18. Kambacher VIP-Talk: Herausforderungen für Unternehmen und Industrie in einer digital vernetzten Welt

18. Kambacher VIP-Talk : Herausforderungen für Unternehmen und Industrie in einer digital vernetzten Welt

Der Geschäftsführer des RWTH Forschungs-Instituts für Rationalisierung (FIR), Dr. Volker Stich, sprach während der 18. Ausgabe des Kambacher VIP-Talks, der diesmal in Kooperation mit dem im Jahr 1805 gegründeten Club Aachener Casino stattfand, unter der Überschrift „Digitalisierung und Industrie 4.0“ über die Herausforderungen, denen sich Unternehmen in einer digital vernetzten Welt stellen müssen.

Es dauerte 75 Jahre, bis 50 Millionen Menschen weltweit ein Telefon besaßen. Beim Radio waren 38 Jahre nötig, um diese Zahl zu erreichen, beim Personal Computer (PC) „nur“ noch 16 Jahre. Das sogenannte „Augmented Reality“-Spiel „Pokemon Go“ registrierte diese Reichweite nach fünf Tagen. „Eine Geschwindigkeit, von der wir Ingenieure nur träumen können“, unterstrich Professor Dr. Volker Stich am Donnerstagabend vor zahlreichen Zuhörern in der Tenne des Hauses Kambach in Kinzweiler.

Ob wir es nun wollen oder nicht, eine unumstößliche und unumkehrbare Tatsache benannte Professor Dr. Volker Stich gleich zu Beginn seines Vortrags: „Nahezu niemand kann heute noch glaubhaft behaupten, er habe mit der Digitalisierung nichts zu tun!“ Der große Unterschied zu den bisherigen „industriellen Revolutionen“ sei die außerordentliche Geschwindigkeit, in der enorme Veränderungen vonstatten gingen. „Früher war die Wirtschaft abhängig von Unternehmen, die produziert haben“, so der Referent. Heute konzentriere sich die „Business-Idee“ häufig auf den Börsenwert.

Das US-Technologieunternehmen Apple verfüge über einen Börsenwert, der die Marke von einer Billion Dollar überschritten habe. „Damit ist der Wert höher als der Gesamtwert der 15 größten DAX-Unternehmen“, zog der Direktor des RWTH Campus Clusters Smart Logistik einen Vergleich. Während US-Präsident Donald Trump (ähnlich wie sein Vorgänger Barack Obama) vor allem transpazifisch denke und China inzwischen von einem Selbstbewusstsein geprägt sei, „mit dem wir umgehen lernen werden müssen“, sei in Deutschland und europaweit ein „spätes Interesse“ an der Industrie 4.0 festzustellen. „China investiert derzeit monatlich eine Milliarde Euro in die Künstliche Intelligenz. Deutschland plant, in dieser Hinsicht bis zum Jahr 2023 fünf Milliarden einzusetzen“, stellte Professor Dr. Volker Stich Zahlen gegenüber. „Wir lieben Stabilität, werden aber durch die weltweiten Entwicklungen zur Digitalisierung gezwungen.“

Industrie 4.0

Die Zahl vernetzter Geräte, die bereits heute die Zahl der auf der Erde lebenden Menschen übertreffe, werde weiterhin dramatisch steigen und schon bald die 50 Milliarden-Grenze erreichen. Dabei herrschten in Europa teilweise vollkommen falsche Vorstellungen von anderen Regionen der Welt. „Gerade weil Afrika über wenig Infrastruktur verfügt, sind die Menschen dort auf Vernetzung angewiesen“, so der Referent, der betonte, dass die hierzulande nach wie vor oft herrschende Angst, die Digitalisierung und die Industrie 4.0 würde ausschließlich Arbeitsplätze vernichten und den Menschen quasi überflüssig machen, unbegründet sei. Maschinelles Lernen helfe, komplexe Situationen schnell zu erkennen. „Doch die beste Entscheidungsfähigkeit liegt immer noch beim Menschen.

Auch in Zukunft werden die Hallen der Industrieunternehmen keinesfalls menschenleer sein“, so der Vorausblick des Ingenieurs. Statt den Arbeitnehmer mit der Vorhersage „morgen gibt es dich nicht mehr“ zu erschrecken, gelte es, die strukturelle Intelligenz des Facharbeiters entschlossen an die Digitalisierung heranzuführen. Das „zielorientierte Arbeiten“ und vor allem die „absolute Konzentration auf den Kundennutzen“ müsse in den Vordergrund gerückt werden. „Die Zukunft ist das lernende Unternehmen, in der das Wissen selbstverständlich geteilt wird. Die Verantwortlichen müssen bereit sein, loszulassen und auch das Ausprobieren zulassen“, erklärte Professor Dr. Volker Stich zum Ende seines Vortrags.

Umdenken falle schwer

Während der anschließenden Diskussion erklärte der FIR-Geschäftsführer, dass es für die deutschen Unternehmen noch nicht zu spät sei und es keinen Grund gebe, die Flinte ins Korn zu werfen. Aber: „Es ist mehr Konsequenz notwendig.“ Die „Digital natives“ seien bereit, „vom Kunden aus rückwärts zu denken“. Dieses Umdenken falle deutschen Unternehmern und Ingenieuren nach wie vor schwer. „Der Kunde bezahlt. Also ist es nur logisch, sich auf dessen Wünsche und Vorstellungen zu beziehen“, so Professor Dr. Volker Stich. „Wir lehren an den Universitäten mit Personal und Methoden aus dem vergangenen Jahrhundert“, gab der Referent weiterhin zu bedenken. Dabei müsse sich der Ingenieur von heute vom Profil her anders aufstellen.

(ran)