Eschweiler: Fatih Cevikkollu imTalbahnhof: Leve Jong statt fiese Möpp

Eschweiler: Fatih Cevikkollu imTalbahnhof: Leve Jong statt fiese Möpp

„Du wirst heute Abend viel lachen“, sagte der Kabarettist des Abends bereits zu Beginn voraus. „Du wirst mehr lachen, als du bezahlt hast“, und er sollte Recht behalten. Mit seinem vierten Programm „Fatihtag“ im Gepäck stattete kein anderer als Fatih Cevikkollu den Indestädtern am Mittwochabend im Talbahnhof einen Besuch ab.

Dass viele Deutsche nicht recht wissen, wie sein Name ausgesprochen wird, musste er auch schon mehrfach feststellen. „Herr Cevidingens“ höre er oft. „Ich muss so tolerant sein“, fügte er lachend hinzu. Aber das deutsche Publikum bringe immer die nötige Ernsthaftigkeit mit. Er könne mittlerweile am Lachen erkennen, welche Partei der andere wählt.

„Konzentrierte Arbeitsatmosphäre“ nennt er das Phänomen. Er sei in Köln aufgewachsen, sei „katholisch bis zum Anschlag“, habe den katholischen Kindergarten und die katholische Grundschule besucht. Er sei Kölner, stellte Fatih Cevikkollu auch gleich klar.

„Da komm ich her, das ist meine Heimat.“ Er sei Teil der Abteilung „leve Jong“, die andere heiße „fiese Möpp“. Die seien sozial inkontinent, die Pflanzen gingen ein, wenn einer neben ihnen stände. Zusammengefasst: Er sei einer von den Guten, erklärte er.

Den Laden übernommen

Wenn er im Ausland unterwegs ist, würde er oft gefragt werden, woher er denn komme. „Köln kennt nicht Jeder. Der Poldi und ich arbeiten dran.“ Deshalb sage er immer, er komme aus Deutschland. Die Irritation sei dann echt groß. „Ja, die sehen jetzt so aus.“, antworte er dann manchmal. „Wir haben den Laden jetzt übernommen.“

In seinem Programm ging er auch auf das Religionsthema ein, das sei derzeit in Deutschland ja gesetzt. „Früher Kümmeltürken heute Topterroristen“, fasste er zusammen. Er wohne in Köln, ganz in der Nähe des Doms und habe die 5000 Demonstranten bei der Großdemonstration des letzten Jahres „Hooligans gegen Salafisten“ gesehen.

Seine achtjährige Tochter sei bei ihm gewesen, habe sich hinter seinem Bein versteckt. Auf die Frage, was die denn da machen würden, habe er nur geantwortet: „Das sind Fußballfans. Die ärgern sich, weil sie ein Spiel verloren haben. Allerdings 1945.“

„Ich hasse Terroristen“, warf er kurz darauf in den Raum und ließ das auch erst einmal so stehen. Nach einer kleinen Pause fügte er hinzu, manch einer würde jetzt sicher denken: „wo liegt der Unterschied zwischen Moslems und Terroristen?“ Die Einen seien ein Teil der Lösung, die anderen ein Teil des Problems. „Sei ein Teil der Lösung!“

Gesellschaft im Umbau

Er habe auch festgestellt, dass die Gesellschaft sich im Umbau befände. „Fooddesigner arbeiten jetzt an Fertiggerichten, weil du keine Zeit mehr hast.“ Glutamat als Geschmacksverstärker sei ganz beliebt. „Wenn man sich das auf die Augen sprüht, sieht Cindy aus Marzahn aus wie Michelle Hunziker!“ Jetzt sollen sogar Chips rausgebracht werden, die nicht dicker machen.

Auch über den NSU-Prozess sprach der Kabarettist in seinem Programm. Dabei verwies er auf das Buch „Heimatschutz. Der Staat und die Mordserie des NSU“ von Stefan Aust und Dirk Laabs, in welchem nur Fakten aufgeführt würden. „Wenn du’s nicht lesen magst, ich komm vorbei und les es dir vor“, schlug der Kabarettist auch gleich vor.

Doch zurück zum Programm: beim „Fatihtag“ gehe es nicht um „besoffene Väter mit Bollerwagen, die grillen“, sondern um die Zeit mit seiner Tochter. Ganz schlimm sei für Fatih Cevikkollu das Phänomen Spielplatz gewesen. „Als Vater hast du auf dem Spielplatz nichts zu melden“, musste er schnell feststellen.

Mütter mit ganzen Versorgungsstationen seien auf seine Tochter zugegangen, hätten sich die Bifi in ihrer Hand angeguckt, ihr etwas „Richtiges“ zu essen gegeben und erst einmal gefragt: „Liebes, kennst du diesen Mann?“ Das sei aber ja jetzt vorbei, seine Tochter gehe jetzt zur Schule. Erst letztens habe sie sich gewünscht, alleine zur Schule zu gehen. Er müsse ihr vertrauen, habe sie gesagt. „Natürlich kannst du allein in die Schule gehen, aber nur wenn die Drohne mitfliegt.“

Bei der musikalischen Früherziehung sei ihm dann aber etwas passiert, das ihn umgehauen habe. Die Kinder saßen in einem Kreis, in der Mitte stand ein Xylofon und jedes Kind musste einmal in die Mitte gehen und einen Rhythmus klopfen. Am Ende sei seine Tochter in die Mitte gegangen, habe das Xylofon gespielt und er sei plötzlich ganz aufgelöst gewesen. Am Ende sei seine Kleine nach hinten gekommen und habe gesagt: „Komm Papa, gib mal den Schlüssel. Ich fahr nach Hause.“

Weiser Indianer

Er erziehe seine Tochter auch zweisprachig, erzählte er ganz stolz. Kinder hätten Überkapazitäten, sie könnten 17 Sprachen parallel lernen. „Das, was wir heute machen, ist nur noch Resteverwaltung.“ Die Leute seien immer nur so entsetzt, dass die zweite Sprache türkisch ist. Oft beobachte er seine Tochter, wie sie aufwächst, und vergleiche das mit seiner Kindheit.

Er sei in einer Arbeiterfamilie groß geworden, zu fünft hätten sie in einer 50- m²-Wohnung gewohnt. „Wenn die Sonne rein schien, mussten wir raus.“ Sie wachse in einer Künstlerfamilie auf, Frühstück gebe es um fünf. Ihr Zimmer sei 30 m² groß. „Wenn sie morgens aufsteht und zum Schrank möchte, reitet sie auf ihrem Einhorn durch das Zimmer dorthin.“

Am Ende gab er seinen Gästen eine Geschichte mit auf den Weg von Indianerkindern, die gemeinsam mit dem Häuptling vor einem Lagerfeuer sitzen. Der Häuptling erzählt den Kindern von zwei Wölfen, die sich in dem Kopf eines jeden Menschen das Leben lang bekämpfen würden: das Gute und das Schlechte. Auf die Frage, wer am Ende gewinne, antwortet der Häuptling: „Der, den du fütterst.“

Fatih Cevikkollu begeisterte mit Humor und Intellekt, er brachte seine Zuhörer nicht nur zum Lachen, sondern regte sie ebenfalls zum Nachdenken an.

(jlm)