Interview mit Nadine Leonhardt über ihre Bürgermeisterkandidatur

Interview mit Nadine Leonhardt : „Gewisse Unsicherheit“ in der Stadt

Die SPD-Fraktionsvorsitzende Nadine Leonhardt kandidiert bei der Bürgermeisterwahl für die SPD. In ihrem Interview spricht sie über Ziele, Erfahrungen und Pläne für die Gemeinde.

Für die SPD kandidiert nun die Person für das Bürgermeisteramt, die das „Vorgriffsrecht“ hatte, wie es der Stadtverbandsvorsitzende Oliver Liebchen vor gut zwei Wochen ausdrückte. Nadine Leonhardt, die Fraktionsvorsitzende, ist also keine überraschende Wahl der Sozialdemokraten. Im Gespräch mit Carsten Rose spricht die Wortführerin der SPD im Eschweiler Rat über sich und ihre Kandidatur – und eine mögliche Revolution im ÖPNV.

Frau Leonhardt, die Wahl auf Sie als Kandidatin war einstimmig. Wie fühlt sich das an?

Nadine Leonhardt: Die Sitzung war sehr bewegend. Wir haben ja nicht nur über mich gesprochen, sondern natürlich auch über Rudi Bertram. Wir sind uns alle einig über die großen Verdienste, die er geleistet hat. Und dass sich dann alle einhellig für mich entschieden haben, ist natürlich ein großer Ansporn. Ich bin bereit, jetzt alles zu geben.

War es denn so einstimmig, wie es klingt? Stand Dietmar Krauthausen auch noch zur Wahl oder war der Name nur ein Gerücht?

Leonhardt: Wir haben in der SPD viele Mitglieder und daher auch viele Leute mit Qualität. Dass sich dann Gerüchte ihren Weg bahnen, ist doch klar. Ich halte Dietmar Krauthausen sehr geeignet für eine führende Rolle in der Politik. Er hat sich letztlich aber anders entschieden, was für uns aber dennoch eine schöne Sache ist, weil er auch weiterhin eine wichtige Rolle bei uns spielen wird. Ich muss auch wirklich sagen, dass die Sitzung zwar gut zwei Stunden gedauert hat, es aber keine Probleme oder Zwistigkeiten gab. Die Eschweiler SPD ist bekannt für ihre Harmonie, und das haben wir auch wieder bewiesen.

Kann man die Eschweiler SPD mit der Bundespartei und den Ablegern in den einzelnen Landtagen vergleichen?

Leonhardt: Wir haben schon oft genug bewiesen, dass wir Wahlen gegen den schlechteren Bundes- oder Landestrend gestalten können. Wir sind immer nah vor Ort bei den Menschen. Meine Erfahrung zeigt: Wenn ich unterwegs bin, wissen die Bürger natürlich, dass ich in der SPD bin, aber vielmehr kennen und schätzen sie mich als Person. Das macht sehr viel aus.

Wie nehmen Sie die Stimmung generell in der Stadt wahr?

Leonhardt: Ich sehe die Stimmung in der Stadt so, dass schon eine gewisse Verunsicherung zu spüren ist was bestimmte Themen angeht. Zum Beispiel beim Strukturwandel, der in einer ungeahnten Stärke sichtbar wird, und der Digitalisierung, bei der mitunter die Angst herrscht, abgehängt zu werden. Aber ich würde nicht so weit gehen und sagen, dass die Stimmung ins Negative gekippt ist, auch wenn die Diskussionen in den sozialen Medien lauter und feindseliger werden. Ich empfinde es eher so, dass ein positiver Zusammenhalt, die Vereine und der Karneval die Stadt ausmachen. Von Zugezogenen höre ich viel Positives – das müssen wir beibehalten.

Was fehlt derzeit im Rathaus, das Sie mitbringen würden?

Leonhardt: Lassen Sie es mich so ausdrücken: Die ganzen Herausforderungen wie der Strukturwandel und die Digitalisierung werden des erfordern, dass auch im Rathaus neue Wege beschritten werden müssen. Man muss darüber nachdenken, ob die Prozesse im Rathaus noch die richtigen heutzutage sind. Beruflich arbeite ich viel mit Veränderungsprozessen. Neue Ideen müssen so gestaltet werden, dass sie für den Eschweiler Bürger gut umgesetzt werden. Das wird im Rathaus wichtig werden.

Was können Sie schon inhaltlich über Ihre Ziele preisgeben?

Leonhardt: Wir müssen weiter an den Themen Arbeitsplätze und Bildung dran bleiben. Die gesamte Kita-Zeit soll in meinen Augen gebührenfrei sein. Und ich stelle mir ein Eschweiler vor, in dem der Öffentliche Personennahverkehr kostenfrei wird. Ganz wichtig ist auch, dass das Vereinsleben und der Karneval auch in 20 Jahren noch so intakt ist.

Ihr Parteichef, Oliver Liebchen, bezeichnet Sie als „engagiert und souverän“. So treten Sie auch in den öffentlichen Sitzungen auf. Brauchen Sie als potenzielle Bürgermeisterin noch eine Portion Robustheit und die Eigenschaft, in Ausschüssen und Ratssitzungen auch mal auf den Tisch zu hauen?

Leonhardt: Seit 2011 führe ich die SPD-Fraktion mit 27 Mitgliedern. Auch wir führen natürlich Diskussionen, die länger als zehn Minuten dauern. Ich bin zwar nicht der Typ, der laut auf den Tisch haut, aber ich kann mich durchsetzen. Das habe ich auch beruflich hinlänglich bewiesen.

Wann haben Sie sich eigentlich persönlich dafür entschieden, für das Bürgermeisteramt zu kandidieren?

Leonhardt: Als ich in der Partei als Führungskraft angefangen habe, habe ich schnell gemerkt, dass ich diese Arbeit gerne weiterführen würde. Also habe ich auch irgendwann das Bürgermeisteramt angestrebt – mit 42 Jahren bin ich ja noch jung. Und als Bürgermeisterin bleiben viele Themen dieselben wie jetzt auch schon.

Haben Sie eigentlich ein weibliches oder ein männliches Vorbild in Politik und Gesellschaft?

Leonhardt: Beide, das Geschlecht spielt für mich ehrlich gesagt keine Rolle. Ich habe auch kein Vorbild in dem Sinne, dass ich jemandem nacheifere. Generell Menschen, die sich für den gesellschaftlichen Zusammenhalt einsetzen, finde ich vorbildlich. Es klingt jetzt klischeehaft, aber Willy Brandt ist so jemand, vollkommen unabhängig von der Parteizugehörigkeit.

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