Eschweiler: Ganz Eschweiler feiert Martin Luthers 450. Geburtstag

Eschweiler: Ganz Eschweiler feiert Martin Luthers 450. Geburtstag

„Unauslöschlich“ werde die Erinnerung an diesen Tag sein, versicherte die Lokalzeitung „Bote an der Inde“: „Der 19. November 1933 ist für die evangelische Gemeinde Eschweiler zu einem Gedenktag geworden, der unauslöschlich in die Geschichte der Gemeinde eingetragen ist.“ Gefeiert wurde vor 80 Jahren der 450. Geburtstag von Martin Luther.

Dieser Geburtstag wurde deutschlandweit mit ein paar Tagen Verspätung gefeiert, schließlich war Luther an einem 10. November geboren worden. Aber der Reichsbischof hatte mit der Luther-Feier nicht die Reichstagswahlen am 12. November stören wollen.In Eschweiler wurde der Geburtstag Martin Luthers besonders feierlich begangen. Das hatte auch damit zu tun, dass die Nationalsozialisten, die wenige Monate zuvor an die Macht gekommen waren, die Evangelischen Christen für sich vereinnahmen wollten. Damit hatten sie in Eschweiler leichtes Spiel. Die Evangelische Gemeinde von Eschweiler hatte sich früh den so genannten „Deutschen Christen“ angeschlossen. Das war eine nationalistische und judenfeindliche Bewegung, die versuchte, den Protestantismus an den Nationalsozialismus anzugleichen. In Eschweiler war nicht nur Pfarrer Kreip, der kurz zuvor seinen Dienst angetreten hatte, ein Vorkämpfer dieser nazifreundlichen Bewegung. Mehrere Presbyter waren Mitglieder oder sogar Funktionäre der NSDAP. Der Eschweiler Kirchenchor war umbenannt worden in „Kampfchor deutscher Christen“, evangelischen Jugendlichen wurde nahegelegt, in die Hitlerjugend einzutreten.

Kurz nach dem Luthertag 1933 begann die Bewegung der „Deutschen Christen“ aber schon wieder zu zerbrechen, weil deutlich wurde, dass sie sich offen dem Nationalsozialismus unterordnen und sogar auf das Alte Testament der Bibel verzichten wollte, weil es jüdisch sei. Und der anfangs so begeisterte Eschweiler Pfarrer Kreip soll später sogar Ärger mit der Geheimen Staatspolizei, der Gestapo, bekommen haben, weil er nach dem Brand der Synagoge in der Moltkestraße in einer Predigt für die Juden eingetreten sei.

Beim Luthertag in Eschweiler vor 80 Jahren zeichnete sich das aber erst am Horizont ab. Da wurde vor allem gefeiert. Der Stadtrat hatte wenige Tage vorher dem Antrag zugestimmt, die Demmer-straße umzubenennen in „Dr.-Martin-Luther-Straße“. Das hatte nicht die Evangelische Gemeinde beantragt, sondern „Diese Straßenumbenennung dankt die Gemeinde dem Herrn Bürgermeister und der NS-Stadtratsfraktion, an der Spitze Parteigenosse Sonderkamp“. So der Bericht im „Boten an der Inde“ Der alte Name Demmerstraße hatte seit 1925 an den ersten Pfarrer der Evangelischen Gemeinde erinnert.

Platz schwarz vor Menschen

Einen Überblick über die Feierlichkeiten vor 80 Jahren bieten Zeitungsberichte sowohl des „Boten an der Inde“ als auch der Nazi-Zeitung „Westdeutscher Beobachter“. Sie setzen die Akzente aber durchaus unterschiedlich. So meldete zum Beispiel das Nazi-Blatt stolz, dass der Festzug der evangelischen Christen durch die Stadt von der NSDAP-Kapelle angeführt wurde — der „Bote“ verschweigt dieses Detail.

Der Eschweiler Luthertag 1933 begann mit einem Festgottesdienst. Die 1890-92 errichtete Evangelische Kirche, die nun nach einem Beschluss des Presbyteriums „Lutherkirche“ genannt wurde, war überfüllt. „Am geschmückten Altare bemerkte man eine Fahnenabordnung der Hitlerjugend“ — dieses Detail berichtete natürlich nur wieder der „Westdeutsche Beobachter“. Verschönt worden sei der Gottesdienst durch mehrere Chorvorträge des „Kampfchors Deutsche Christen“.

Am Nachmittag war der Platz zwischen der Evangelischen Kirche und dem Kriegerdenkmal schwarz von Menschen. Feierlich wurde dort von Pfarrer Kreip und den Presbytern eine „Luthereiche“ gepflanzt, die anschließend von Bürgermeister Dr. Kalvelage in die Obhut der Stadt genommen wurde. Die junge Eiche hatte eine merkwürdige Gesellschaft: Wenige Meter entfernt war vorher schon eine „Hitlereiche“ gepflanzt worden. Heute gibt es von beiden Bäumen keine Spur mehr.

Es folgte ein Umzug durch die Stadt, in dem „die evangelischen Kinder der HJ, des BdM, die Schulkinder und die männlichen Glieder der Gemeinde“ (Originalton „Bote an der Inde“) mitzogen. Der Umzug endete in der Schützenhalle, wo Pfarrer Kreip eine Rede über „Luthers Bedeutung für das deutsche Volk“ hielt.

Während das NS-Blatt, der „Westdeutsche Beobachter“, in geradezu begeistertem Ton über die Lutherfeier berichtete, liest sich die Berichterstattung des katholischen „Boten“ eher distanziert. Ein Bericht über das 49-jährige Bestehen des katholischen Jungmännervereins, direkt darunter abgedruckt, bekam eine fettere Überschrift.

Dieb in der Sakristei

Anders als das NS-Blatt meldete der „Bote an der Inde“ auch, und zwar ausführlich, dass sich an diesem Luther-Festtag während des Kindergottesdienstes ein Dieb in die Sakristei geschlichen habe, der die gesamte Festtagskollekte entwendete. Die Beute wurde von der Kripo noch am gleichen Tag entdeckt, die Kassette lag hinter der Kirche versteckt unter einem Haufen Herbstblätter.

Von all dem, was den Luthertag in Eschweiler vor 80 Jahren „unauslöschlich“ machen sollte — die völkischen Festreden, die Luthereiche, die Namensgebung „Lutherkirche“ und die Umbenennung der Demmerstraße in Dr.-Martin-Luther-Straße — ist nur der Straßenname geblieben. Die Kirche heißt heute Dreieinigkeitskirche, und die Luthereiche hat ebenso wie die benachbare Hitlereiche den Zweiten Weltkrieg nicht überlebt.

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