Eschweiler: Fleißige Retter proben mit Großübung für den Ernstfall

Eschweiler : Fleißige Retter proben mit Großübung für den Ernstfall

Musik dröhnt aus den Lautsprechern. Auf einem bunt geschmückten Planwagen feiern 20 junge Leute feucht-fröhlich die Mainacht. Eben noch trällern sie die Schlager lautstark mit — bis ein lauter Knall durch die Nacht hallt. Aus unbekannten Gründen ist der Planwagen ins Schleudern gekommen und kippt um.

Dabei begräbt er einige der stark alkoholisierten Mädchen und Jungen unter sich. Schwer verletzt und bewusstlos liegt einer der jungen Männer eingeklemmt unter dem dicken Stamm des Maibaumes. Einer der dicken Äste hat sich in seinen Bauch gebohrt. Mit groß aufgerissenen Augen torkeln einige der Jugendlichen, die unverletzt blieben, orientierungslos umher. Nur sechs Mädchen und Jungen haben Glück im Unglück, die anderen 14 liegen zum Teil schwer verletzt auf der Straße und unter dem Planwagen. Einige von ihnen bewegen sich nicht, scheinen schwer verletzt zu sein und einen schweren Schock erlitten zu haben. Sekundenlang ist es gespenstisch still, bevor ein leises Stöhnen zu vernehmen ist. Dann werden die Schmerzensschreie immer lauter.

Der Schockraum stellt die komplexe Schnittstelle zwischen der präklinischen Patientenversorgung durch den Rettungsdienst und die frühe klinische Versorgung dar. Foto: Irmgard Röhseler

Vom Maibaum getroffen

Feuerwehrchef Axel Johnen erklärte die Handlungsabläufe und Zusammenarbeit beim Unfallszenario auf dem Feuerwehrgelände. Foto: Irmgard Röhseler

Ein Unfallzeuge alarmiert Feuerwehr und Notarzt. Mehrere Notarztwagen treffen ein, die Feuerwehr eilt mit mehreren Einsatzfahrzeugen an den Unfallort. Die Retter eruieren blitzschnell die Lage. Der junge Mann, der vom Maibaum getroffen wurde, wimmert vor Schmerzen. In seinem Bauch steckt ein Ast. Sein Kopf ist blutverschmiert.

Die Ärzte diagnostizieren die Thoraxverletzung, ein Schädel-Hirn-Trauma und eine Lungenverletzung. Dem jungen Mann geht es zusehends schlechter. Ein weiterer Schwerverletzter ringt mit dem Tod: der Marcumar-Patient (er nimmt Blut verdünnende Medikamente) hat die Halsvenen gestaut, die Mediziner diagnostizieren eine Herztamponade (eine Kompression des Herzens mit Störung der Herzaktion). Jetzt heißt es vor allem für die Rettungskräfte die Ruhe zu bewahren, die Situation zu checken und die richtigen Entscheidungen zu treffen. Eine Aufgabe, die über Leben und Tod entscheidet.

Gebannt verfolgen die vielen Zuschauer am Samstag das spektakuläre Unfallszenario auf dem Gelände der Freiwilligen Feuerwehr am Florianweg. Das Regionale Traumazentrum Eschweiler (im Trauma-Netzwerk Euregio Aachen) und die Feuer- und Rettungswache Eschweiler probten bereits zum sechsten Mal gemeinsam die Abläufe von realitätsnahen Unfallszenarien mit mehreren Polytraumatisierten — von der Alarmierung bis zur Übergabe im Schockraum, um so bestmögliche Versorgungsabläufe in jeder Situation zu gewährleisten. Für diese Übung war in der Fahrzeughalle der Feuerwache wieder eigens ein Schockraum aufgebaut. Nach der „Erstversorgung“ am Unfallort wurden die „Unfallopfer“ hier vom Notarzt an das Schockraumteam übergeben.

„Man kann unsere Handlungsweise mit der Luftfahrt vergleichen“, erklärt Dr. Oliver Heiber, Chefarzt der Klinik für Unfallchirurgie und Orthopädische Chirurgie am St.-Antonius-Hospital. „Denn auch Feuerwehr, Notärzte und Rettungskräfte sind immer wieder neu zusammengesetzte Mannschaften, die ihren Part perfekt abspulen müssen.“ Die optimale Nutzung des kurzen Zeitfensters in der ‚Golden Hour of Shock‘ muss regelmäßig geübt werden. „Unser Ziel ist es, wertvolle Einsichten in die Arbeit der jeweils anderen Berufsgruppe zu ermöglichen. Das führt zu positiven Effekten. Dieses Wissen hält man aber nur dann aufrecht, wenn man bestimmte Abläufe immer wieder übt“, betont Dr. Heiber.

Die erste Stunde entscheidet

Zigtausende Menschen verunglücken jährlich im Straßenverkehr, bei der Arbeit oder während der Freizeit und erleiden dabei lebensbedrohliche Mehrfachverletzungen, so genannte Polytraumata. Mehr als die Hälfte davon verstirbt noch am Unfallort.

„Häufig entscheidet die erste Stunde nach dem Unglück über Leben und Tod. Die Zeitspanne vom Trauma bis zur Aufnahme in ein Krankenhaus beträgt durchschnittlich etwa 66 Minuten, ein Zeitraum, in dem viele Polytrauma-Patienten ihren Verletzungen erliegen“, erläutert Dr. Heiber. Gründe dafür sind, dass ein Krankenhaus zu weit vom Unfallort entfernt liegt oder nicht genügend auf die Versorgung Schwerstverletzter vorbereitet ist. Muss der Rettungsdienst dann das nächste Hospital anfahren, kann es schon zu spät sein.

„Man spricht von einem Polytrauma, wenn eine Verletzung aufgrund ihrer Schwere oder der Kombination von Einzelverletzungen eine unmittelbare Lebensbedrohung darstellt. Daher vergeht die erste Stunde zwischen einem Schwerstunfall und dem Beginn der Behandlung in der Klinik meist auf der Straße und im Rettungswagen. Man spricht von der ‚Golden Hour of Shock‘, einem Zeitraum also, der die Überlebenswahrscheinlichkeit des Patienten maßgeblich bestimmt.“ Diese Zeit so gut wie möglich zu nutzen, ist das Ziel professioneller präklinischer Polytrauma-Versorgung, so Dr. Heiber.

Der erste Patient konnte bei der Übung am Samstagmittag übrigens nach 35 Minuten in eine Klinik abtransportiert werden. Zwölf Verletzte wurden imaginär auf die umliegenden Kliniken verteilt, die beiden Schwerstverletzten konnten nach der Behandlung im Schockraum ins Eschweiler Krankenhaus gebracht werden.

Vor den spektakulären Aktionen erläuterten Feuerwehrchef Axel Johnen, Brandrat der Feuer- und Rettungswache, die Ärzte des St.-Antonius-Hospitals, Dr. Oliver Heiber, Thorsten Mülly, Joachim Kexel, Dr. Torsten Ruetters, sowie Maximilian Kellner von der Nato Airbase Geilenkirchen und Marcel Krott von der Feuerwehr unter anderem die Einsätze bei Schuss- und Sprengverletzungen und verschiedene Rettungstechniken aus Sicht der Anästhesie, der Unfallchirurgie und Viszeralchirurgie.

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