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Eschweiler: „Irgendwie muss man zum Ende kommen”

Eschweiler : „Irgendwie muss man zum Ende kommen”

Erinnerung kann wehtun, besonders an Jahrestagen. „Manchmal ist es besser, etwas in Vergessenheit geraten zu lassen”, stellt der Schulleiter der Liebfrauenschule in Eschweiler, Manfred Meier, fest. Deshalb denkt er darüber nach, die kommenden Tage ohne besonderes Gedenken verstreichen zu lassen. Vor einem Jahr verschwanden sein Schüler Tom und dessen kleine Schwester Sonja.

Sie wurden ermordet. Die traurige Geschichte der Geschwister erschütterte Menschen in ganz Deutschland.

Ein sonniger Tag

Es war der 30. März 2003, ein sonniger Sonntag: Zwei Männer entführten den elfjährigen Tom und seine neunjährige Schwester beim Spielen. Sie erwürgten Tom, um das Mädchen sexuell zu missbrauchen. Dann brachten sie auch Sonja qualvoll um.

Rund sieben Monate später wurden die Mörder verurteilt: lebenslange Haft, ohne Chance, nach 15 Jahren auf Bewährung entlassen zu werden. Das war der juristische Schlusspunkt. Aber für die Menschen in Eschweiler ist das letzte Kapitel längst nicht abgeschlossen. In Toms Klasse kamen die Ereignisse kürzlich wieder hoch und mussten mit fachlicher Hilfe aufgearbeitet werden - erneut ein mühsamer Versuch, Abstand zu gewinnen.

Abstand suchen auch die damaligen Ermittler der Aachener Mordkommission in diesen Tagen bei einem psychologischen Seminar. „Es soll helfen, die Ereignisse zu verkraften - wenn das überhaupt geht”, sagt Polizeisprecher Paul Kemen. Die Dramatik der Wochen mit der fieberhaften Suche nach den Kindern, die schrecklichen Anblicke an den Tatorten, die grausamen Details bei den Vernehmungen und das Leid der Eltern haben sich tief in die Seelen gegraben.

Eschweiler steht längst nicht mehr in den bundesweiten Schlagzeilen. Aber auch wenn die Menschen nicht mehr so oft über die Ereignisse sprechen, wirken die Eindrücke nach. Mit Gesten zeigen sie Mitgefühl.

Kinder haben das Grab der ermordeten Geschwister mit Tonfiguren und Windspielen geschmückt. Menschen haben Schalen mit Narzissen, Primeln und Tulpen abgelegt. „Das Grab wird von ganz vielen Bürgern immer wieder besucht. Wer auf dem Friedhof ist, geht immer wieder daran vorbei”, beobachtet der Pressesprecher der Stadt Eschweiler, Stefan Kaever.

Wohnungen stehen leer

Die Wohnungen in dem Mietkomplex, in denen die beiden Mörder nebeneinander lebten und die kleine Sonja in ihrer Gewalt hatten, stehen noch immer leer. Die Menschen in der unmittelbaren Nachbarschaft des Hauses gehen innerlich auf Distanz, wollen nicht mehr reden. „Irgendwie muss man zu einem Ende kommen. Das Leben geht ja weiter”, sagt ein Nachbar.

Aber es hat sich einiges verändert. Mütter lassen ihre Kinder nicht mehr allein zur Schule gehen. Auch bei der Polizei ist seit dem Fall Tom und Sonja vieles anders. Unlängst hatten dort Eltern ihren sechsjährigen Sohn als vermisst gemeldet. Er war vom Spielen nicht nach Hause zurückgekehrt. Die Beamten waren wie elektrisiert. „Sofort denkt man an Tom und Sonja”, sagt Polizeisprecher Kemen. Doch anders als die beiden kam der Junge wohlbehalten nach Hause zurück. Er hatte sich einfach nur mit seinem Fahrrad verfahren und wurde von einer Polizeistreife zu den Eltern gebracht.

mehr dazu: „Tom und Sonja: Chronik eines unbegreiflichen Verbrechens”