Infoabend vom Stadtverband der SPD in Eschweiler zum Thema Organspende

Infoabend des SPD-Stadtverbands : Zwei Wege zu mehr Organspenden

In Deutschland werden weniger Organe gespendet als in anderen Ländern. Soll der Bundestag deshalb beschließen, dass grundsätzlich alle Menschen Organspender sind, es sei denn, sie widersprechen? Das wird nicht nur in Berlin diskutiert, sondern überall im Land. Am Mittwoch auch in Eschweiler.

ingeladen hatte der SPD-Stadtverband. In der Festhalle Dürwiß stellten die Eschweiler Bundestagsabgeordnete Claudia Moll und die frühere Gesundheitsministerin Ulla Schmidt den etwa 50 Besuchern die beiden möglichen Lösungen vor. Und sie ließen keinen Zweifel daran, dass sie die sogenannte Widerspruchslösung ablehnen und sich für die Zustimmungslösung einsetzen.

Wenn der Bundestag im September die künftigen Regeln für die Organspende beschließt, werden die Fronten quer durch die Fraktionen gehen. Einen Fraktionszwang gibt es auch nicht, es ist eine Gewissensentscheidung.

Bei der von Gesundheitsminister Jens Spahn (CDU) bevorzugten Widerspruchsregelung sollen alle Bürger angehalten werden, sich mit dem Thema Organ- oder Gewebespende zu befassen. Grundsätzlich gelte dann jede Person als Spender, es sei denn, sie hat zu Lebzeiten widersprochen. Menschen, die nicht in der Lage sind, die Bedeutung eines solchen Schritts zu erkennen, etwa geistig behinderte Personen, sollen nicht Spender sein können. Nächste Angehörige eines Gestorbenen sollen kein Entscheidungsrecht haben, aber befragt werden, ob ihnen ein schriftlicher Widerspruch oder ein mündlich geäußerter Wille des Verstorbenen gegen eine Organentnahme bekannt ist.

Der Antrag zu einer Zustimmungslösung geht davon aus, dass eigentlich eine große Zahl von Bürgern bereit ist, nach dem Tod Organe zu spenden und damit das Leben anderer Menschen zu retten. Damit das besser als bisher klappt, sollen über den bisher bekannten Organspender-Ausweis hinaus mehrere neue Regeln eingeführt werden: Ein zentrales Register, das rund um die Uhr abgefragt werden kann, stärkere Aufklärung und Information der Bevölkerung, Beratung der Menschen durch Hausärzte (die dafür dann auch bezahlt werden) und vor der Führerscheinprüfung. Auch ein digitaler Vermerk auf der Gesundheitskarte der Krankenkassen sei notwendig, hieß es am Mittwoch. Hinzu kommen soll auch die Möglichkeit, dass Angehörige eines Verstorbenen nach dessen Tod zustimmen können.

10.000 auf der Warteliste

Hintergrund beider Anträge ist der Wille, die Zahl der Organspender zu vergrößern. Derzeit warten fast 10.000 Menschen in Deutschland auf ein Spenderorgan, meistens eine Niere. Im vorigen Jahr starben 901 Menschen, die auf Wartelisten für Organ-Transplantation standen.

Wie sieht es in anderen Ländern aus? In 20 von 28 europäischen Länder gilt bereits die Widerspruchslösung. Auf die Zahl der Transplantationen habe das keinen entscheidenden Einfluss, versicherte die Bundestagsabgeordnete Ulla Schmidt. Sie legte dazu eine Statistik vor, wie viele Organspender es jährlich pro Million Einwohner gibt. In Deutschland sind es lediglich 9,7. Noch weniger sind es nur in Bulgarien – aber dort gilt eine Widerspruchsregelung, wie sie jetzt auch von Minister Spahn angestrebt wird. Andererseits gibt es viele Länder, die mit der Widerspruchsregelung höhere Spenderzahlen erreichen. Österreich beispielsweise oder Frankreich mit 26,8 Spendern pro Million Einwohner und Jahr. Am höchsten liegt Spanien mit 46,9 Spendern. Auch dort gilt die Widerspruchslösung, aber, sagt Ulla Schmidt, sie werde nicht angewendet. Stattdessen setzt Spanien auf intensive Beratung. Sogar Motorradclubs werden besucht, um die Akzeptanz von Organspenden zu erhöhen.

Die niedrige Spenderzahl in Deutschland liegt nach der Darstellung von Claudia Moll und auch Ulla Schmidt an zu geringer Beratung und schlechter Organisation. Schmidt: „Die Widerspruchsregelung allein nutzt überhaupt nichts! Und die Ärzte fragen doch gar nicht, ob ein Patient Spender sein will. Jedes Krankenhaus, das infrage kommt, braucht unabhängige Transplantationsbeauftragte.“ Viele Menschen haben einen Organspenderausweis, ohne dass nach ihrem Tod dieser Wille berücksichtigt wird. Ulla Schmidt: „Wer weiß denn, dass ich einen Ausweis haben? Keiner! Das muss auf die Gesundheitskarte!“

Die Diskussion für und wider die beiden Modelle hat eine ethische Dimension. Das wurde auch in der Duskussion mit den Besuchern der SPD-Veranstaltung in Dürwiß deutlich. „Für jeden Eingriff im Krankenhaus braucht man eine ausdrückliche Zustimmung“, argumentierte einer der Besucher, „aber nach dem Tod soll das nicht mehr gelten?“ Dass der Körper eines Gestorbenen sozusagen dem Staat gehört, wenn vorher nicht ausdrücklich widersprochen wurde, kann dazu führen, dass Menschen sagen: Nein, das will ich nicht! Das befürchtet auch Ulla Schmidt: „Wenn die Widerspruchslösung kommt, sackt das Vertrauen weg, und dann sagen Leute nein, die eigentlich spenden würden.“

Und schließlich, darauf machte Claudia Moll aufmerksam, gibt es Menschen, die sich einfach nicht mit dem Tod und mit dem, was eventuell nach dem Tod mit ihren Organen geschieht, befassen wollen – und auch dieses „negative Selbstbestimmungsrecht“ sei ein Recht, das man nicht unterlaufen dürfe. Jemand, der schweigt, stimmt ja nicht automatisch zu. Wenn der Staat diesen rechtlichen Grundsatz umkehrt, sei das auch verfassungsrechtlich bedenklich.

In einem waren sich die beiden Referentinnen und die Besucher des Treffens einig: Das Ziel jeder neuen Regelung muss es sein, Menschen zu helfen, die durch eine Organspende vor dem baldigen Tod gerettet werden können. Darüber, dass Beratung und persönliche Zustimmung der bessere Weg zu diesem Ziel sei, herrschte zumindest in der Veranstaltung in Dürwiß weitgehend Einigkeit. Dietmar Krauthausen, der stellvertretende Vorsitzende des SPD-Stadtverbandes, bedankte sich bei den Referentinnen und den Besuchern für Engagement und Information.

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