Eschweiler: Heinz Hesseler ist Politiker, Kneipenfan und noch viel mehr

Eschweiler: Heinz Hesseler ist Politiker, Kneipenfan und noch viel mehr

Heinz Hesseler wohnt in Bohl und ist ein Kenner des Geschehens in unserer Heimatstadt. Seit über 50 Jahren Mitglied der Sozialdemokratischen Partei Deutschlands und langjähriges Ratsmitglied, zudem Gründungsmitglied des Ortsvereines Eschweiler-Süd, feiert er im Juni seinen 84. Geburtstag. Eschweiler habe für eine Stadt ihrer Größe jede Menge zu bieten, findet er.

Dazu zählt er vor allem das St.-Antonius-Hospital, die Volkshochschule, den Blausteinsee und zahlreiche Schulen. Für ihn ist seine Heimatgemeinde eine „toll geführte Stadt“. Seine Reisen führten ihn bis nach Kenia und an den Baikalsee ins ferne Sibirien. Paul Santosi sprach mit ihm über den Wandel der Zeiten, über Begegnungen mit den Großen der Politik und über den Karneval.

Herr Hesseler, ist es unverschämt, einen Menschen mit einem derart erfüllten Leben nach Hobbys zu fragen?

Hesseler: Nein. Die SPD zählt ja hier nicht. Das war in der Hauptsache eine intensive politische, aber natürlich vor allem ehrenamtliche Tätigkeit. Aber ich bin Karnevalist durch und durch. Vor 73 Jahren wurde ich Mitglied der KG Lustige Reserve. Über einen guten Freund bin ich dann auch vor 52 Jahren noch bei der KG Ulk gelandet, bei der ich Ehrensenator bin. Seitdem Neben dem Karneval höre ich auch sehr gerne Chormusik. Die Städtische Musikgesellschaft hat mir da schon tolle Stunden beschert.

Sind Sie ein bodenständiger, heimatverbundener Mensch?

Hesseler: Ja. Auf alle Fälle. Und das bleibe ich auch, solange die Gesundheit mitspielt.

Wer, wenn nicht Sie, könnte ein Urteil darüber fällen, wie sich Karneval und Brauchtum in den vergangenen Jahrzehnten verändert haben?

Hesseler: Als ich 1960 Zeremonienmeister beim Prinzen war, da gab es 15 Karnevalsgesellschaften. Heute haben wir 22. Karneval hat sich, denke ich, positiv verändert. Das, was wir „volkstümlichen Karneval“ nennen, also vor allem der, der sich auf den Straßen und in den Gaststätten abspielt, ist leider ein wenig auf der Strecke geblieben, die gesellschaftliche Rolle des Brauchtums ist aber ungebrochen. Schon früher sagte ich immer: Wenn Du hier etwas werden willst, dann mach mit beim Karneval. Aber im Ernst: Weiberfastnacht war früher gleichbedeutend mit einer proppenvollen Stadt mit Kostümierten. Gehe Sie heute mal als „Clown“ oder „Hexe“ kostümiert in den Abendstunden in einem Vorort über die Straße. Da werden Sie seltsam angeschaut. Das war früher gang und gäbe.

Wenn es gesellig wird, hat man ja viele Freunde. War das in der Politik auch immer so?

Hesseler: Das war nicht immer so lustig. Aber ich sehe das so: Für mich als Demokraten gibt es keine Gegner, sondern nur politische Mitbewerber, die ich respektiere und achte. In meiner gesamten Zeit im Rat der Stadt habe ich mich nach diesem Grundsatz verhalten. Man muss nicht immer unbedingt einer Meinung sein, aber immer fair.

Der Karneval ist ja nur ein Beispiel für das veränderte Freizeitverhalten der Menschen. Wie war das in einer Zeit, als Gaststätte, Fernsehgerät und Sportplatz zu 90 Prozent die Kultur in unseren Breitengraden bestimmten?

Hesseler: Tja, da sagen Sie was. Wenn es möglich wäre, hätte ich gerne Kneipen wie „Schuum-Jupp“ wieder, also die Gaststätte Schumacher auf der heutigen Indestraße. Aber bitte mit dem damaligen Wirt. Das waren seinerzeit alles echte Originale. Ich bedauere das, aber es gibt heute in Eschweiler keine Kneipe mehr, in der man abends ein Schnäpschen trinken und dabei eine Zigarre piefen kann. Da steht man vor der Türe, wie ein Hund vor der Metzgerei und du darfst nicht rein. Runden ausgeben an der Theke war früher normal. Das geht doch heute bei den Preisen überhaupt nicht mehr.

Zurück zur Politik. 50 Jahre in einer Partei, die zurzeit nicht ganz so gut in den Meinungsumfragen wegkommt. Tut das weh?

Hesseler: Ich bin politisch geimpft (lacht). Der Bruder meiner Mutter, Franz Rüth, brachte mich zu den Sozialdemokraten. Er war selbst 25 Jahre lang Fraktionsvorsitzender, stellvertretender Bürgermeister und 68 Jahre Parteimitglied. Zu den Gewerkschaftsversammlungen am 1. Mai hat er mich immer mitgenommen. Der sozialdemokratische Gedanke war an meinem Arbeitsplatz täglich präsent. Es gab eine sogenannte AFA (Arbeitsgemeinschaft für Arbeitnehmerfragen) innerhalb der SPD. Bei der Gründung auf Bundesebene 1974 in Duisburg war ich selbst als Delegierter mit dabei. Willy Brandt, Helmut Schmidt, Herbert Wehner, die Großen ihrer Zeit waren auch alle vor Ort. Die hab ich dann auch kennengelernt. Nachdem die personenstarken Arbeitgeber in Industrie und Bergbau nicht mehr länger da waren, verlor sich leider auch die Bedeutung der AFA.

Können Sie sich an eine Begegnung mit einem Polit-Prominenten erinnern, die sie nachhaltig beeindruckt hat?

Hesseler: Natürlich. In einem Wahlkampf traf ich Willy Brandt und Dieter Schinzel, der damals ins Europaparlament wollte. Mit dem früheren Bürgermeister Erich Berschkeit war ich mal im Bundestag zu einem Essen eingeladen. Auch da waren Schmidt und Brandt mit von der Partie, mit denen ich mich gut unterhalten habe.

Böse Zungen behaupten, nicht nur hinter den Theken standen früher die besseren Charaktere, sondern auch im Parlament. Ist der moderne Politiker nur noch stromlinienförmig?

Hesseler: Eine gewisse Sterilität ist heutzutage nicht zu leugnen. Personen kommen und gehen. Oder, was mich besonders ärgert, sie verschwinden aus dem öffentlichen Bewusstsein, wie der frühere Staatssekretär Hans-Jürgen Wischnewski, der eine wichtige Rolle neben Helmut Schmidt während des RAF-Terrors in den 70er Jahren spielte.

Die Figur mit der größten tragischen Rolle in der jüngsten Geschichte in der SPD ist ja Martin Schulz.

Hesseler: Der hielt übrigens seine letzte Rede in seinem Amt als EU-Parlamentspräsident beim Neujahrsempfang am 14. Januar 2017 im Eschweiler Rathaus. Sein Wahlergebnis zum SPD-Vorsitz ist bekannt. Die gleichen Delegierten, die ihn wählten, fielen ihm bei den GroKo-Verhandlungen in den Rücken. Das begreife ich beim besten Willen nicht. Für mich ist Martin Schulz ein Politiker mit Format, den wir so in Deutschland kein zweites Mal hatten. Meine Hochachtung hat der Mann. Die Geschehnisse um Martin Schulz sind leider ein schlechtes Beispiel für mangelnde Disziplin innerhalb der SPD.

Erlauben Sie uns einen Rückblick auf Ihre kommunalpolitische Tätigkeit. Wie viele Bürgermeister der Indestadt haben Sie schon erlebt?

Hesseler: Als Parteimitglied? Es dürften fünf sein, nämlich Fritz Koch, Erich Berschkeit, Günter Wagner, Manfred Esser und natürlich Rudi Bertram, der ja auch gleichzeitig Verwaltungschef ist.

Haben Sie eine Erklärung, warum die Eschweiler fast schon traditionell mehrheitlich SPD wählen?

Hesseler: Gute Frage, aber schwer zu beantworten. Ich war 20 Jahre lang Geschäftsführer der Fraktion und kann daher viel mehr über Disziplin und Präsenzpflicht erzählen. Das war früher eindeutig besser und hat sich insgesamt sehr negativ verändert. Rückblickend denke ich, konnten wir einfach sehr viel für die Bürger der Stadt bewegen.

Halten Sie aus heutiger Sicht die verlorengegangene Bausubstanz des „alten Eschweiler“ um die heutige Marktstraße und frühere Judenstraße herum denn nicht auch für eine Sünde?

Hesseler: Ich erinnere mich gut an die damaligen Entscheidungen. Wir lebten in einer Zeit, in der die Menschen auch berechtigte Ansprüche auf modernen Wohnraum hatten. Die windschiefen Häuschen sahen zwar ganz nett aus, aber wer wollte denn darin wohnen?

Ihre Urkunde für die 50-jährige Mitgliedschaft in der SPD hätten Sie gerne von einem ganz bestimmten Menschen unterschrieben, richtig?

Hesseler: Stimmt. Zum 1. Januar 2018 bin ich in der Tat 50 Jahre in der Partei. Zu diesem Zeitpunkt hieß der Vorsitzende Martin Schulz. Daher möchte ich meine Urkunde gerne mit der Unterschrift des amtierenden Vorsitzenden zu diesem Zeitpunkt sehen. Da habe ich meine eigene Meinung wie zum Thema „Erneuerung“. Wie bitteschön soll man eine Partei erneuern? Einen aufgetragenen Anzug kann man vielleicht erneuern, aber nicht eine historisch gewachsene und fest verankerte Volkspartei wie die SPD.

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