Eschweiler: Gefährliche Mischung: Religion und Machtpolitik

Eschweiler: Gefährliche Mischung: Religion und Machtpolitik

Mehr als 300000 Todesopfer hat der Krieg in Syrien bisher gefordert! Der sehr zerbrechlich erscheinende Waffenstillstand ist zwar möglicherweise ein kleiner Hoffnungsschimmer, doch die weltweite politische Ausgangsposition zu Beginn des Jahres 2016 bleibt denkbar schlecht und besorgniserregend.

Dies bestätigten am Donnerstagabend auch die Ausführungen des langjährigen ARD-Journalisten Werner Sonne, der im Rahmen des 5. „Kambacher VIP-Talks“, der diesmal in Kooperation mit der Deutschen Atlantischen Gesellschaft stattfand, unter der Überschrift „Brennpunkt Nahost — Herausforderungen für Europa und die transatlantische Zusammenarbeit“ seine Sicht der Dinge darlegte.

Dabei machte er deutlich, dass der „Krisengürtel“ inzwischen den gesamten Nahen Osten umfasst, über Nord- bis nach Schwarzafrika reicht, China und auch Russland betroffen aber natürlich auch Westeuropa und Deutschland involviert sind.

„Zahlreiche Regionen dieser Welt sind voller Krieg. Wir lesen viel davon, haben aber nicht verstanden, dass Aleppo auch Essen oder Stuttgart bedeuten kann“, zitierte Werner Sonne zu Beginn seines Referats zunächst Bundeskanzlerin Angela Merkel.

In inzwischen 30 Ländern agierten inzwischen Kämpfer des sogenannten Islamischen Staates, seiner Unterorganisationen oder von Al Kaida. „Damit stellt die bestfinanzierte Terrororganisation der Geschichte eine beispiellose Bedrohung dar“, so der ehemalige Auslandskorrespondent.

Auch in Deutschland wachse die islamistisch geprägte Szene dramatisch. „Inzwischen gehören ihr 43000 Menschen an. 8300 Personen sind Salafisten, die den Gottesstaat ausrufen wollen.“ Zu deren Zielen gehöre auch, gezielt Flüchtlinge anzusprechen. „Sie wollen hierzulande den Hass auf die Muslime verstärken und den Westen quasi dazu drängen, militärisch im Nahen Osten zu intervenieren!“

Dort mache der sich immer mehr bahnbrechende Konflikt zwischen dem sunnitischen Saudi-Arabien und dem schiitischen Iran eine „wahnsinnig komplexe Lage“ nicht wirklich durchschaubarer.

„Die Lage zeichnet sich durch eine gefährliche Mischung aus Religion und knallharter Machtpolitik mit zahlreichen Stellvertreter-Kriegen innerhalb der Region aus“, so Werner Sonne. Immer wieder stelle sich die kaum zu beantwortende Frage, wer eigentlich die Guten und wer die Bösen seien! „Nach dem Eingreifen des Westens bilden 60 Staaten eine Anti-IS-Koalition. Doch Russland steht auf Seiten Assads und richtet seine Angriffe keinesfalls in erster Linie gegen den IS. Stattdessen will Russland durch die Unterstützung des Assad-Regimes in Syrien fest Fuß fassen, um wieder als Spieler auf der Weltbühne wahrgenommen zu werden!“, bilanzierte der 68-Jährige.

Und die Rolle der USA? „Barack Obama hat bei seinem Amtsantritt versprochen, sein Land aus den Kriegen herauszuholen. Jetzt stehen keine US-Bodentruppen im Irak oder in Syrien. Mit dem Ergebnis, dass Syrien zerfällt“, stellte der Journalist sachlich fest, um anschließend von einem Gespräch mit einem hohen Bundeswehr-Offizier zu berichten, der die Frage gestellt habe, was eigentlich geschehe, sollte es gelingen, den IS zu zerstören.

„Dann entstünde sowohl im Irak als auch in Syrien jeweils ein Machtvakuum. Wer füllt dieses?“, zuckte auch Werner Sonne mit den Schultern. Und zu allem Überfluss kristallisiere sich bereits die nächste Großbaustelle heraus: „Schauen sie auf Libyen“, wagte der Journalist und Schriftsteller einen wenig ermutigenden Blick in die Zukunft.

Nicht zuletzt sei auch die Sicherheitsarchitektur Deutschlands auf Grund der weltweiten Entwicklungen dramatisch umgekrempelt worden: Nach 14 Jahren sei der Abzug der Bundeswehr aus Afghanistan beschlossene Sache gewesen. Nun habe es mit dem Rückzug vom Rückzug eine „Rolle rückwärts“ mit offenem Ende gegeben. „Inzwischen ist die Bundeswehr in 17 Ländern im Einsatz. Frühere Tabus fallen. Doch der Tenor heißt noch stets: Lasst die Anderen die wirklich harten Einsätze fahren“, unterstrich Werner Sonne, dass die insgesamt bedrohliche Kulisse die Sicherheits- und Außenpolitik Deutschlands in zuvor nicht gekanntem Ausmaß fordere.

Mittendrin im Schlamassel sei darüber hinaus noch die Auseinandersetzung Israels mit den Palästinensern, quasi als „Konflikt im Windschatten“, zu betrachten. „Es gibt inzwischen wieder regelmäßige Angriffe von Palästinensern, die teilweise Israelis mit Küchenmessern, Scheren und Schraubenziehern attackieren, zu verzeichnen.“ Die Ursache sei ganz klar die Hoffnungs- und Perspektivlosigkeit der palästinensischen Menschen.

„Um es klar auszudrücken: Der Friedensprozess ist tot. Einerseits regiert in Israel eine rechtsgerichtete Koalition, andererseits zeigt auch PLO-Chef Mahmud Abbas kaum Bereitschaft, sich zu bewegen.“ Die Chance auf eine Zwei-Staaten-Lösung sei verpasst, die Riesenanstrengung, die die Obama-Regierung unternommen habe, ins Leere gelaufen. Stattdessen habe sich die Redensart, die Palästinenser würden keine Chance verpassen, eine Chance zu verpassen, leider bewahrheitet.

Ebenfalls Anlass zur Sorge bereite die zunehmende Entfremdung zwischen Israel und der deutschen Bevölkerung. Während sich Deutschland sowohl bei den Palästinensern als auch den Israelis großer Beliebtheit erfreue, hätten inzwischen 48 Prozent der Deutschen ein negatives Bild von Israel. „Dies hat sicherlich auch mit den unterschiedlichen Philosophien in beiden Ländern zu tun, die sich nach dem Zweiten Weltkrieg entwickelt haben und nicht zusammenpassen.

In Israel lautete die Schlussfolgerung, nie mehr Opfer und deshalb stark sein, während in Deutschland die Lehre Nie wieder Krieg´ heißt“, schloss Werner Sonne, um anschließend in eine angeregte Diskussion mit seinen Zuhörern einzusteigen. Und zumindest in einem Punkt konnte der Referent zumindest die Mehrheit der Gäste beruhigen: „Ich lege mich fest: Donald Trump wird nicht Präsident der Vereinigten Staaten. So weit geht der amerikanische Wähler im entscheidenden Moment dann doch nicht“, so die Vorhersage.

(ran)