Eschweiler: Frühschwimmer: Nur montags bleiben sie länger liegen

Eschweiler: Frühschwimmer: Nur montags bleiben sie länger liegen

Es ist schon ein besonderes Völkchen, was sich außer montags in Aller-Herrgottsfrühe im Bad trifft: die Frühschwimmer Eschweiler. Und der Titel ist wörtlich gemeint, denn schon um 6 Uhr starten die ersten Menschen mit ihren Bahnen. Dass dies durchaus gesund ist, beweist Rudolf Briefs. Er vollendete am 18. September seinen 91. Geburtstag und feierte dies mit den anderen Mitschwimmern im Jahnbad.

Die illustre Runde trifft sich schon seit Jahrzehnten im Bad, das jüngste Mitglied, der „Benjamin“ zählt gerade einmal 69 Lenze. Aber ein 91. Geburtstag kommt auch in ihren Reihen nicht alle Tage vor. Dabei zählt Briefs nicht zu den „Frühaufstehern“, wie er selbst gesteht. Meist führt ihn sein Weg zwei bis drei Mal in der Woche gegen 9 Uhr in die Halle. Die Familie Briefs wohnt nur einen Steinwurf vom Jahnbad entfernt. Zum Schwimmen kam er erst als Spätberufener, denn als er im altehrwürdigen Kaiserbad die ersten Bahnen zog, war er schon 13 Jahre alt. „Damals musste ich so manche Lästereien über mich ergehen lassen“, sagt er.

Viele Indestädter kennen Briefs als engagierten Hobbyhistoriker im Eschweiler Geschichtsverein. Dort beteiligt er sich an Arbeitskreisen, wenn es seine Gesundheit noch zulässt, und berichtet aus seinen Erinnerungen über Alt-Eschweiler. Als junger Mann erlebte er den Krieg, kam kurzzeitig in Gefangenschaft und kehrte schon im August 1945 wieder in seine Heimat zurück. Seiner Ausbildung zum Kraftfahrzeugmechaniker ließ er eine Lehre zum Chemielaboranten folgen, die ihn über das Elektrowerk zur damaligen Kernforschungsanlage Jülich führte, wo er bis zu seiner Pensionierung im Jahr 1985 arbeitete.

Aus seinem Leben könnte Rudolf Briefs wahrlich viel erzählen. Gerne macht er dies in der Runde der Frühschwimmer. Dort steht der Schwimmsport ohnehin nicht im Mittelpunkt. Man feiert gemeinsam Geburtstage und natürlich Karneval, sitzt an Weihnachten besinnlich beisammen und gönnt sich in der Woche so manches „Verzellchen“ über Gott und die Welt und natürlich über Eschweiler. „Hier wird vor allem viel gelacht“, berichtet Briefs. Kein Wunder also, dass viele ältere Indestädter zu den Frühschwimmern stoßen.

Was der Runde jedoch etwas Sorgen bereitet: Die Zahl der schwimmenden Frühaufsteher schrumpft. Bestand die Gruppe mal aus über 45 Mitgliedern, so sind es aktuell unter 20. Die gute Laune lassen sich die Verbliebenen jedoch nicht davon vermiesen, wie auch Rudolf Briefs an seiner Geburtstagsfeier in der frühen Morgenstunde erfuhr: Brötchen, Kuchen, Kaffee wurden aufgetischt, um den 91-Jährigen hochleben zu lassen.

Bewegung hält jung

Die Bewegung halte ihn jung, erzählt Briefs. Lange kann er zwar nicht im Wasser verbringen, aber für eine halbe Stunde reicht die Kraft noch. Mehrmals in der Woche unternimmt er einen kleinen Spaziergang. Und morgens vor dem Aufstehen bewege er erst einmal alle Finger und strecke die Arme. Frisch halten ihn auch die zahlreichen Erinnerungen, die er hervorholt, um dann im nächsten Satz folgen zu lassen: „Schreiben sie dies bitte lieber nicht.“ Dabei könnte manche Anekdote als Grundlage für einen Roman dienen.

Der Urlaub auf Sylt, als er seine spätere Frau Ursula bei einem Fest kennenlernte, zählt dazu. Für seine Schwiegereltern war Rudolf Briefs zu Beginn alles andere als der perfekte Schwiegersohn. Nicht, weil er einen schlechten Charakter hatte, ungehobelte Manieren zeigte oder ein unsittsames Leben lebte — nein, Briefs war als Rheinländer katholisch, was im protestantischen Schleswig-Holstein, genauer bei den Menschen in Eckernförde gar nicht gut ankam. Es war einige Überzeugungsarbeit zu leisten, die letztlich allerdings fruchtete: „Mit meinen Schwiegereltern bin ich dann prima parat gekommen“, sagt Rudolf Briefs. Mehr noch: Seine Gattin Ursula heiratete er in der katholischen Kirche St. Josef in Schevenhütte.

Mit seiner inzwischen 87 Jahre alten Frau lebt er noch heute in dem Haus, das bereits die Eltern von Rudolf Briefs bewohnten. Nach dem Krieg war zwar einiges zerstört, einige Familienmitglieder waren nach Iserlohn evakuiert worden, aber viele Möbel hatten die Gefechte überstanden. „Ich habe damals einiges reparieren können, zum Glück bin ich ja Handwerker gewesen“, erzählt er.

Zu seinen ersten Gratulanten zählten die sechs Enkel und seine zwei Kinder. Und die Frühschwimmer-Runde, die mächtig auftischte. Nur die eigene Fahne wurde am Donnerstag nicht ausgepackt. Auch das ist allerdings schon vorgekommen. Dann wurde eine Runde ums Becken gedreht und das Geburtstagskind trug eine Schärpe. Auf Kuchen und lustige Anekdoten wurde jedoch nicht verzichtet. Das war man Rudolf Briefs schuldig...

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