Eschweiler: Jugendamt nimmt künftig minderjährige Flüchtlinge in Obhut

Eschweiler: Jugendamt nimmt künftig minderjährige Flüchtlinge in Obhut

Mit dem Umzug der Bundespolizeiinspektion Aachen von Linnich nach Eschweiler, kommt auf die Stadt eine besondere Aufgabe zu. Wie erst jetzt bekannt wurde, ist das Jugendamt ab dem 1. August für die Inobhutnahme der sogenannten unbegleiteten, minderjährigen Flüchtlinge zuständig.

Das heißt: Die Stadt muss die Flüchtlinge unterbringen und versorgen. Und zwar alle, die von der Bundespolizei in Bussen, Autos oder Lastwagen (also auf den Straßen) aufgegriffen werden — in der Städteregion Aachen sowie den Kreisen Düren, Heinsberg und Euskirchen. 2,5 Millionen Euro wird das voraussichtlich jährlich kosten. Geld, das die Stadt erst zahlt, später vom Bund zurückbekommt. Erstattet werden nach derzeitigem Kenntnisstand jedoch nur die Sach-, nicht aber die Personalkosten. Es ist für die Stadt eine große Herausforderung, und Bürgermeister Rudi Bertram musste darüber bereits mit einigen Indestädtern diskutieren. Von Panikmache hält er jedoch nichts. „Auf die Stadt kommt eine riesengroße Aufgabe zu. Wir müssen und werden das schaffen“, sagt er.

Der neue Rat wird am kommenden Dienstag in seiner konstituierenden Sitzung über das Thema sprechen. Bereits für das laufende Jahr soll etwas mehr als eine Million Euro in den Haushalt eingestellt werden, für das Jahr 2015 rechnet die Verwaltung mit 2,5 Millionen Euro. Bleiben die Personalkosten. „Da kommen schnell mal 300.000 Euro zusammen“, rechnet Bürgermeister Rudi Bertram vor. Es werde derzeit geprüft, ob es möglich ist, auch diese Kosten rückerstattet zu bekommen. Stichwort: Konnexitätsprinzip.

Mit dem Umzug zum 1. August nach Eschweiler werden die Bundespolizeireviere Aachen-Nord/Vetschau sowie Lichtenbusch geschlossen. Bislang war die Stadt Aachen für die Inobhutnahme zuständig. Einen Teil ihrer Zuständigkeit behält die Stadt Aachen. Die Flüchtlinge, die per Bahn ankommen, werden bereits am Aachener Hauptbahnhof in Empfang genommen.

Nach Auskunft der Bundespolizei stammen die Jugendlichen derzeit überwiegend aus Eritrea, aber auch aus Marokko, Syrien, Tunesien und Afghanistan, und in erster Linie handelt es sich um männliche Jugendliche im Alter zwischen 12 und 17 Jahren. Was genau auf die Stadt zukommt, wissen die Beteiligten nicht. Im vorigen Jahr wurden dem Aachener Jugendamt 309 Jugendliche übergeben, seit dem 1. Januar sind die Fallzahlen laut Bundespolizei um 86 Prozent gestiegen.

Was genau gehört zur Inobhutnahme? Die Jugendlichen müssen in einer Jugendhilfeeinrichtung untergebracht werden, beispielsweise dem Haus St. Josef. Dazu muss die medizinische Versorgung gewährleistet sein, ein Vormund muss eingesetzt werden, die schulischen und beruflichen Integrationsmöglichkeiten werden ebenso geprüft und geklärt wie der ausländerrechtliche Status, der psychische und physische Zustand der Flüchtlinge.

Zu tun gibt es bei den Jugendlichen einiges. Viele von ihnen sind traumatisiert, haben niemanden in Europa und sprechen die Sprache nicht. „Es sind auch Jugendliche dabei, die extrem bildungshungrig sind“, sagt Stefan Pietsch, Leiter der Abteilung Soziale Dienste des Jugendamtes. Diese Gruppe sei eine Bereicherung, betont der Bürgermeister.

Schon die Unterbringung wird alles andere als leicht, da viele Einrichtungen bereits die Grenzen ihrer Kapazitäten erreicht haben. „Unter Umständen müssen wir mal eine Turnhalle für die Flüchtlinge zur Verfügung stellen. Vielleicht müssen wir auch auf Hotels zugehen. Das ist aber nicht unser Ziel“, so Bertram. Auch der Erwerb von Immobilien für diesen Zweck wird diskutiert. In einem solchen Fall fallen natürlich zusätzliche Personalkosten an, etwa, weil ein Hausmeister bezahlt werden muss.

Um die Aufgabe zu bewältigen, wurden innerhalb des Eschweiler Jugendamtes Arbeitsgruppen gebildet, eine zum Thema „Bereitschaftsdienst“, eine andere trägt den Namen „Organisationsabläufe“. „Wenn Flüchtlinge nachts oder am Wochenende ankommen“, dann muss gewährleistet sein, dass sich sofort jemand um sie kümmert“, sagt Stefan Pietsch. Auch Dolmetscher müssen dann je nachdem schnell her. „Alleine in Eritrea gibt es acht verschiedene Dialekte“, sagt Pietsch.

Zudem wird eine verwaltungsinterne Arbeitsgruppe bestehend aus dem Sozialamt, dem Jugendamt, dem Ordnungsamt sowie dem Amt für Schulen, Sport und Kultur eingerichtet. „Natürlich können wir das nicht alleine bewältigen“, sagt Bürgermeister Rudi Bertram. Die Kirche soll ebenso mit ins Boot geholt werden wie die gemeinnützigen Verbände. Auch THW und Feuerwehr könnten eine Rolle spielen. Die Gespräche laufen.

Für die Stadt ist das Thema Flüchtlinge kein ganz neues. Schon jetzt leben einige etwa im Haus St. Josef. In der Bürgermeisterkonferenz hatte Aachens Oberbürgermeister Marcel Philipp vor einiger Zeit um Hilfe bei der Unterbringung gebeten. Auf diese Hilfe von Nachbarkommunen setzt Rudi Bertram jetzt auch.