lernen und dem Lesen aus Lust. Er las aus seinem Roman „Der schwarze Nebel” vor und demonstrierte den begeisterten Lesepaten, wie Vorlesen mit Körpersprache und dem gezielten Einsatz der Stimme zum Vergnügen für alle Beteiligten werden kann.

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