Eschweiler: Ist Schießen wirklich Sport? Ein Selbstversuch

Eschweiler: Ist Schießen wirklich Sport? Ein Selbstversuch

Mein ganzer Körper zittert. Während ich mein linkes Auge fest verschlossen halte, versuche ich mit dem rechten, das Ziel so genau wie möglich anzuvisieren. Das fällt mir ganz und gar nicht leicht. Ich bohre das rund fünf Kilo schwere Luftgewehr immer tiefer in meine rechte Schulter zu bohren, damit meine schwer gewordenen Arme ein kleines bisschen entlastet werden. „Konzentriere dich“, denke ich.

Es ist bloß noch ein einziger Schuss, aber der kostet mich nicht nur ein hohes Maß an Konzentration, sondern auch viel Kraft. Meine Beine werden immer müder. So gut es geht, versuche ich meinen Körper anzuspannen. In Gedanken zähle ich bis Fünf und lege währenddessen den Finger auf den Abzug. Dann drücke ich den Auslöser. „Geschafft“, denke ich erleichtert und merke, dass sich die eine oder andere Schweißperle auf meiner Stirn gebildet hat. Habe ich den schwarzen Punkt in der Mitte der Scheibe getroffen? Gespannt warte ich darauf, dass diese die etwa zehn Meter lange Distanz zu mir zurücklegt. Die Antwort darauf, gibt es später.

Nach dem Selbstversuch von Sonja Essers steht fest, dass Schießen definitiv ein Sport ist. Foto: Nowicki

Auf dem Schießstand der St.-Sebastianus-Schützenbruderschaft Eschweiler-Mitte teste ich, wie schwierig das Schießen mit dem Luftgewehr ist. Ist das, was die Mitglieder der Bruderschaften dort wöchentlich machen, wirklich Sport oder ist es viel einfacher, als ich bis dato denke? Hans-Gerd Priem ist Schießmeister der Bruderschaft und warnt mich vor. „Das ist gar nicht so leicht, wie man denkt, aber du wirst es merken.“ Nicht nur er steht mir an diesem Nachmittag mit Rat und Tat zur Seite. Von Bezirksschießmeister Rolf Krause erhalte ich vor dem ersten Schuss eine Einführung in die Geschichte des Schießsports. Und die ist alles andere als uninteressant (siehe Box).

Aber kann Schießsport wirklich ein Leistungssport sein? „Ja“, sagt Krause. „Das ist eine anspruchsvolle Tätigkeit.“ Neben Nervenstärke, Disziplin, Konzentration und Ehrgeiz muss der Schütze auch eine gute Körperbeherrschung und Grundkondition besitzen. Kondition? Wofür soll das denn nötig sein? Schnell werde ich eines Besseren belehrt. Doch bevor es soweit ist, erklärt Krause mir, wie wichtig eine vernünftige Ausrüstung ist.

Zu dieser gehören neben dem Luftgewehr auch Munition, Schuhe, Handschuhe und eine entsprechende Jacke oder Weste, die dafür sorgt, dass das Luftgewehr nicht verrutscht. Die Kosten liegen zwischen 3000 und 5000 Euro. „Bei den Bruderschaften ist alles vorhanden. Anfänger brauchen nichts anzuschaffen, aber wir das bei jedem Hobby so ist, wenn man länger dabei ist oder an Wettkämpfen teilnehmen möchte, wäre es von Vorteil, seine eigenen Sachen zu besitzen“, sagt Krause.

Er hat als Jugendlicher mit dem Schießsport begonnen. Gelernt hat er auf einem Seitenspanner, einem Luftgewehr, das aus Holz besteht. Mittlerweile ist er zu Aluminium übergegangen. Das sei leichter zu handhaben. Außerdem könne man das Gewehr dem Schützen anpassen.

Wer den Schießsport mit dem Luftgewehr zu seinem Hobby machen möchte, sollte jedoch wissen, dass es einige Regeln gibt, die befolgt werden müssen (siehe Box).

Eine davon: Ab dem Jahr, in dem die Mitglieder 16 Jahre alt werden, müssen sie freihändig schießen, und gerade das schrecke viele Jugendliche ab. „Die meisten fallen dann in ihrer Wertung zurück“, sagt Krause. Was dagegen hilft: „Trockenübungen und mentales Training“, so der Bezirksschießmeister. Er hat mit dem Gewehr zu Hause vor dem Fernsehen geübt. Was er genau gemacht hat? „Ich habe es einfach gehalten und das eine Stunde lang“, sagt er. „Ob das wirklich so anstrengend ist?“, frage ich mich.

Die Antwort darauf erhalte ich nur wenige Minuten später, als ich das rund fünf Kilo schwere Luftgewehr zum ersten Mal in die Hand nehme und leicht in mich zusammensacke. In diesem Moment bin ich froh, dass ich „nur“ aufgelegt schießen muss.

Zuvor hatte Krause mir den richtigen Stand erklärt: Füße schulterbreit auseinander, Knie locker lassen. Das Luftgewehr drücke ich in die rechte Schulter, lege den Hals auf die Befestigung und luge durch den Filter. „Man sollte das Ziel nicht länger als fünf Sekunden anvisieren und währenddessen den Finger auf den Abzug legen“, erklärt Krause. Das versuche ich, drücke jedoch aus Versehen ab. Die Patrone schießt in Richtung Zielscheibe. „Gar nicht so schlecht“, lobt Krause, als die Scheibe zu uns zurückkommt. Das Loch befindet sich nur wenige Millimeter von der Mitte entfernt.

Mein Ehrgeiz ist geweckt. Und ich verbessere mich tatsächlich. Das eine oder andere Mal treffe ich sogar die Mitte. Schnell lässt jedoch auch meine Konzentration nach. So lege ich nach einer halben Stunde eine Pause ein. Ich merke, wie mein linkes Auge, das ich permanent zukneife, sich wieder entspannt. Mein rechter Arm bleibt allerdings weiterhin angespannt.

Danach wird es richtig spannend. Ich habe zehn Minuten, für zehn Schüsse. Auch laden muss ich selbst. Ob ich das schaffe? Krause meint: „Normalerweise werden 15 Schuss in 25 Minuten geschossen.“ Ich werde nervös. Bereits beim ersten Schuss merke ich, dass ich mich nicht auf das Ziel konzentriere, sondern nur an die Zeit denke. Nach acht Schüssen habe ich noch vier Minuten Zeit. Ich ärgere mich. Schließlich war ich zu Beginn gar nicht so schlecht und nun sind meine Schüsse etwas weiter von der Mitte entfernt.

Das merkt auch Krause. Er schlägt vor: „Noch fünf Schuss, aber diesmal ohne Zeit.“ Und siehe da: Die Ergebnisse werden besser. Krause ist begeistert und auch ich bin zufrieden. Von 150 Punkten habe ich 119 erreicht.

Dann macht Krause einen weiteren Vorschlag. Ich soll einen Schuss freihändig abgeben. „Einen Schuss? Kein Problem“, denke ich. Von wegen! Als ich das Luftgewehr ansetze, zittert mein Körper. Unter höchster Anspannung fällt der Schuss. Ich habe es geschafft. Wie habe ich abgeschnitten? „Du hast immerhin noch die Zielscheibe getroffen. Das ist nicht selbstverständlich“, lobt Krause und fügt hinzu: „Beim nächsten Mal wird es besser.“

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