Eschweiler: In Aue laufen die Stahl-Walzwerke weiter

Eschweiler: In Aue laufen die Stahl-Walzwerke weiter

Den Weg in den Ruhestand hat sich Herbert Lenzen sicherlich anders vorgestellt: Der 73-Jährige begleitet die ESW-Röhrenwerke auf ihrem Weg in der Sanierung, ehe er dann vermutlich in diesem Sommer den Geschäftsführer-Posten an seinen Nachfolger übergibt. Das Unternehmen soll dann in einer neuen Struktur für die Zukunft gerüstet sein.

Die italienische Danieli Group soll die Zügel in der Hand halten. Die letzten Unterschriften werden unter die Verträge gesetzt, wenn das Insolvenzverfahren offiziell abgeschlossen ist. „Es waren dicke Bretter zu bohren, aber jetzt sind wir sehr optimistisch“, sagt der Indestädter.

Der Weg zum Insolvenz- und Sanierungsplan, der zur letzten Prüfung beim Amtsgericht liegt und zuvor von Gläubigern genehmigt werden muss, war durchaus steinig. Im Zuge der Umstrukturierung hat sich das ESW-Röhrenwerk von einigen Mitarbeitern trennen müssen. Im ersten Schritt erhielten 69 Mitarbeiter die Kündigung zum 1. Juni.

„Es war den harten Verhandlungen mit dem Betriebsrat und der Gewerkschaft geschuldet, dass wir den schweren Schritt zur Transfergesellschaft gehen mussten“, sagt Sanierungsberater Martin Lambrecht von der Düsseldorfer Kanzlei Leonhardt Rattunde. Zehn Angestellte mussten diesem Weg folgen. Den Gekündigten stand damit der Weg in eine Beschäftigungs- und Qualifizierungsgesellschaft mit einer Laufzeit von sechs Monaten offen. Am Ende der Sanierung soll das Unternehmen in Eschweiler noch etwa 200 Mitarbeiter zählen.

Die ESW-Röhrenwerke waren in Schieflage geraten, als der purzelnde Ölpreis die Investitionssummen in Pipelines und Bohrinseln drastisch fallen ließ. Wie jetzt bekannt wurde: Der Umsatz in Aue brach von jährlich knapp unter 100 Millionen Euro auf nahezu die Hälfte ein. „Um eine solche Durststrecke zu überstehen, fehlt einem mittelständischen Unternehmen schlichtweg der Speck auf den Rippen“, urteilt Lambrecht. Die Eschweiler Firma geriet in Liquiditätsprobleme, weil das Rohmaterial, der Stahl, in Aue vorgehalten werden muss, um flexibel zu reagieren. Dies kostet Geld, die Firma tritt finanziell in Vorleistung.

Einer der größten Gläubiger soll nun die ESW-Röhrenwerke übernehmen. Die italienische Danieli Group lieferte Stahl nach Eschweiler. Parallelen zu Facab-Lynen, wo wenige Jahre nach der Übernahme das Aus folgte, sieht Lenzen deshalb nicht: „Der italienische Partner hat ein ureigenes Interesse daran, dass es in Eschweiler weitergeht“, ist er überzeugt. Vielmehr sollen die Strukturen geschaffen werden, um weiterhin im Wettbewerb bestehen zu können. Das Werk in Aue hat nämlich in den Augen Lambrechts einen Vorteil gegenüber der Konkurrenz: „In Eschweiler können auch kleine Margen schnell produziert werden.“

Die nathlosen Rohre mit einer Länge von bis zu 40 Metern können in unterschiedlichen Wandstärken und Durchmessern hergestellt werden. Das in Aue eingesetzte Produktionsverfahren vollzieht sich in mehreren Schritten: Im Hohlblockwalzwerk wird der glühende und auf mehrere Hundert Grad erhitzte Metallblock ausgeblasen und erreicht dann das Planetenschrägwalzwerk (PSW), die zweite und wichtigste Umformstufe. Anschließend bringt das Reduzier- und Maßwalzwerk die Rohre auf die erforderlichen Maße. Jeder einzelne Schritt wird an Monitoren überwacht. Der Außendurchmesser wird ebenso überprüft wie die Wanddicke sowie die Temperatur.

Die Werte werden ständig auf der Steuerbühne angezeigt und registriert. Anschließend werden die Rohre gekühlt und geschnitten sowie für den Abtransport vorbereitet. In dem Verfahren können einfache Kohlenstoffstähle bis zu hochlegierten Stählen verarbeitet werden. Laut ESW handelt es sich dabei um eines der umweltfreundlichsten Verfahren bei der Herstellung von Stahlrohren. In Aue werden Durchmesser von 70 bis 244,5 Millimeter und Wandstärken von 7,1 bis 60 Millimeter erreicht. Die Konkurrenz stammt unter anderem aus Osteuropa und China.

Läuft alles nach Plan, dann wird im Juli der Insolvenzvermerk aus dem Handelsregistereintrag der ESW Röhrenwerk GmbH gestrichen. Dann könnte die Übernahme erfolgen. Dass der Weg binnen weniger Monate geebnet war, war bei der Anmeldung der Insolvenz im Dezember 2015 nicht abzusehen. „Wir mussten das Unternehmen von A bis Z auf den Prüfstand stellen“, berichtet Lambrecht.

Dabei sei deutlich geworden, dass die Übernahme durch die italienische Unternehmensgruppe viele Vorteile mit sich bringe. Vor allem die Position beim Vertrieb und beim Einkauf werde gestärkt, ist sich der Sanierungsberater sicher. Letztlich sei es nie gut, wenn ein Unternehmen lange in der Insolvenz verweile.

Der Sanierungsplan wurde von der Gewerkschaft kritisch beäugt. Martin Peters, Geschäftsführer der IG Metall Eschweiler/Stolberg, sagte zu den Personalkürzungen: „Der Betriebsrat hatte keine andere Wahl. Wir hatten erhebliche Zweifel daran, dass es einen Stellenabbau in dem Maße geben muss.“ Laut Peters habe jedoch im Zuge der Verhandlungen auch eine wesentlich größere Zahl im Raum gestanden. Letztlich ist Peters zufrieden, dass der Betrieb in Aue gesichert scheint, obwohl er natürlich bedauert, dass „Entlassungen immer mit Einzelschicksalen verbunden sind“.

Den Betrieb zu erhalten, war das vorrangige Ziel von Herbert Lenzen. Danach freue er sich auf eine etwas ruhigere Zeit im Ruhestand. Für Lambrecht war im Verfahren wichtig, dass „der Chef nicht von Bord geht, wenn das Schiff ins Wanken gerät“. Der Sanierer bezeichnet Lenzen als „Vollblutunternehmer“, dessen Herz an der ESW Röhrenwerk GmbH hänge.

Mit dem Ende der Insolvenz endet eine Ära im ESW Röhrenwerk. Ob die Zukunft der Firma unter dem Dach der italienischen Gruppe tatsächlich rosiger aussieht, hängt allerdings auch davon ab, ob sich die Lage auf dem Markt entspannt. Für das ESW-Röhrenwerk wäre dies überlebenswichtig.