Frauen in der Kommunalpolitik: „Höherer Frauenanteil nicht nur aus Demokratie-Gesichtspunkten wichtig“

Frauen in der Kommunalpolitik : „Höherer Frauenanteil nicht nur aus Demokratie-Gesichtspunkten wichtig“

Noch stehen nicht alle Ausschussvorsitzenden der Stadt Eschweiler fest, bisher ist jedoch keine Frau dabei. Die Ideen der Gleichstellungsbeauftragten Sigrid Harzheim: Paritätische Kandidaturen, Nachwuchsförderung und digitale Sitzungen.

Frau Harzheim, einige Wahlen stehen noch aus. Bisher wurde allerdings keine Frau als Ausschussvorsitzende in Eschweiler gewählt, nur ein Fünftel der Ratsmitglieder ist weiblich. Sehen Sie das Rückschritt?

Harzheim: Ich betrachte es eher als Stagnation, obwohl die Frauenquote von 24 Prozent in der letzten Legislaturperiode auf 22 Prozent gefallen ist und einen Rückschritt bedeutet. Die niedrige Quote verdeutlicht, dass die Chancen für Frauen ein politisches Amt zu bekleiden nach wie vor gering sind und bislang kein geeigneter Weg gefunden wurde, zum Beispiel durch Selbstverpflichtung, die Parität von Frauen in den Parteien herzustellen.

Können Sie sagen, warum sich deutlich mehr Männer als Frauen in der Eschweiler Lokalpolitik tummeln? Könnte oder sollte das politische Engagement für Frauen auf Kommunalebene erleichtert werden?

Harzheim: Zunächst, der Politik fehlt es grundsätzlich an Frauen, dies gilt besonders für die kommunale Ebene, und der geringe Frauenanteil ist nicht nur ein Phänomen in der Eschweiler Lokalpolitik. Ein zentraler Grund für die anhaltende Unterrepräsentanz von Frauen in politischen Gremien liegt aus meiner Sicht in der Nominierungspraxis der Parteien. Aus Gleichstellungssicht wäre es begrüßenswert, wenn bei Kommunalwahlen bereits die Listen- und Direktkandidaturen paritätisch erfolgen würden, um mehr Frauen die Chance auf ein politisches Mandat einzuräumen. Ein weiterer Grund ist, dass politisches Engagement zeitaufwendig ist und Sitzungen oft zu familienunfreundlichen Zeiten stattfinden. Das betrifft natürlich Frauen wie Männer. Doch Frauen leisten noch immer den Großteil der Sorgearbeit in der Familie. Aus diesem Grund sind viele Kommunalpolitikerinnen über 40 Jahre alt, da ihre Kinder dann schon aus dem Gröbsten raus sind. Das Vereinbarkeitsproblem stellt sich dann nicht mehr in dem Maße, wie es bei Kleinkindern der Fall ist. Das Durchschnittsalter der Ratsfrauen in Eschweiler liegt bei 52 Jahren. Nach wie vor zeigt sich deutlich, dass auf kommunaler Ebene, wo ehrenamtliches politisches Engagement neben Beruf und Familie noch obendrauf kommt, die Unterrepräsentanz von Frauen zu verzeichnen ist. Hier müsste die Vereinbarkeit von Amt, Familie und Beruf deutlich verbessert werden, zum Beispiel durch die digitale Teilnahme an Gremiensitzungen. Eine Sitzung ist nicht nur gut, wenn alle persönlich anwesend sind, soweit nicht zwingend erforderlich. Männern, die ebenfalls berufstätig sind und Familienpflichten wahrnehmen, käme das ebenfalls zugute. Expertinnen und Experten raten dazu, ein Leitbild für Frauenförderung zu erstellen, das vor Ort unterschiedlich gewichtet werden kann. Maßnahmen könnten zum Beispiel sein, gezielt Nachwuchsförderung zu betreiben und geeignete Frauen anzusprechen, Ratsfrauen als Mentorinnen einzusetzen, und erfolgreiche Kommunalpolitikerinnen als Vorbild herauszustellen. An dieser Stelle ist trotz Unterrepräsentanz von Frauen in der Eschweiler Lokalpolitik herauszuheben, dass eine Frau als erste Bürgermeisterin der Stadt gewählt wurde, die für das Erreichen ihrer politischen Ziele als Vorbild vieler Frauen steht, die sich parteipolitisch engagieren wollen.

Was würde sich Ihrer Meinung nach verändern, wenn mehr Frauen in der Kommunalpolitik aktiv wären?

Harzheim: Ein höherer Frauenanteil ist nicht nur aus demokratischen Gesichtspunkten wichtig. Frauen bringen Kompetenzen, Sichtweisen und Erfahrungen in die Kommunalpolitik ein, die unverzichtbar sind. Sie können aufgrund ihrer Orientierung auf mehrere Lebensbereiche und unterschiedlicher Lebenserfahrung wichtige Impulse und Sichtweisen einbringen, die dazu beitragen, die Qualität politischer Entscheidungen zu verbessern und zukunftsfest aufzustellen.