Eschweiler: Gedanken an die Heimat: Erinnerung an Biafra wachhalten

Eschweiler: Gedanken an die Heimat: Erinnerung an Biafra wachhalten

Die Geschichte des Landes und der Menschen, die es bewohnen, reicht 5000 Jahre zurück. Auf einer 500 Jahre alten Landkarte portugiesischer Seefahrer ist die Bezeichnung „Biafar“ vermerkt. Doch gerade die Europäer spielten später eine mehr als unrühmliche Rolle: Denn 1904 verschmolzen die britischen Kolonialherren das Gebiet mit ihrem Protektorat Lagos im heutigen Nigeria.

Der Freiheitsdrang der Bevölkerung aber blieb stark. Am 30. Mai 1967 proklamierte der Militärgouverneur der Ostregion Nigerias die Unabhängigkeit der Republik Biafra, deren Name von der „Bucht von Biafra“ abgeleitet wurde und dessen Bevölkerung weitestgehend christlichen Glaubens ist.

Doch das ansonsten muslimisch geprägte Nigeria gestand den Menschen diese Freiheit nicht zu. Der Grund: Biafra ist außergewöhnlich reich an Bodenschätzen! Unter anderem lagern große Erdölvorräte im Nigerdelta. Ein Bürgerkrieg begann, der bis 1970 andauerte und nach Schätzungen rund fünf Millionen Biafranern das Leben kostete.

Innocent Okechukwu Nna erblickte inmitten dieses Wahnsinns das Licht der Welt und erlebte auch nach dem Ende des Schlachtens Unterdrückung. Im Jahre 2003 flüchtete er nach Deutschland. Inzwischen lebt er gemeinsam mit seiner Frau und den vier Kindern Esther, Innocent, Michael und Brandon in Eschweiler und betreibt eine Reinigungsfirma. Doch seine Gedanken gehen unentwegt in seine Heimat Biafra, wo nach wie vor der Großteil seiner Familie lebt.

„Die Lage dort wird immer schlimmer. Die Regierung mit dem muslimischen Staatspräsidenten Muhammadu Buhari an der Spitze unternimmt nichts gegen die Mörderbanden der Boka Haram oder die muslimischen Nomaden, die, mit Kalschnikows und Macheten bewaffnet, erbarmungslos Jagd auf Christen machen.

Im Gegenteil: Die Regierung unterstützt dieses Vorgehen sogar mit Armee und Polizei“, erhebt er schwerste Vorwürfe, die jedoch unter anderem von Ulrich Delius, Fachreferent der „Gesellschaft für bedrohte Völker“, ausdrücklich bestätigt werden. Katastrophal sei aber vor allem, dass die Menschheit bei all den Brandherden in der Welt kaum Notiz von den Vorgängen im Südosten Nigerias nähme.

Um dies zu ändern, hat sich Innocent Okechukwu Nna der Organisation „Indigenous People of Biafra“ (IPOB) angeschlossen. Diese weltweit agierende Vereinigung von Exil-Biafranern, die über Vertretungen in 88 Ländern verfügt, hat sich das Ziel gesetzt, den „vergessenen Krieg gegen das Volk von Biafra“ in das Bewusstsein der Weltöffentlichkeit zu rücken.

„Die Christen in Biafra sind Opfer unvorstellbarer Gewalt und von jeder Rechtsstaatlichkeit abgeschnitten“, betont auch Tony Nzurumike, der die deutsche IPOB-Zentrale in Düsseldorf leitet. Seit mehr als einhundert Jahren bemühe sich die christliche Bevölkerung Biafras mit der muslimischen Mehrheit Nigerias in Frieden zu leben. „Doch es hat zu keiner Zeit funktioniert. Wir gelten als Ungläubige und sind damit in gewisser Weise Freiwild. Die kulturellen Unterschiede, die Mentalitäten im Allgemeinen, sind einfach zu gegensätzlich“, betont Tony Nzurumike, der auf größere Unterstützung der westlichen Demokratien als in der Vergangenheit hofft.

Denn die Gegenwart sehe folgendermaßen aus: „Buhari reist mehrmals pro Jahr nach Großbritannien, dessen Konzerne bei uns Öl fördern, ohne dafür zu bezahlen und darüber hinaus für Umweltzerstörungen dramatischen Ausmaßes sorgen.“ Der Westen sei einfach viel zu zurückhaltend gegenüber der nigerianischen Regierung, die das Ziel verfolge, Biafra auch in den Köpfen der Menschen zu zerstören.

„Wir möchten in Frieden leben. Dazu brauchen wir Selbstbestimmung, also Unabhängigkeit. Ist diese gewährleistet, benötigen wir keine Hilfe von außen. Die Biafraner sind fleißig und vor allem kreativ. Wir könnten unter Beweis stellen, dass auch ein afrikanisches Land es schaffen kann, europäische Maßstäbe zu erreichen“, ist Tony Nzurumike überzeugt. Nun stünden Bemühungen an, direkte Kontakte zur deutschen Politik und zu Organisationen, wie etwa der Gesellschaft für bedrohte Völker, zu knüpfen. Etwa bei einer Demonstration am kommenden Montag in Berlin.

Werde die Entwicklung nicht gestoppt, sieht Tony Nzurumike die nächste Flüchtlingswelle aus seiner Heimat in Richtung Europa rollen. „Doch wir wollen kein Problem für die Welt darstellen, sondern mit ihr gemeinsam das Problem lösen!“

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