Eschweiler: Französischer Generalkonsul Vincent Muller spricht bei Neujahrsempfang

Eschweiler : Französischer Generalkonsul Vincent Muller spricht bei Neujahrsempfang

Ganz „rund“ war der Jahrestag nicht. Doch das Ereignis, das ihm zugrunde liegt, verdient immerwährende Erinnerung: Am 22. Januar 1963 unterzeichneten Charles de Gaulle und Konrad Adenauer den Élysée-Vertag, der die französisch-deutsche Zusammenarbeit festschrieb und einen Meilenstein auf dem Weg zur Freundschaft beider Nationen und Völker markierte.

„55 Jahre später wird dieser Freundschaftsvertrag oft zitiert, aber selten genau gelesen“, betonte am Dienstagabend der französische Generalkonsul Vicent Muller. Der Diplomat war Hauptredner des Empfangs im Hotel de Ville, zu dem der Europaverein „Gesellschaftspolitische Bildungsgemeinschaft“ (GPB) unter der Überschrift „Amis pour la vie - 55 Jahre Freundschaftsvertrag Frankreich - Deutschland“ eingeladen hatte.

„Damals gestalteten Charismatiker und Visionäre die Politik. Persönlichkeiten, die uns heute ein Stück fehlen“, begrüßte der GPB-Vorsitzende Peter Schöner eine ansehnliche Zahl von Gästen im Raum Van Gogh. Keine 20 Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs habe die Unterzeichnung des Élysée-Vertrags ein herausragendes Ereignis der Zeitgeschichte dargestellt. „Sie war die Grundlage für die heutzutage sehr engen Verflechtungen beider Länder und deren Menschen und bildete ein solides Fundament für den europäischen Einigungsprozess“, so Peter Schöner. Historisch und kulturell stünden sich Franzosen und Deutsche ohnehin außergewöhnlich nah. Aber: „Aktuell gerät der Freundschaftsvertrag zu häufig in Vergessenheit“, bemängelte der Gastgeber, bevor er das Wort an Vincent Muller gab.

Der Legationsrat Erster Klasse erklärte einleitend, dass der Blick in die Zukunft zunächst eine kurze Rückschau benötige. Sei das Jahr 2017 ein „Scharnier-Jahr“ nach dem Brexit und der Wahl Donald Trumps zum US-Präsidenten gewesen, in dem sowohl in Frankreich als auch in Deutschland Wahlen stattgefunden hätten, dürfe das gerade beginnende Jahr wohl zu einem „Jahr der Erinnerung“ werden. „Der Erste Weltkrieg endete vor 100 Jahren. In dessen Nachwehen haben wir durch das Diktat von Versailles erneut den Frieden verloren, bevor wir nach den furchtbaren Erfahrungen des Zweiten Weltkriegs mit der Schuman-Erklärung am 9. Mai 1950 den Frieden gewannen“, so Vincent Muller.

Das Jahr 2019 werde dann zum Jahr der Entscheidung: „Es muss klar sein, dass für Europa nicht die Landtagswahl in Bayern, sondern die Wahlen zum Europäischen Parlament im Juni 2019 von größter Bedeutung sind.“ Auf die Wahlbeteiligung werde es ankommen. „Schließlich sind die Aasgeier und Rattenfänger permanent unterwegs“, erklärte der Diplomat durchaus undiplomatisch, um anschließend seine Gedanken zur Lage der Gesellschaft darzulegen. „Über die Einzelheiten der deutsch-französischen Beziehungen können sie jeden Tag etwas lesen“, so die Begründung. Globalisierung, Digitalisierung und Radikalisierung lautetetn einige Schlagworte der Gegenwart. Wobei die Globalisierung „alter Wein in neuem Schlauch“ sei.

„Die Geschichte der Menschheit ist die Geschichte der Globalisierung.“ Nur nähmen die Europäer dies anders wahr als zum Beispiel Indianer im Amazonasgebiet. Genau wie die Globalisierung biete auch die Digitalisierung Chancen, die es zu nutzen gelte. „Allerdings dürfen wir nicht zulassen, dass Google oder Amazon unser Leben bestimmen.“ Das Thema Radikalisierung sei untrennbar verbunden mit den Begriffen Identität und Heimat. „Extremisten haben Erfolg, wenn sie auf Menschen treffen, die sich in ihrer Haut nicht wohlfühlen und sich ihrer Identität eben nicht sicher sind“, unterstrich der Generalkonsul.

Daraus entstehe dann häufig das Gefühl, „der Andere nimmt mir etwas weg“. Deshalb gelte es, mit „dem Anderen“ ins Gespräch zu kommen und das Gemeinsame statt das Trennende zu suchen. Voraussetzung dafür sei nicht zuletzt die Kenntnis der eigenen Geschichte. Die Errungenschaften Europas müssten viel mehr in den Fokus gerückt werden. „Etwa die Idee der menschlichen Vernunft. Nicht der, der am lautesten schreit hat Recht, sondern der, der die besten Argumente anbringt.“ Darüber hinaus sei Europa der Kontinent der Freiheit, auf dem nicht das Volk, sondern der Mensch als Individuum Chancen erhalte.

„In diesen Zeiten dürfen wir nicht weiterwursteln. Die Europäische Union muss reformiert werden“, warb Vincent Muller dafür, neue Wege zu beschreiten. Präsident Macron sei dazu bereit. „Unabdingbar ist, dass sich die Menschen in den Ergebnissen wiederfinden.“ Bilateral sei es enorm wichtig, dass sich Franzosen und Deutsche selbst überzeugten, dass das „deutsch-französische Herz“ weiterhin schlage. „Die zahlreichen Städtepartnerschaften, bei denen die Akteure vor Ort nicht hoch genug einzuschätzende Arbeit leisten, sollten viel mehr gewürdigt werden“, nannte der Diplomat, der auch die Rolle der Zivilgesellschaft gestärkt sehen möchte, ein konkretes Beispiel. „Die Bürger sollen das Heft wieder in die Hand nehmen“, schloss er seine Ausführungen.

(ran)
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