Jubiläums-Kostümsitzung: Lust'ge Reservisten zeigen Kultur-Akrobatik

Jubiläums-Kostümsitzung : Reservisten meistern Kultur-Akrobatik

Doch diese Kultur-Akrobatik scheint der grün-weißen Karnevalistenschar aus Röthgen, die in diesem Jahr ihr 88-jähriges Jubiläum feiert, nicht nur leicht zu fallen, sondern spürbar viel Freude zu machen.

Die Jubiläums-Kostümsitzung am vergangenen Samstag jedenfalls war geprägt von Enthusiasmus, ganz viel Engagement und dem Gefühl, als Gast ein Teil der Lustigen Reserve-Familie für diesen Abend sein zu dürfen.

Zeitreise ins Jahr 1931

Auch wenn das Eröffnungsbild des Sitzungsabends in Röthgen traditionsbewusst ein bekanntes war, mit dem gesamten uniformierten Korps und den Klängen der „Brass Els Kapelle“, so war bereits am zweiten Programmpunkt zu erkennen, dass es sich um einen besonderen Anlass im Saal des Hotels Flatten handeln musste, schließlich betraten „Labbes on Drickes“ die Bühne nicht in ihren gewohnten Outfits, sondern als stolze grün-weiße Reservisten.

Mit einer scheinbar mehrere Kilogramm wiegenden Vereinschronik unter dem Arm wagte das Duo die Zeitreise zurück ins Jahr 1931: „Ä lustig Johr, ävver nit alles wor esu lustig. – Stimmt, da wood och dat Karnevalskomitee jegründet“. Solange Komitee-Präsident und Reserve-Ehrenpräsident Norbert Weiland im Elferrat noch herzhaft lachen konnte, hielten die beiden Festredner an ihrem Kurs gnadenlos weiter fest, verwiesen auf die bundesweit erste Kindersitzung 1949, die Integration der „Kröetsch“ und den Umzug Mitte der 90er Jahre zu „Flattens Resi, do wor dr Korn jet billijer“.

Schließlich lüfteten „Labbes on Drickes“ das Geheimnis der Mutter aller Eschweiler Vereinsmärsche: „Ja, die lust’ge Reservisten sind der Stolz der Vaterstadt“ passt sogar auf einschlägige Weihnachtsmelodien und ist der Inbegriff der Flexibilität und Universalität der Lustigen Reserve im Eschweiler Karneval.

Für ihre schwangere Vereinskollegin eingesprungen, brillierte Kerstin Sevenheck an der Seite von Kevin Schleip beim Auftritt des Tanzpaares zum 88. Jubiläum der Lustigen Reserve. Foto: Volker Rüttgers

Nachdem die neue Marketenderin der Gesellschaft Jolie Elas mit Schwung die Bühne und Herzen im Saal erorbert hatte, sorgten die „Kröetsch“ als Haus- und Hofband der Lustigen Reserve für reichlich „Wolkeplatz“-Stimmung und Gänsehaut-Momente während ihrer Interpretation von Kasallas „Mir sin eins“, stilecht auf die Indestadt gemünzt.

Zwölf deutsche, acht europäische und eine Weltmeisterschaft sind die beeindruckende Bilanz der Duisburger Showtanzgruppe „Calypso“. Wie Amazonen aus einer anderen Welt fegten die Tänzerinnen aus dem Ruhrpott in die „Delio-Arena“ und verwandelten die grün-weiße Bühne in eine Showstage aus einem Broadway-Musical, inklusive atemberaubender Choreografie.

Kuschelige Verhältnisse

Mit wesentlich mehr Masse, aber auch reichlich Klasse ausgestattet, sorgten die „Apfelsinen-Funken“ der Nippeser Bürgerwehr für kuschelige Verhältnisse vor dem Elferratstisch und versprühten ihren kölschen Charme im ausverkauften Saal. Die Reservistenwache knüpfte an die prächtige Stimmung nahtlos an und schwang auch zu später Stunde das Tanzbein so elegant, dass sich nicht nur beim Sitzungspräsidenten Thomas Weiland ein Dauergrinsen auf dem Gesicht breit machen sollte. Besonderen Applaus erntete hierbei Kerstin Sevenheck, die ihre Vereinskollegin Nathalie Groth als Tanzpartnerin von Kevin Schleip vertrat und eine würdige Darbietung zum Vereinsjubiläum absolvierte.

Zwischen der ausgelassenen Stimmung, angeheizt durch „Bohei“ und das Trompeterkorps der KG „Eefelkank“ aus Hastenrath gelang Ingrid Kühne das Kunststück, dass ein ganzer Saal an ihrer frechen, plattdeutschen Schnauze hing. Auch wenn ihre Bodylotion früher noch „Nivea“ und heute „Voltaren forte“ heißt, waren es doch eher die medizinischen Probleme ihres „Heinz“, die sie in der Bütt nachhaltig beschäftigten, sehr zum Vergnügen ihres Publikums.

Mit Komiteeblock und dem umjubelten Auftritt der Husarentanzgruppe „Burgmüsjere“, die auch schon auf zweimal elf Jahre Auftritte auf den Brettern der Fastelovendswelt zurück blicken dürfen, nahm das Programm der Jubiläums-Kostümsitzung der Lustigen Reserve zum Endspurt ordentlich Fahrt auf. Auch Prinz Paolo I. konnte sich dem Charme der grün-weißen Reservisten keineswegs entziehen und intonierte nach seinem aktuellen Prinzenlied spontan den „Lennet Kann“ mit Ehrenpräsident Norbert Weiland - ein weiteres Symbol für den gelungenen Spagat zwischen modernem Karneval und Tradition, das scheint zumindest das Geheimrezept des Karnevals in Eschweiler zu sein.

(vr)
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