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Eschweiler: Junge Menschen wieder für Schützenwesen begeistern

Eschweiler : Junge Menschen wieder für Schützenwesen begeistern

Bernward Deuter kam im Alter von zehn Monaten an die Inde. Er wuchs auf in einer Bergmanns-Siedlung in Eschweiler-Ost und ist seit seiner Jugend Mitglied der St.-Longinus-Schützen. Über sein Engagement in diesem Verein wurde er später auch eine Art ehrenamtlicher Reiseleiter und begleitete zahlreiche Menschen auf Fahrten nach Rom und ganz Europa.

Zudem zeichnet er als technischer Hüter des bei Montagearbeitern beliebten „Kaiserhofes“ auf der Dürenerstraße verantwortlich. Paul Santosi sprach mit ihm über den Schießsport und die abnehmende Attraktivität von Traditionen für junge Menschen.

Bernward Deuter: immer unterwegs zwischen dem heimischen Schützen- und dem römischem Petersplatz. Foto: Paul Santosi

Herr Deuter, wie wird man „Schütze“?

Deuter: Schon mein Vater war seit den 50er Jahren Mitglied im Schützenverein. Als junger Mann war ich zunächst schon etwas skeptisch. Uniformen, Blasmusik und dergleichen waren erst gar nicht meine Sache. Aber meine Faszination für den Schießsport brachte mich schließlich dazu, den St.-Longinus-Schützen beizutreten. Ich bin stolz darauf, seit Januar der 1. Vorsitzende der Schützenbruderschaft zu sein. Der Name leitet sich übrigens ab vom Begriff des „Lanzenträgers“. Gemeint ist jener römische Zenturio, der Jesus nach dessen Tod einen Speer in die Seite gestochen haben soll. Nach dem Schulabschluss und zwei späteren Ausbildungen zum Schriftsetzer in einer Eschweiler Druckerei und Elektriker schien mir das eine interessante Möglichkeit, meine Freizeit zu gestalten.

„Schützenverein“ hört sich doch eher nach einem altbackenen Zeitvertreib an.

Deuter: Da sollte man sich nicht täuschen. Immerhin sind wir ein sporttreibender Verein. Das ist ja eine Herausforderung für Konzentration und Körper gleichzeitig. Anders als der große Teil unseres Nachwuchses sitzen wir nicht stundenlang vor dem PC-Monitor, was ja heutzutage fast schon zum guten Ton gehört. Unsere Freizeit war ja früher von ganz anderen Dingen geprägt, von Kameradschaft, von gemeinsamen Touren, dem Besuch von Schützenfesten und dergleichen. In den 70er Jahren für junge Leute überhaupt nichts Außergewöhnliches.

Wie viele Schützenvereine gibt es eigentlich heute noch in Eschweiler?

Deuter: Es dürften so um die zwölf, dreizehn sein. Zusätzlich zu den historischen Schützen gibt es natürlich auch noch ein paar reine Schieß-Vereine in Eschweiler. Aber leider gibt es nicht besonders viele Gemeinsamkeiten bei den Clubs. Jeder kocht im Prinzip sein eigenes Süppchen.

Gibt es keine Synergie-Effekte in einer Zunft, die mit sinkenden Mitgliederzahlen zu kämpfen hat?

Deuter: Leider nein. Schützenfeste waren ja lange Zeit auch Symbol eines gewissen Zusammenhaltes in einer Ortsgemeinschaft. Auch der wird immer weniger. Das kann ich aber auch verstehen, denn die Interessen der Menschen wandeln sich mit hoher Geschwindigkeit. Junge Leute kümmern sich heutzutage vor allem um andere Dinge, wie etwa Familiengründung oder ein eigenes Haus.

Es gibt also handfeste Nachwuchssorgen?

Deuter: Na klar. Die Leute haben offensichtlich Besseres zu tun. 2015 zum Beispiel gab es in Eschweiler-Ost die letzte Stadtteil-Kirmes. Für den Betreiber eines Festzeltes muss sich so ein Schützenfest mit Kirmes ja auch lohnen. Und dann die Preise. Gehen Sie mal mit einer vierköpfigen Familie Essen und Trinken. Das wird auch auf dem Festplatz recht schnell recht teuer.

Wie hoch ist der Altersdurchschnitt im Verein?

Deuter: Mitte 50 plus ein Faktor X. Neuzugänge sind in aller Regel eher selten. Ohne allzu dramatisch zu sein, aber vielleicht ist unsere Spezies in 30 Jahren tatsächlich ausgestorben. Das ist aber ortsbedingt. Am Niederrhein und Richtung Paderborn sieht das besser aus.

Sie waren und sind zudem in einer Reihe von Funktionen auf Bezirks- und Bundesebene tätig. Was würden Sie einem jungen Menschen heute erzählen, wenn es darum geht, Schütze zu werden?

Deuter: 17 Jahre lang war ich Schießleiter für Eschweiler. Darüber hinaus stellvertretender Diözesan-Schießmeister und damit verantwortlich für die ganze Region. Drei Jahre lang war ich außerdem Mitglied im Sportausschuss des Bundes der Deutschen Historischen Schützenbruderschaften. Für mich steht ganz klar der Schießsport im Vordergrund. Das ist für junge Leute nach wie vor interessant. Es gibt in Eschweiler Vereine, die entsenden sogar Kandidaten in die entsprechenden Wettbewerbe auf Europa-Ebene. Bei uns kann man einfach unverbindlich reingucken, wenn man neugierig ist auf den Schießsport. Wir zielen mit unseren Sportwaffen auf verschiedene Distanzen mit unterschiedlichen Klein-Kalibern. Großkalibrig wird in Eschweiler übrigens schon seit langem nicht mehr geschossen.

Bei Schießsport denken manche an die Faszination etwa im Biathlon. Andere aber auch an die Probleme und Opfer, die eine waffenvernarrte Gesellschaft wie in den USA immer wieder ertragen muss.

Deuter: Die Waffengesetze in den USA sind mir eindeutig zu locker. Knarren im Supermarkt — ein absolutes Unding. Luftgewehre sind in Deutschland frei erhältlich und nicht anmeldepflichtig. Aber schon bei Kleinkalibergewehren oder Pistolen wird die Sache schnell durchreglementiert. Da heißt es für den Sportler erstmal Erfahrung sammeln im Verein und ein Schießbuch führen. Schießsport-Funktionäre bis hin zur Kreispolizeibehörde sind daran beteiligt, bis jemand eine Genehmigung für eine Waffe erhält. Der Schusswaffenbesitz ist bei uns Gott sei Dank an klare Regeln gebunden. Kein Vergleich zu den USA.

Welche Rolle spielt der Schützenverein dann noch, wenn es um christlich-katholische Begriffe wie „Glaube, Sitte und Heimat“ geht?

Deuter: Das spielt wohl eine immer geringer werdende Rolle, allerdings im Bewusstsein der gesamten Gesellschaft.

So ganz ohne den Beistand von ganz oben geht es in ihrem Leben aber doch nicht. Sie waren zum Beispiel schon des Öfteren in Rom?

Deuter: Ja, das stimmt. Mit dem Bund der historischen Schützenbrüder war ich in den Achtzigern das erste Mal in Rom. So, wie die Jungfrau zum Kind kam, wurde ich dann plötzlich zu einer Art ehrenamtlichem Hobby-Reiseleiter. Insgesamt 37 Mal hat es mich später nach Rom verschlagen. Hochgerechnet habe ich vermutlich mehr als 1500 Menschen dorthin begleitet. Das war eine Zeit toller Erlebnisse. Sogar Eheschließungen sind daraus entstanden. Aber ähnlich wie die Attraktivität der Schützenvereine lässt auch das Interesse an Busreisen heute mehr und mehr nach. Flieger und Kreuzfahrtschiff sind in.