Eschweiler: Heinz Jussen: Ein anpackender Kämpfer für den Frieden

Eschweiler: Heinz Jussen: Ein anpackender Kämpfer für den Frieden

„Frieden ist verdammt viel Arbeit!“ Dieser Satz, den eine junge Teilnehmerin des Friedensfackellaufs „Flame for Peace“ im vergangenen Jahr irgendwo auf den nahezu 3000 Kilometern zwischen Sarajevo in Bosnien-Herzegowina und Aachen sprach, steht sinnbildlich für das Engagement, das Heinz Jussen seit weit mehr als zwei Jahrzehnten leistet.

Denn der gebürtige Jülicher mit dem bewegten Lebenslauf, der zunächst den Beruf des Bergmanns ausübte, dann die Polizistenuniform überstreifte und schließlich Lehrer wurde, hat sich seit Anfang der 90er Jahre mit ganzem Herzen der Friedens- und Verständigungsarbeit auf dem Balkan verschrieben.

Ovationen: Nach der Dankesrede von Heinz Jussen erhoben sich die Zuhörer im vollbesetzten Ratssaal von ihren Sitzen. Foto: Andreas Röchter

Für seinen unermüdlichen Einsatz wurde Heinz Jussen nun am „Tag der Deutschen Einheit“ im vollbesetzten Ratssaal von den Verantwortlichen des Europavereins „Gesellschaftspolitische Bildungsgemeinschaft“ (GPB) mit dem „Europäischen Sozialpreis zu Eschweiler“ ausgezeichnet.

Anschließend trug er sich ins Goldene Buch der Stadt ein. Foto: Andreas Röchter

Es waren starke Worte, die die Redner der Feierstunde am Samstagnachmittag in den Mund nahmen: Solidarität, Nachhaltigkeit, Mut, Begeisterung, Basis, Gestaltung, Engagement und natürlich und vor allem Frieden! Mit all diesen Begriffen beschrieben sie die Gedankenwelt, in die Heinz Jussen seit einer schicksalhaften Begegnung im Jahr 1992 abgetaucht ist.

Damals brach der Schüler Suad, dessen Eltern im Krieg zu Tode gekommen waren und der nach diesem furchtbaren Verlust aus Bosnien geflüchtet war, vor ihm, dem Lehrer der Abendrealschule Aachen, in Tränen aus. Voller Mitleid und etwas hilflos sprach Heinz Jussen den folgenschweren Satz: „Ich fahre nach Tuzla!“

Obwohl die Stadt mitten im Kriegsgebiet lag und eingeschlossen war, setzte der Pädagoge sein Vorhaben, nicht zuletzt Dank der Unterstützung des Bosniers Ismet Jakupovic, der zur großen Freude Heinz Jussens während der Feierstunde am Samstag zugegen war, in die Tat um. Die Gründung des „Aachener Netzwerks für humanitäre Hilfe und interkulturelle Friedensarbeit“, zahlreiche Hilfskonvois sowie die Initiierung des Jugendtheterprojekts „Bina Mira“ (Bühne des Friedens) folgten.

Im zurückliegenden Jahr lieferte Heinz Jussen dann sein Meisterwerk ab: Ein achtwöchiger Friedenslauf mit 54 Etappenzielen zwischen der Hauptstadt Bosnien-Herzegowinas und der Kaiserstadt, an dem mehrere tausend Jugendliche teilnahmen — pro Etappe waren es mal 15, mal mehr als 50 aus den Balkanländern und Westeuropa.

„Diese jungen Menschen haben dabei sinnlich erlebt, was es bedeutet, etwas gemeinsam zu tun“, lobte die stellvertretende Städteregionsrätin Elisabeth Paul, die Heinz Jussen bescheinigte, mit seinem Tun den europäischen Einheitsgedanken nach vorne zu bringen. Im Hinblick auf die aktuelle Flüchtlingssituation müsse und werde sich die Gesellschaft verändern. „Mit möglichst vielen Heinz Jussens wird dies gelingen“, zeigte sich Elisabeth Paul überzeugt.

Laudator Professor Dr. Winfried Böttcher unterstrich, dass der Preisträger mit seinem sozialen Engagement „einen Lichtstrahl Hoffnung“ in die schwer vom Krieg gebeutelte Stadt Tuzla habe einziehen lassen. „Aber ihm reichte es nicht, nur Hilfstransporte nach Bosnien zu bringen. Er wollte mehr, nämlich Nachhaltigkeit für seine Friedensidee.

Er wollte etwas in den Köpfen junger Menschen im Sinne eines möglichen Friedens verändern. Und Frieden zu schaffen, ist ohne Zweifel das größtmögliche Sozialprojekt!“, betonte der wissenschaftliche Berater der GPB und stieß damit in die gleiche Kerbe wie Annelene Adolphs, Geschäftsführerin der GPB sowie des Direktoriums des Europäischen Sozialpreises, die die Auszeichnung Heinz Jussens vor allem damit begründete, dass dieser „die heilende Kraft des Friedens gegen die zerstörerische Wucht des Krieges“ setze.

Eine ausgesprochen nachdenkliche Rede zum momentanen Zustand Europas hatte zuvor Karl-Heinz Lambertz, Präsident des Parlaments der Deutschsprachigen Gemeinschaft Belgiens, gehalten: „Trotz aller sozialpolitischer Anstrengungen leben wir in einer Welt, in der auch in Europa die Reichen immer reicher, und die Armen immer ärmer werden.“ Doch nur ein soziales Europa könne ein starkes Europa bleiben.

„Dies lässt sich nur mit einem solidarischen bürgerschaftlichen Engagement eines jeden umsetzen“, schlussfolgerte Karl-Heinz Lambertz. „Wir benötigen den Mut, die Begeisterung und die Gestaltungskraft, die Heinz Jussen symbolisiert!“ Bürgermeister Rudi Bertram lobte in seinem kurzen Grußwort die Arbeit der GPB, deren Verantwortlichen es immer wieder gelinge, Menschen, die an der Basis wichtige Arbeit leisteten, in den Vordergrund zu stellen.

An schöne und tragische, aber immer bewegende Momente der vergangenen Monate und Jahre dachte Heinz Jussen in seiner Dankesrede zurück. „Unsere Hilfskonvois fuhren durch ein vom Krieg gepeinigtes Land.

20 Jahre später spielen Jugendliche unterschiedlichster Nationalitäten im Bina-Mira-Projekt gemeinsam Theater und bekommen so die konkrete Gelegenheit, sich mit anderen Kulturen und deren Anderssein konstruktiv auseinanderzusetzen. Und während des Fackellaufs Flame for Peace standen die Jugendlichen und wir als Organisatoren auf den Schlachtfeldern von Srebrenica und Verdun und haben gemeinsam geweint“, setzte der Preisträger, nach dessen Worten sich die Zuhörer von den Sitzen erhoben, ein emotionales Schlusswort.

Musikalisch gestaltet wurde die rund zweieinhalbstündige Verleihung des Europäischen Sozialpreises vom Duo Linda Leharová (Viola) und Martin Smýkal (Bratsche) sowie traditionsgemäß vom Männergesangverein der Siedlergemeinschaft Stolberg-Donnerberg unter der Leitung von Gunther Antensteiner.