Haus St. Josef: Mehr Aufmerksamkeit für „Care Leaver”

Neujahrsempfang im Haus St. Josef : Auch nach der Zeit vor Ort eine Hilfe sein

Das Haus St. Josef ist schon lange eine feste Institution im Bereich der Kinder-, Jugend- und Familienhilfe in der Indestadt. Beim Neujahrsempfang sah Geschäftsführer Wolfgang Gerhards das frühere Kinderheim auch für die Zukunft gut gerüstet, auf dringenden Bedarf machte jedoch Referentin Dr. Severine Thomas in einem anderen Feld aufmerksam: Für viele Jugendliche erfolgt das Ende der Zeit in der Betreuung abrupt, der Übergang in die Eigenverantwortung fällt schwer.

Diesen „Care Leavern” wolle man in Zukunft mehr Beachtung zollen, versprach Gerhards, der mit vielen Kollegen aus St. Josef und befreundeten Häusern den Vortrag verfolgte. Zuvor war es jedoch an dem Geschäftsführer, einen Blick zurück auf das vergangene Jahr zu werfen. Dabei würdigte er besonders die „Helden des Alltags, unsere Kinder und Familien, den Einsatz, den sie zeigen“. Gemeinsam engagierte man sich 2018 für die Tafel, startete Vorleseaktionen und half unbegleiteten, minderjährigen Flüchtlingen, „die in den Mühlen der Bürokratie gefangen sind. Wir wissen, dass die Rahmenbedingungen sehr schwer sind“, so Gerhards, der seit fast 27 Jahren im Dienste des Hauses steht.

Stolz berichtete er vom Bau des neuen Naturspielplatzes und der erfolgreichen Umstrukturierung des Hauses in eine gGmbH. Doch im Jahr 2019 stehe keinesfalls weniger Arbeit bevor: Wieder sollen beliebte Aktionen wie das gemeinsame Pilgern stattfinden, zudem soll verstärkt das Thema Digitalisierung angegangen werden. Der Erweiterungsbau Michelshöfe sei bereits weit in der Planungsphase fortgeschritten, so Gerhards, der gleichzeitig ein neues Inobhutnahme-System mit einem Haus in Kinzweiler plane.

Sorgen bereite ihm hingegen eine andere Front: Das Werben um die Fachkräfte in der Erziehung werde immer stärker. Mit Fortbildungsprogrammen wolle man Personal im Haus St. Josef zusätzlich schulen. „Wir wollen Partizipation und unsere eigenen Angebote nochmals verstärken. Generell sehe ich uns aber für die Zukunft gut aufgestellt“, resümierte Geschäftsführer Gerhards.

Einen spannenden Einblick in das Feld der „Care Leaver“ gewährte der Vortrag von Dr. Severine Thomas. Damit sind die zumeist 18-Jährigen genannt, die aus dem System der Jugendbetreuung herausfallen und plötzlich in die Eigenständigkeit kommen. Die Hannoveranerin kritisierte, dass in Deutschland – im Gegensatz zu Ländern wie Norwegen und Großbritannien – ein Konzept fehle, um die jungen Erwachsenen zu betreuen. Den eigenen Haushalt zu strukturieren und eigenständig zu wirtschaften, falle diesem Personenkreis besonders schwer, wie Thomas mit mehreren Fallbeispielen untermauerte.

Nicht selten ende ein Fall aus der Betreuung dabei in der Arbeitslosigkeit oder sogar auf der Straße. Schlechte Bildung, psychische Belastungen und negative Vorerfahrungen würden den Schritt in die Erwachsenenwelt massiv beeinflussen. So konnten bei der bisher letzten Erhebung im Jahr 2005 ein Drittel der Jugendlichen im Anschluss an ihre Zeit im Jugendheim nicht auf dem Arbeitsmarkt unterkommen. Niedrigschwellige Angebote und die Möglichkeit, jederzeit sich Rat und Beistand im ehemaligen Heim zu holen, sollen diesen Jugendlichen in Zukunft eine bessere Perspektive geben.

(cheb)