Eschweiler: Generalvikar Dr. Andreas Frick: „Auch die Kirche muss lernen“

Eschweiler : Generalvikar Dr. Andreas Frick: „Auch die Kirche muss lernen“

„Wie gehen wir Unternehmer in unserem täglichen Handeln mit Menschen um, die uns anvertraut sind? Haben wir womöglich aus den Augen verloren, dass das Maß des Unternehmers der Mensch und das Maß des Menschen Gott sein sollte?“ Fragen, die Andree Brüning, Vorsitzender der Diözesangruppe Aachen des Bundes Katholischer Unternehmer (BKU), zu Beginn des 12. Kambacher VIP-Talks in den Raum warf.

In Kooperation mit dem VIP-Talk-Organisationsteam um Wolfgang Habedank, Max Krieger sowie Burghard von Reumont hatten die Verantwortlichen des BKU Dr. Andreas Frick, Generalvikar des Bischofs von Aachen, in das Haus Kambach eingeladen. Schließlich verkörpere dieser qua Amt auch die Rolle eines Arbeitgebers. Der Priester befasste sich in seinem Vortrag, der unter der Überschrift „Das christliche Menschenbild als Wettbewerbsfaktor“ stand, nicht zuletzt mit der Frage, wie sich die katholische Kirche in Deutschland in den gesellschaftlichen Veränderungsprozess einbringen könne.

Etwa 37000 Angestellte

Zentrale Bedeutung räumt Dr. Andreas Frick in dieser Hinsicht der Fähigkeit des „tatsächlichen“ Zuhörens ein, wie er zu Beginn seines Referats mit einem Zitat des einstigen Aachener Bischofs Klaus Hemmerle aus dem Jahr 1968 unterstrich: „Ein Gespräch ... stirbt in dem Augenblick, da man nicht mehr aufeinander hört. Hören ist die Grundtugend des Gesprächs, und nur der hört gut, der ganz hört. Ganz hört aber nicht schon, wer alles hört, es sogar so hört, wie es gemeint ist; ganz hört erst, wer im Hören wägt, was er hört.“

Zur Aufgabe eines Unternehmens, und das Bistum Aachen stelle mit seinen insgesamt rund 37.000 Angestellten (hinzukommen etwa 40.000 ehrenamtliche Mitarbeiter) natürlich auch ein Unternehmen dar, gehöre selbstverständlich die ständige Akquise neuen Personals. „Doch welche Mittel haben wir, diese große Aufgabe zu bewältigen? Ich denke, unter anderem die Verkündigung des Evangeliums als frohe Botschaft sowie die Fokussierung auf die Bibel als Weisheits- und Lebensbuch“, erklärte der Generalvikar, der von Mai 2007 bis Anfang 2015 unter anderem als Pfarrer der Gemeinde St. Peter und Paul sowie als Leiter der Gemeinschaft der Gemeinden Eschweiler-Mitte in der Indestadt tätig war, somit am Donnerstagabend also quasi ein Heimspiel hatte.

Das Menschenbild, wissenschaftlich Anthropologie genannt, sei ein nur schwierig zu fassendes Lebensthema. Doch wie sollte das christliche Menschenbild Christen in verantwortlichen Positionen prägen? „Unternehmerischer Erfolg ist menschlicher Erfolg, da er einen Mehrwert auch für andere generiert, wobei dieser Mehrwert keinesfalls ausschließlich durch Geld ausgedrückt wird“, so Dr. Andreas Frick.

Ausschlaggebend sei aber, dass der Mensch das Maß allen Wirtschaftens sei. An diesem Punkt müsse sich die Kirche, die angesichts ihrer Privilegien zu Recht unter strenger Beobachtung der Öffentlichkeit stehe, messen lassen. „Wir Christen haben Menschlichkeit zu bieten und müssen dies auch tun“, so die Forderung des gebürtigen Aacheners, der 1989 in Rom zum Priester geweiht wurde.

Zu den moralischen Grundlagen des Menschen gehörten, wie der Philosoph Richard David Precht erläutere, unter anderem das Mitgefühl sowie ein elementares Gespür für Ungerechtigkeit. Das christliche Menschenbild kenne ebenso die „Dimension des Verlässlichen“. Stichwort „auskömmliche Vergütung“: Im insgesamt sehr reichen Deutschland sei die Zahl der sogenannten Aufstocker, die neben ihrem Arbeitslohn zusätzlich auf staatliche Hilfe angewiesen sind, viel zu hoch. „Auch in unseren Reihen gibt es teilweise zu geringe Vergütungen“, räumte der Generalvikar ein. „Wir bemühen uns, dies zu ändern“, so das Versprechen.

Ziel sei es, den Mitarbeitern Sicherheit zu bieten und ein Betriebsklima zu schaffen, in dem die Menschen gerne für das Bistum arbeiteten und den Auftrag, das Evangelium zu verbreiten, nicht als reinen Broterwerb verstünden. Zur Zielgruppe zählten vor allem junge Menschen. „Das Bistum ist ein Ausbildungsbetrieb. Wer nicht die Ausbildung und Förderung von jungen Menschen wagt und diese integriert, hat keine große Zukunft“, blickte Dr. Andreas Frick nach vorne. Wobei dieser Blick immer auf den Einzelnen gerichtet werden müsse.

Und dies unabhängig des Geschlechts: „Wer die einzelnen Menschen in ihren Lebensphasen und mit ihren individuellen Potenzialen nicht sieht, hat viel verpasst: Frauen bringen, unabhängig ob vor, während oder nach der Familienphase, einzigartige Erfahrungen mit in professionelle Ablaufe und Organisationsentwicklung.“ Unübersehbar sei, dass die katholische Kirche in dieser Hinsicht noch nicht auf der Höhe der Zeit agiere, gab sich Dr. Andreas Frick selbstkritisch.

Dies sei beim Thema „Quereinstiege“, auch im pastoralen Bereich, durchaus anders. „Frischer Wind, der Blick von außen sowie Berufs- und Lebenserfahrung stellen eine glückliche Mischung dar und bergen neues Potenzial in der mobilen Gesellschaft“, so der 53-Jährige, der kurz darauf auf die Zielgerade seines Vortrags einbog.

„Um es kaufmännisch auszudrücken: Der kostbarste Produktionsfaktor ist der Mensch. Dies muss noch mehr in den Vordergrund rücken. Und für den Menschen sind Pausen unabdingbar. Deshalb ist uns der Sonntag, der mehr als ein von Arbeit befreiter Tag ist, heilig!“ In der Ruhe liege die Kraft, die der Mensch für seine Familie und zur Pflege von Freundschaften benötige.

Provokante Frage

In der anschließenden, von Professor Dr. Margot Ruschitzka vom BKU geleiteten Diskussion, stand sowohl beim Referenten als auch seinen zahlreichen Zuhörern nicht zuletzt die „Sprache der Kirche“ im Fokus. „Ist diese so, dass uns die Menschen verstehen. Es ist sehr schwierig, dies zu überprüfen“, erklärte Dr. Andreas Frick. Aus dem Publikum kam die Anmerkung, dass die Kirche es schaffen müsse, ihre Sprache und den Umgang untereinander sowie mit den Gläubigen mit Leben zu erfüllen.

„Sonst gehen wir unter“, so die Vorhersage eines Bistumsmitarbeiters. Der natürlich provokant gestellten Frage, wann die Katholiken eine Pfarrerin und eine Generalvikarin zu einem Gespräch einladen könnten, musste Dr. Andreas Frick die Antwort bis auf weiteres schuldig bleiben. „Ich nehme diese Frage mit nach Aachen und Rom. Aber sicher ist: Auch die katholische Kirche muss lernen!“

Mehr von Aachener Zeitung