Eschweiler: Heute vor 80 Jahren: 32 Bergleute sterben bei Grubenunglück

Eschweiler: Heute vor 80 Jahren: 32 Bergleute sterben bei Grubenunglück

Gezähe nennen Bergleute ihr Werkzeug. Die mehrere Meter lange Kiste, in der dieses Werkzeug unter Tage aufbewahrt wird, ist die Gezähekiste. In der Frühstückspause setzten sich die Bergleute auch gern drauf, um ihr Butterbrot zu essen.

Mit einer solchen Kiste begann vor 80 Jahren, am 21. Februar 1931, morgens kurz vor 7.30 Uhr, das Grubenunglück auf Eschweiler Reserve. 32 Bergleute starben, 35 wurden verletzt.

Die Gezähekiste stand in einer Bergezufuhrstrecke des Steinkohlenflözes Großkohl, in der Nähe des Wetterschachts im Osten von Eschweiler, 600 Meter tief unter der Erde. Die zentnerschwere Kiste muss bewegt oder verrückt worden sein, hieß es später in einem Bericht über die Unglücksursache. Vielleicht hat aber auch nur einer der Bergleute seinen Hammer hinein fallen lassen, niemand wird das je heraus finden. In der Kiste lagen nicht nur Grubenbeile, Keilhauen und Sägen, dort lagen auch Zündkapseln und Sprengstoff.

Die Explosion der Kiste tötete die fünf dort stehenden Bergleute sofort, sie löste zugleich eine Kohlenstaubexplosion aus. Eine Feuerwalze raste durch die unterirdischen Gänge. In den Stollen der Flöze Fornagel und Großkohl starben dadurch weitere 27 Männer, darunter die gesamte Belegschaft des Reviers 12. Auch viele Grubenpferde wurden von der Explosion getötet.

Am Tor der Zeche in Nothberg strömten direkt nach der Unglücksnachricht die Menschen zusammen, vor allem Angehörige von Bergleuten. Auf der Grube Reserve arbeiteten damals rund 2400 Menschen. Mehrere hundert waren an diesem Samstag unter Tage, um 6 Uhr waren sie zur Frühschicht eingefahren. Am so genannten Alten Schacht wurden die Toten und Verwundeten zutage gefördert, während die Kohlenförderung nur für wenige Stunden unterbrochen wurde.

Die Szene hatte etwas Unwirkliches: „Mitten in das Gerassel der Förderwagen, die in sausendem Tempo nach wie vor auf- und niedergingen, kamen ab und zu telefonische Mitteilungen von der Grube her, dass sich Tote oder Verwundete in dem Förderkorb befänden”, berichtete damals unsere Zeitung. Die Verwundeten und Gasvergifteten wurden dann zu den Sanitätsautos gebracht, die im Hof warteten, die Toten in einen Raum des Zechengebäudes. „Sie lagen noch auf den Tragbahren, wie sie aus der Grube gekommen waren. Hob man einzelne Hüllen auf, sah man, wie furchtbar die Explosion gewirkt hat. Die meisten waren kohlschwarz verbrannt.”

Erinnerung an Alsdorf

Die ersten Stunden des Wartens müssen für die Angehörigen entsetzlich gewesen sein. Natürlich dachten alle an das Alsdorfer Bergwerksunglück. Genau vier Monate vorher, am 21. Oktober 1930 ebenfalls um 7.30 Uhr, waren bei einer Schlagwetterexplosion auf der Grube Anna in Alsdorf, ebenfalls ein Steinkohlenbergwerk des Eschweiler Bergwerksvereins (EBV), 271 Menschen getötet und 304 verletzt worden. Die Explosion dort war so stark, dass einer der Fördertürme umstürzte und auf ein Haus fiel.

Auch in Eschweiler dachte man zuerst an eine Gasexplosion. Schon zweimal hatte es Schlagwetterunglücke auf der Grube Reserve gegeben: 1905 mit zwei Toten und sechs Verletzten, 1927 mit einem Toten und vier Verletzten. Doch schon im Laufe des Samstags wurde klar, dass es diesmal eine Kohlenstaubexplosion gegeben hatte: „Zum Unterschiede von Alsdorf wiesen die meisten Leichen der Grube Reserve schwere Verletzungen auf”, so ein Zeitungsbericht.

Der Bote an der Inde berichtete damals grausige Einzelheiten von dem Unglück. Etwa, dass einzelne Bergleute durch die Explosion mit den Beinen in die Streben geworfen wurden und dort tot mit dem Kopf nach unten gehangen haben. Aber die Zeitung schilderte auch ausführlich Heldentaten, die weitere Opfer des Unglücks in 600 Metern Tiefe verhinderten. Fast 70 Bergleute aus den Revieren 10 und 11 wurden durch die Umsicht und den Mut einzelner Kameraden gerettet. Dabei kam es zu dramatischen Szenen: „Eine Gruppe wurde auf ihrer Flucht von einem wild um sich schlagenden Pferd behindert, das mit aufgeschlitzten Bauch über einen Kohlenwagen hing. Die Gruppe musste das Tier erst durch Hammerschläge töten, ehe sie sich in Sicherheit bringen konnte.” (siehe unten).

Als Zahl der Todesopfer war vormittags 25 genannt worden, abends war man bei 29. Schließlich wurden noch zwei tote Bergleute gefunden, ein weiterer starb im St.-Antonius-Hospital. Lange war von nur neun Verletzten die Rede, die alle, meist mit Gasvergiftungen, im Eschweiler Krankenhaus behandelt wurden. Später stellte sich jedoch heraus, dass viele Bergleute aus den Nachbarrevieren das im Grubengas enthaltene giftige Kohlenmonoxid eingeatmet hatten. Vier Monate später wurde die Zahl der Schwerverletzten „vorläufig” mit 20 angegeben, die Zahl der Leichtverletzten mit 15.

Gewerkschaftler redet Klartext

Tausende Menschen standen am Straßenrand, als am 24. Februar nach der zentralen Trauerfeier in der Schützenhalle an der Marienstraße der Trauerzug durch die Straßen der Stadt zog, die für den Verkehr gesperrt worden waren. Zuvor hatten sich noch Angehörige verabschieden und einen letzten Blick auf die Toten werfen dürfen. Es habe herzzerreißende Szenen gegeben, wurde berichtet. Beim Anblick der verstümmelten und verbrannten Opfer seien mehrere Frauen ohnmächtig zusammengebrochen.

In den Trauerreden war viel von „entfesselten Naturgewalten”, von der „Majestät des Todes” die Rede, und davon, dass „so viele arbeitsfrohe, tapfere, treue Menschen ihr Leben lassen mussten”. Nur ein Gewerkschaftsvertreter redete Tacheles: Im europäischen Bergbau gebe es täglich über 40 Unfälle, „jeder 13. Bergmann wird ein Opfer seines Berufes”. Nicht nur die 32 Toten von Eschweiler, alle Opfer des Bergbaus „klagen an mit der Frage: Ist alles getan worden, um solche Unglücke unmöglich zu machen?”

Vorwürfe an den EBV

Das ist eine Frage, die anschließend auch den Deutschen Reichstag beschäftigte. Zwei Vorwürfe wurden von sozialdemokratischen und kommunistischen Abgeordneten erhoben. Zum einen wurden die Arbeitsbedingungen kritisiert. Auf der Grube Reserve habe es allgemeine Lohnkürzungen gegeben. Der Druck auf die Arbeiter sei enorm, es existiere dort ein Antreibersystem, um den hohen Lieferverpflichtungen nachzukommen. Zu viele junge, unerfahrene Bergleute seien untertage.

Der andere Vorwurf an den Eschweiler Bergwerksverein betraf die Verhütung von Kohlenstaubexplosionen. Es hätte höchstens fünf Todesopfer statt der 32 gegeben, „wenn die Gesteinsstaubsicherung auf der Grube durchgeführt worden wäre”, argumentierte nach einem damaligen Zeitungsbericht ein Abgeordneter.

Um die Explosion von Kohlenstaub zu verhindern, wurde im Steinkohlenbergbau nach damaligem Sicherheitsstandard Gesteinsstaub über den Kohlenstaub gestreut, an bestimmten Stellen wurden auch Schranken aus Gesteinsstaub errichtet, damit bei einer Explosion dieser Gesteinsstaub mit aufgewirbelt wird und dadurch das Feuer erstickt. Das Verfahren wurde auch in der Grube Reserve angewandt. Nur: „An dem Herd der Explosion haben sich keine Gesteinsstaubschranken befunden”, berichtete eine Zeitung schon zwei Tage nach dem Unglück.

Sparbücher für Hinterbliebene

Der Antrag der Kommunisten, drei Millionen Reichsmark für Bergbauopfer zur Verfügung zu stellen, wurde im Reichstag abgelehnt. Die zwei Millionen, die man gerade erst nach dem Alsdorfer Grubenunglück locker gemacht hatte, müssten für Eschweiler mit ausreichen. Taten es aber nicht. Erst nach zähen Verhandlungen des Regierungspräsidenten zahlten das Deutsche Reich und der Staat Preußen jeweils 36.000 Reichsmark. Der Eschweiler Bergwerksverein gab 40.000 Reichsmark, an Spenden kamen 31.569,95 Reichsmark zusammen - diese Summen zusammen reichten dann aus, um die Hinterbliebenen der Eschweiler Opfer genau so wie die der Alsdorfer Katastrophe zu behandeln.

Es gab für jede Witwe 4000 Mark, für jedes Kind 1000, für die Eltern, wenn die Bergleute Haupternährer der Familie gewesen waren, 3000, bei „Miternährern” 1000. Die Schwerverletzten erhielten einmalig 200, die Leichtverletzten 100 Reichsmark.


Die Gelder wurden nicht bar ausgezahlt, sondern kamen auf Sparbücher. In zwei Fällen konnten die Unterstützungen nicht ausgezahlt werden. Die Eltern des allein stehenden Lehrhauers Karl Watzl waren schon beide tot. Und vom Bürgermeister des Dorfes in Ostpreußen, aus dem der Hauer Rudolf Wittke stammte, kam auch nach mehreren Briefen keine Antwort. Nach Monaten gab die Versorgungskommission auf: „Wittke wohnte zuletzt allein im hiesigen Ledigenheim der Grube Eschweiler Reserve. Nach Angaben seiner Kameraden stand er allein in der Welt. Somit kann der Unterstützungsfall hiermit als erledigt betrachtet werden.”

Letzte Zuflucht Gesenk: So rettet Reviersteiger Dell 37 Bergleute

Die dramatische Rettung von 37 Bergleuten aus dem benachbarten Revier 10 der Grube „Reserve” bei dem Bergwerksunglück am 21. Februar 1931 schilderte einer der Überlebenden damals unserer Zeitung so:

Wir waren kaum auf unserem Revier angekommen, als sich die Explosion ereignete. Ich stand 100 Meter vom Reviersteiger Dell entfernt, der sofort alle Leute zusammenrief. Auch ich lief auf ihn zu. Ehe wir alle zusammen waren, kamen schon die giftigen Schwaden herauf auf uns zu. Der Steiger rief, dass ihm alle folgen sollten. Er versuchte, eine Wettertür aufzumachen, doch sahen wir, dass auch schon von dort Schwaden herkamen. Dell rief: „Wer gerettet sein will, der folge mir!”

Inzwischen waren unterwegs schon zwei Mann von Gasen derart mitgenommen, dass sie zusammengebrochen waren und mitgeschleppt werden mussten. Der Steiger stürzte sich, als es anders keine Aussicht mehr gab, unerschrocken in ein tiefes Gesenk (ein Flöz, das nach unten geht). Die 37 Mann ihm nach. Der Steiger legte geistesgegenwärtig die Bewetterung (Rohre mit frischer Luft) in das Gesenk hinein und hielt dann die giftigen Gase mit der Preßluft zurück. Die zwei besinnungslosen Leute wa ren inzwischen wiederbelebt worden. Dann und wann stellte der Steiger fest, ob die Gase nachließen. Seine Kaltblütigkeit wirkte beruhigend auf die Leute, die alle in dem festen Glauben waren, dass ihr letztes Stündlein geschlagen habe. Stundenlang hielten sie in dem Gesenk aus, den Tod vor Augen, bis endlich die Gase nachließen.

Auf die Frage des Steigers, wer mit ihm gehen wolle, um zu sehen, ob die Strecke frei sei, erklärte sich sofort jemand bereit. Vor dem Weggang beruhigte Dell noch einmal die Leute und bat, zu warten, bis er zurück komme. Er würde als letzter Mann das Revier verlassen. Kurz darauf kam er zurück, und nun ging es mit dem Rock vor dem Mund so schnell wie möglich zum Hauptschacht. Nur dem unerschrockenen Verhalten des Steigers ist es zu verdanken, dass wir alle gerettet wurden. Das Revier hatte nur einen Toten zu beklagen, der sich im Querschlag befand.

32 Bergleute kamen am Montag vor 80 Jahren in der Grube „Eschweiler Reserve” ums Leben. Die meisten waren jünger als 30; der jüngste war 16, der älteste 42 Jahre alt. Viele waren noch ledig.

Die „amtliche Totenliste” führte damals auf: Aus der Gemeinde Eschweiler-Bergrath den Reviersteiger Arnold Cohnen, den Bremser Franz Engels, den Lehrhauer Theodor Pfeilsticker, die Schlepper Valentin Peter, Wilhelm Frings und Franz Münstermann.

Aus der Gemeinde Eschweiler den Elektriker Mathias Herzog, den Werkstudenten Max Kindl, die Hauer Adam Schettgen, Johann Pawlak und Wilhelm Jansen, die Lehrhauer Robert Oettel und Peter Meister, die Schlepper Jakob Hees, Wilhelm Engelhardt, Christian Schubert und Paul Born. Aus der Gemeinde Pumpe-Stich den Grubenschlosser Christian Sieger und den Schlepper Peter Herzogenrath.

Aus der Gemeinde Nothberg die Hauer Leo Müller, Anton Gibowski und Rudolf Wittke, die Lehrhauer Otto Willms, Karl Watzl und Georg Wallenhorst, den Schlepper Nikolaus Beckers, den Pferdetreiber Josef Renauld.

Aus der Gemeinde Weisweiler den Oberhauer Josef Fourné (Hücheln) und den Pferdetreiber Gustav Ryezewsky. Aus der Gemeinde Dürwiß den Schlepper und Lokführer Hubert Spoo. Aus der Gemeinde Gressenich den Hauer Josef Klotz. Aus der Gemeinde Eilendorf den Anschläger Wilhelm Pöppinghaus.

Die toten Bergleute hinterließen 14 Ehefrauen, zwei geschiedene Frauen, 26 Kinder und eine schwangere Braut.

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