Eschweiler: Forum Medizin im Talbahnhof: Burn-out ist wie ein Infarkt der Seele

Eschweiler: Forum Medizin im Talbahnhof: Burn-out ist wie ein Infarkt der Seele

Den Begriff „Burn-out“ gibt es erst seit wenigen Jahrzehnten. Aber die Krankheit, die damit gemeint ist, gab es schon immer — eine totale Erschöpfung als Folge von jahrelangem übermäßigem Stress. Im Rahmen des Medizin-Forums unserer Zeitung informierten am Donnerstag Fachleute über diese Krankheit: wie man sie erkennt, wie man sie behandelt, wie man ihr vorbeugt.

„Es gibt nicht die Anti-Burn-out-Pille“ fasste Dr. Eberhardt Schneider, der Moderator des Abends, nach knapp zwei Stunden Information und Diskussion zusammen. Aber es gibt es Bündel von Hilfen, die aus dem Zustand des seelischen Ausgebranntseins heraus führen oder dieser Krankheit vorbeugen. Dr. Schneider, Chefarzt der Klinik für Frührehabilitation und Sportmedizin am Eschweiler St.-Antonius-Hospital, nannte drei große Felder der notwendigen Hilfe: Ambulante oder stationäre therapeutische Behandlung, Hilfe aus dem privaten Netzwerk, also durch Freunde und die Familie, drittens schließlich die Änderung des eigenen Lebensstils, um nicht wieder „zurück in die alte Scheiße zu fallen“, wie der Mediziner sich drastisch ausdrückte.

Die Krankheit Burn-out, auch wenn der Name neu ist, wird schon in der Bibel beschrieben; nachzulesen ist das im Buch Exodus, Kapitel 18. So wie Moses, dem damals alles zu viel wurde, geht es heute sehr vielen Menschen, und oft gerade denen, die stolz auf die eigene Leistung sind, die viel schaffen und sich selber viel zumuten. Das sei keine Mode-Diagnose, versicherte Dr. Schneider. Psychische Leiden wie Burn-out und Depression haben bei den Fehlzeiten im Arbeitsleben inzwischen sogar die orthopädischen Leiden wie etwas Rückenschmerzen hinter sich gelassen. Das liege nicht nur an den Belastungen im Arbeitsleben, sondern auch daran, dass Ärzte diese Erkrankungen häufiger diagnostizieren und dass sich die Erkrankten häufiger damit hervor trauen — seelische Leiden haben ja immer noch etwas Anrüchiges.

Die fünf Experten schilderten im Saal des Kulturzentrums Talbahnhof das Krankheitsbild Burn-out, benannten Möglichkeiten der Vorbeugung und Behandlung und stellten sich den Fragen der gut 60 Besucher des Medizinforums.

Das Gefühl, hoffnungslos ausgebrannt zu sein, zählt zum Krankheitsbild der affektiven Störungen und ähnelt stark der Depression. Der Psychiater und Psychotherapeut Parviz Marmadi stellte in Schaubildern dar, wie Depressionen entstehen, was alles dazu beitragen kann — vom Erziehungsstil der Eltern über akute Verluste bis zu Medikamenten, die Depressionen auslösen — und an welchen Symptomen man Depressionen erkennt. Die häufigsten sind Schlafstörungen, gedrückte Stimmung, Konzentrationsstörungen und Suizidgedanken. Wichtig sei auch zu wissen, dass Depressionen sich mit körperlichen Beschwerden tarnen können. Druck im Brustbereich, Unterleibsbeschwerden, Durchfall, Herzstechen — für den Hausarzt sind das Alarmsignale, wenn sich dafür keine organischen Ursachen finden lassen.

42 Stunden Arbeit reichen

Als einen „Infarkt der Seele“, genau so gefährlich wie ein Herzinfarkt, beschrieb Dr. Wolfgang Hagemann den Burn-out. Der Chefarzt der Röher Parkklinik beschrieb mit Beispielen aus der Praxis, wie Burn-out entstehen kann und wie der Weg zurück in die Normalität — genauer gesagt, der Weg nach vorn in ein neues Leben gefunden wird. Auch Dr. Hagemann betonte, Burn-out sei „keine Salondiagnose“: „Der Mann ist platt!“ Und nicht nur der Mann, auch die Frau, und nicht nur der berufstätige Mensch, auch die Hausfrau könne es treffen. Dr. Hagemann nannte eindeutige Grenzen der Belastung: „Mehr als 42 Stunden reine Arbeitsleistung pro Woche sind gesundheitsgefährdend. Man muss dann nicht krank werden, aber man ist gefährdet.“ Und: „Was sich in zwei Jahren entwickelt, ist nicht in zwei Stunden behoben.“

Dem langen, permanent überfordernden Stress als Auslöser des Burn-outs stellte Dr. Hagemann die Ziele einer Therapie gegenüber, die zu einer „ausbalancierten Achtsamkeit“ führen soll. Es bringe nichts, wenn man ans Meer fährt, um sich für zwei Wochen zu erholen, und dann kehrt man zurück und hängt in den gleichen Denkmustern drin und hat das gleiche Anforderungsprofil. Da sei wirklich eine neue Weichenstellung notwendig. Depression, so Hagemann, sei ein Innehalten der Reifung. Diese Auszeit kann die Therapie nutzen, um dem Leben neuen Sinn zu geben: „Ich muss den Sinn für mein Leben neu definieren. Es ist nicht der von vor 20 Jahren.“

Auch Dr. Hagemann wies darauf hin, wie wichtig das soziale Umfeld ist. Dass Menschen in Burn-out-Gefahr jemanden brauchen, der ihnen sagt: „Du lachst nicht mehr, du hast keine Freunde mehr, was ist los?“ Die verschiedenen Lebensbereiche zu stärken sei dann auch Ziel der Therapie. Alle vier Bereiche seien wichtig: Familie, Selbst, Arbeit und Freunde. Gespeist werde dieses „Glückskleeblatt für Wachstum und Reife“ aus den Wurzeln Kultur, Religion und Gesellschaft.

Yoga-Übungen als „ein System, den unruhigen Geist zur Ruhe zu bringen“, schilderte anschaulich die Yoga-Lehrerin und angehende Psychologin Jolanta Griscenka-Zittel. Yoga sei keine Therapie, aber es ergänze die psychotherapeutische Behandlung. Und auch zur Vorbeugung sei Yoga bei gefährdeten Menschen von großem Nutzen. „Es hilft, die Warnsignale des Körpers rechtzeitig wahrzunehmen“. Wer sich auf eine Yoga-Übung konzentriert, der kann nicht gleichzeitig Probleme hin und her wälzen. So werde neue Achtsamkeit gewonnen, der Umgang mit quälenden Gedanken trainiert, die liebevolle Begegnung mit sich selber verbessert und auch das System von Anspannung und Entspannung in ein Gleichgewicht gebracht.

Es muss nicht Yoga sein, auch andere Entspannungstechniken seien hilfreich. Bei dieser Antwort auf eine der vielen Fragen aus dem Publikum waren sich Jolanta Griscenka-Zittel, Dr. Wolfgang Hagemann und der Oberarzt des Eschweiler Euregio-Reha-Zentrums Norbert Schallenberg einig. „Es gibt keine überlegene Methode, sie muss zu den Menschen passen“, formulierte es Schallenberg. Auch Autogenes Training oder Progressive Muskelentspannung nach Jacobson seien gute Hilfen beim Umgang mit drohender Überlastung. Wichtig sei, dass Menschen lernen, mit sich und ihren Belastungen umzugehen. Norbert Schallenberg wies auch auf so genannte Achtsamkeitsseminare hin, Angebote finde man im Internet.

Sport ja, Ehrgeiz nein

Können Sport und Bewegung bei der Burn-out-Prophylaxe hilfreich sein? Die Antwort des Sportmediziners Schallenberg ist ein „Ja, aber“. Gerade ehrgeizige Menschen sind ja gefährdet vom Burn-out, und wer Sport mit Ehrgeiz betreibt, schadet sich in dem Fall mehr, als er sich nutzt. Schallenbergs Rat: Erstens mit dem Hausarzt sprechen. Zweitens ein Ausdauertraining. „60 bis 70 Prozent der maximalen Leistung reichen aus.“ Und bitte nicht in einem leistungsorientierten Fitnessstudio, sondern im Wald, wo man die Natur genießen und sich selber spüren und zu sich selber finden kann: „Mäßig, aber regelmäßig, und ohne Leistungsgedanken.“ Vielleicht bei einem der therapeutischen Lauftreffs. Bei Menschen hingehen, die im Leistungsdenken so tief verhaftet sind, dass es sie krank macht, kann Norbert Schallenberg sich sogar ein ärztliches Sportverbot vorstellen.

„Medikamente sind wichtig und hilfreich“ beantwortete Dr. Hagemann eine entsprechende Frage aus dem Publikum. Aber: Medikamente ändern nichts an der Fehlleitung, die zum Burn-out geführt hat. Entscheidend sei es, die Lebensziele neu zu justieren. Mit Medikamenten allein, beispielsweise mit vom Hausarzt verschriebenen Antidepressiva, lasse sich eine gefährliche seelische Störung wie Burn-out nicht beheben, da war man sich auf dem Podium einig.

Die meist gestellte Frage im zweiten Teil des Abends, beim Gespräch mit den Besuchern des Medizinforums, war die nach den Wartezeiten, sowohl für Therapieplätze in stationärer Behandlung als auch für ambulante Psychotherapien.

Die Fachleute auf dem Podium konnten hier allerdings nur bestätigen, dass es da ein kaum lösbares Dilemma gibt: Ja, die Wartezeiten, oft viele Monate, sind zu lang. Parviz Memedi: „Es geht viel verloren, wenn es zu lange dauert, bis man nach einem Klinikaufenthalt einen Therapeuten findet.“

Er wies deshalb auch auf Einrichtungen wie Selbsthilfegruppen und Angebote wie Tanz- oder Musiktherapien hin.